Jeder und jede, der oder die im Bereich Trainerentwicklung unterwegs ist, wird sie kennen: Methoden und ihre Chancen und Grenzen. Man braucht Methoden (oder Werkzeuge) zum Denken, Unterrichten, Trainieren und Coachen, aber sie können auch behindern, blind und unfrei machen, wenn man sich z. B. zu sehr an sie klammert. Wenn es schlecht läuft, sieht man mit seinem Hammer nur noch Nägel.
Am Montag durfte ich den sportartübergreifenden Lehrgang „Performance-Method-Design“ unter Organisation von Karsten Görsdorf mit einem halbtägigen Kick-off-Workshop eröffnen. Versammelt waren fünf Coaches aus dem Nachwuchsleistungssport, eine Frau aus dem Basketball und vier Männer aus dem Fußball.
Ich erhalte von Karsten nun schon zum zweiten Mal den Auftrag, zum Start etwas Ungewöhnliches zu machen; das geht in etwa so: Der Titel lautet „Ohnmacht, Allmacht, Gestaltungsmacht – Spielraum zwischen Mensch und Maschine.“ Dass sich da auf dem ersten Blick nix zu Sport findet, ist gewollt. Erst auf dem zweiten Blick wird klar, dass die Welt der Coaches – gerade im Leistungssport – nicht ohne Ohnmachts- und Allmachtserfahrungen zu haben ist. Genau das kann man mit dieser „Brille“ bewusster anschauen und sich fragen: Was sind begünstigende Bedingungen für Ohnmacht, für Allmacht? Der Sprung aus der emotionalen Ohnmacht oder Allmacht zur Künstlichen Intelligenz ist vermutlich nicht ganz selbstverständlich und mag zunächst verkopft wirken, hat aber einen Vorteil: Man schaut das neue „Kulturphänomen KI“ mit einem passenden Interpretationsrahmen an, denn es geht um mögliche „Verluste“. Beispiele für Sinn-, Kompetenz-, Sozial- und Kontrollverlust lassen sich leicht finden und man darf und sollte diskutieren, unter welchen Bedingungen diese eintreten oder vermieden werden können und wie sich das bei Lehrnovizinnen und -novizen sowie Ausbildungsexpertinnen und -experten unterscheidet. Als wir beim Thema Gestaltungsmacht waren, bei der Frage, was wir im Zeitalter der KI tun können, ist den Teilnehmenden wahrscheinlich meine Geschichte zu den Tomaten im Kopf hängen geblieben:
Ich habe diesen Sommer Tomaten angebaut. Die kleinen Samen steckte ich in kleine Töpfe. Nun sind die Pflanzen groß, wer hätte das gedacht (über zwei Meter, teils mit dicken Tomaten), aber der kleine Topf ist immer noch da. Tomaten mit kleinem Topf werden wahnsinnig schnell vom Wind umgeblasen, ach. Was ist die Analogie? Im Bild steht der Topf für verkörperte Erfahrungen, also 1000 echte Situationen, in denen man als Coach richtig/falsch unterscheidet (Ethik), in unterschiedlichen Kontexten sicher kein Schema F verwendet (Kontext) und Wissen routiniert nutzt, weil es einen in Fleisch und Blut übergegangen ist (Know-how). Wenn man all das zu wenig hat, also analoge Erfahrung (kleiner Topf), dann kann man der zunehmenden „synthetischen Erfahrung durch KI“ (große Tomate) nichts entgegenstellen, es gibt dann keine Referenz, an der sich das synthetische Urteil reiben kann. Analoges und Synthetisches geraten in Dysbalance … das Ganze kippt. Ergo: Sorgt für analoge Erfahrungen, reflektiert die anständig und baut das auf, was Aristoteles Phronesis, also praktische Klugheit, nannte.
Was hat das noch mit Didaktik zu tun? Nicht wenige sehen in Didaktik eine Art Verpackungskunst. Ist sie aber nicht. Es geht bei jeglichem Zusammenspiel von Lehren und Lernen darum, die Methode zu SEIN statt (nur) Methoden zu HABEN, was ich, glaube ich, von Klaus Eidenschink (nicht nur) entliehen habe. Das mit dem Sein konnten wir im Kick-off, also in knapp fünf Stunden, nicht leisten, aber vielleicht war es ein Anstoß!
Vielen Dank an Karsten, dem Organisator und an alle Teilnehmenden, die sich auf das ungewöhnliche Angebot eingelassen haben. Ein großer Dank geht auch an Trainerentwickler und Kollege Berthold Bisselik, der im Workshop ordentlich mitdiskutiert hat. Wir teilen nicht nur Neugier und große Experimentierfreude bei der Neugestaltung der Trainerbildung in Verband und Verein, sondern haben für zwei Tage „harten Boden“ im Coach House mitten in Berlin geteilt.