Frank Vohle

16. April 2024
von Frank Vohle
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Selbstbeobachtungen

Bücher muss man lesen, wenn die Zeit gekommen ist.

Eines der Bücher, für die „meine Zeit“ gekommen ist, ist das von Klaus Eidenschink und Ulrich Merkens „Entscheidung ohne Grund“. Das schmale, etwa 100 Seiten umfassende Bändchen soll helfen, „Organisationen zu verstehen und zu beraten“.

Wer sich dranmacht, dass Buch zu lesen, muss Abschied nehmen von „richtig-falsch Entscheidungen“ und „feststellbarer Objektivität“, also dem klassischen Credo der Naturwissenschaft. Stattdessen treten komplexere Fragen auf den Plan: „Welche Entscheidung über ein Problem ist für wen zu einem gewählten Zeitpunkt mit welchen Nebenfolgen und mit welchen Zielsetzungen auf welche Weise kommuniziert passend und unpassend?

Um solche Typen von Fragen systematisch anzugehen, schlagen die Autoren neun Leitunterscheidungen vor, die sie in ihren Modell nach einer Sach-, Sozial- und Zeitdimension ordnen (vgl. Metatheorie der Veränderung). Ein Beispiel: „Organisationen müssen sich entscheiden, ob sie eine Regel anwenden oder situativ entscheiden. Dienst nach Vorschrift bringt alles zum Erliegen. Alles nur situativ zu regeln, erzeugt zu wenig Koordination und Verlässlichkeit“ (S.21). Im Beispiel haben wir also eine Leitunterscheidung in der Zeitdimension „Gegenwartbehandlung“ mit den Polen „regelgerecht und situationsgerecht“.

Entscheidend für das Verständnis des Modells sind die „Pole“. Sie bilden keine binären Gegensätze (wie richtig-falsch), sondern beschreiben sich ergänzende Orientierungen, die man in der Praxis beide im Blick haben muss, obwohl sie sich (logisch) widersprechen. Damit das nicht beim dummen Esel endet, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, gilt es vor allem, dynamisch zu fragen, wann und für wen der jeweilige Pol bedeutsam ist bzw. sein sollte.

Nun gibt es aber nicht nur eine Leitunterscheidung, sondern neun! Und keiner dieser Leitunterscheidung ist unabhängig von den anderen. „Das Geflecht und die damit verbundenen wechselseitigen Einflussnahmen, Begrenzungen und Kombinationen sind nicht zu überblicken, nicht zu kalkulieren und nicht zu planen.“ (S.95). Die Autoren sprechen deshalb im Titel ihres Buches von ‚Entscheidung ohne Grund‘. „Da Entscheidungen immer auf gleichwertigen Alternativen beruhen, gibt es für die Wahl keine rationale Begründung, sondern nur Begründungen, die die Willkür in jeder Entscheidung unsichtbar macht oder mildert.“ (S. 95). Na, wunderbar 😊. Hat man das aber verstanden, dann ist es entlastend, denn was realistischerweise übrig bleibt, ist nicht mehr, aber auch nicht weniger (!) als ein „Raten auf hohem Niveau“ über eine prinzipiell unbekannte Zukunft. 

Mich hat das Buch neben dem andersartigen Denkstil (Modell) auch noch in einem speziellen Aspekt angesprochen; es geht um „Kompetenz für Gefühle“. Die Autoren lenken den Blick in die Organisation: „Was alles wird vermieden aus Angst, wird erstrebt aus Gier und Eifersucht, wird unterbunden aus Schuld, wird untersagt aus Furcht, wird verfolgt aus Zorn und Wut, wird erduldet aus Liebe, wird verleugnet aus Scham, wird geglaubt aus Unsicherheit, wird ertragen aus Stolz, wird abgelehnt aus Unterlegenheit, wird fokussiert aus Eitelkeit, wird bekämpft aus Minderwertigkeit, wird verzögert aus Vorsicht, wird abgelehnt aus Kränkung, wird angestrebt aus Begeisterung, wird gut gemacht aus Freude, wird übertrieben aus Leidenschaft, wird genossen aus Lust usf.“ (S.104). Nach dieser Salve denkt man: genauso ist es!

Warum ist das aber wichtig, diese Gefühlskompetenz? Zum ersten „koppeln Gefühle Menschen wahrnehmungsseitig mit der Welt“ (S. 104) und zweitens sind alle Entscheidungen mit Gefühlen gekoppelt. Es wird das gesehen (relevante Umwelt), was gefühlt wird. Man braucht also Zugang zu seinen eigenen Gefühlen, um die Schwingungen bei Mitarbeiterinnen oder Kunden überhaupt erstmal wahrzunehmen – jetzt aber nicht, um mitfühlend oder gefühlig zu sein, sondern um Gefühle genauer zu UNTERSCHEIDEN (ist gibt sehr viele und manchmal täuschend ähnlich „klingende“, wie die Liste im letzten Abschnitt andeutet) und von da aus zu günstigen Interventionen zu kommen. Gefühle werden von den Autoren als „Antworten auf unbewusste Motive“ gedeutet. In diesem Sinne sind sie wichtige „Indikatoren von Mustern“, die man mit einbeziehen sollte … oder knapp und bündig: (Unangenehme) Gefühle sind „Ressonanzoasen“, sie weisen uns den Weg durch große Hitze, belohnen uns aber am Ende (wenn’s keine Fata Morgana ist) mit kühlendem Wasser.

Ich habe anfangs gesagt, dass für dieses Buch meine Zeit gekommen ist. Das klingt dramatischer, als es ist, aber es stimmt. Nach meinem Ausstieg aus dem eigenen Unternehmen (siehe Beitrag), lerne ich sehr, sehr langsam, den Fluss von außen zu beobachten, mich selbst außerhalb des Flusses zu sehen … und wahrzunehmen! Beim Lesen des Buches hatte ich an x Stellen ein Aha-Erlebnis; zu fast jedem Pol, der genannt wurde, werden Personen lebendig, zu allen Leitunterscheidungen gibt es mindestens eine bilderreiche Geschichte und zu der Erkenntnis „Entscheidungen ohne Grund“ gabs bisher nur eine vernebelte Ahnung. Insofern hat das Buch den Realitätstest bestanden 😊, ich verstehe jetzt besser (mich, Team, Organisation, Kunden); und meine „Dschungel-Metapher” mit der finalen Bewertung „schön“, war nicht ganz falsch, wenn man unter „Schönheit“ schlicht „lebendig“ versteht, mit Gefühlen aus dem ganzen Erfahrungsspektrum … und dafür bin ich dankbar.  

6. April 2024
von Frank Vohle
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Der allerunwahrscheinlichste Fall

Zu Ostern haben wir eine „große“ Wanderung gemacht: Einmal Blankenese-Wedel hin und zurück, also über den Daumen 20 km, am schönen Elbstrand entlang. Mit dabei mein jugendlicher Brustbeutel, mit Kreditkarten, Personalausweis und Führerschein, wie sich das gehört oder auch eben nicht. Weil das Wetter sich nicht entscheiden konnte, mal frühlingsheiß, mal winterkalt, wechselte ich fortlaufend Pulli und Jacke und damit auch mein Brustbeutelchen. 

Es kam, wie es kommen musste. Auf dem Rückweg vom Eismann in Wedel waren sie weg, meine Kreditkarten, vor allem der Personalausweis, der mir am Folgetag Einzug nach Italien erlauben sollte. Wir gingen also den gesamten Weg mehrfach ab, fragten zweimal beim Eismann nach, versuchten gemeinsame Spekulationen um das Wo, Wie und Wann des Verlusts … alles nutzte nix. Nach gefühlt 40 km Fußmarsch melde ich den Verlust bei der Polizei Wedel, die den Fall freundlich, aber mit Aussicht auf wenig Erfolg, protokollierte.

Auf dem Rückweg sagte Gabi: „Vielleicht gibt es doch noch gute Menschen, die den Fund zu uns nach Hause bringen. Ist unwahrscheinlich, aber wenn wir nach Hause kommen, hängt vielleicht die Brusttasche an der Tür, logisch auszuschließen ist das nicht!“ So oder so ähnlich hat sie es gesagt, was ich mit einem „Du glaubst auch an den Weihnachtsmann“ lächerlich machte.

Als wir am späten Nachmittag erschöpft und mutlos zurückkamen und um die Ecke zu unserer Haustür bogen, kam uns ein lachendes Gesicht entgegen: „Ist das Ihre Tasche? Ich war mit meiner Freundin in der Gegend und da dachten wir, dass wir die Tasche auch vorbeibringen können.“ Filmreif, wirklich groooooße Freude.

Tja, was soll ich sagen. Wahrscheinlichkeit ist was für Ungläubige.

29. März 2024
von Frank Vohle
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Ist gut jetzt.

„Zum 31. März 2024 scheide ich als Geschäftsführer aus ‚meinem‘ Unternehmen aus.“

Als ich im Februar 2005 die Ghostthinker GmbH gründete, wusste ich nicht, was auf mich zukommt … zehn Millionen Minuten (das sind in etwa 20 Jahre) randvoll mit Angstschweiß, glücklichen Erstlingstaten, kreativen Entwicklungen, kniffligen Situationen, intensiven Leitungstreffen, schlaflosen Nächten, Klinikerfahrungen, ungemein wertschätzenden Kundendialogen, herausfordernden Keynotes, umjubelten Erfolgen, internationalen Anerkennungen und großartigen Teamgeschichten, im Kleinen wie im Großen. Mir hat mal jemand gesagt, Unternehmertum sei „Selbstverwirklichung“ … nee, mein Gott, es ist „Dschungel“, und der ist verdammt gefährlich und verdammt schön zugleich!

In diesen 20 Jahren haben wir – und das sind wirklich alle im Team – viel erreicht: Mehr als 150.000 TrainerInnen arbeiten im gemeinnützigen Sport (DACH-Raum) mit unserem Ansatz, d.h., sie setzen auf eine kompetenzorientierte Mediendidaktik mit Einbezug der echten Lebenswelt (deshalb auch Reality-Based Learning), integrieren passende Bildungstechnologien mit niederschwelligen wie diskussionsorientierten Videomethoden (deshalb auch Social Video Learning) und pflegen den Austausch von Erfahrungswissen zum Aufbau einer gemeinsamen Wissensbasis in organisationsübergreifenden Netzwerken (deswegen auch Community-Based Learning). Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen: Wir Ghostthinker haben daran unseren An-Teil, … aber andere müssen urteilen.

Ich möchte diesen Post nutzen, um öffentlich Danke zu sagen: Zuallererst geht der Dank an meine Frau Gabi Reinmann: Sie hat alles mitgetragen, vom Startschuss bis Schlussstrich, nicht nur passiv und erduldend, sondern aktiv und gestaltend durch ungezählte Ideen und vier gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte (u.a. SALTO und SCoRe), die uns alle weitergebracht haben.

Der Dank geht weiter an alle Mitgesellschafter: Johannes Metscher dafür, dass er seit Beginn dabei ist und ab 2013 Fulltime als Geschäftsführer Ghostthinker in allen Facetten mit aufgebaut hat. Stefan Hörterer dafür, dass er seit 2008 am Start ist und als „Maschinenraum-Chef“ die gesamte technische Infrastruktur verantwortet. Rebecca Gebler-Branch dafür, dass sie ab 2014 den Bereichen Marketing, Sales und HR überhaupt eine Form und nachhaltige Funktion gegeben hat und ab 2018 mit Johannes die operative Geschäftsleitung teilt. Es gäbe zu allen Drein noch sehr viel mehr zu sagen, aber ich muss es hier bei Andeutungen belassen.

Danken will ich ausgewählten Team-Mitgliedern: Dem gesamten Didaktik-Team mit Veronika Christodoulides, Lea Schmidt, Eva Zehnder und Vivian Paules. Sie stehen für eine neuen Generation von Didaktikerinnen mit viel Kreativität und Professionalität. Unsere „Montagsstarts“ waren etwas sehr besonderes und das lag nicht an den philosophischen Exkursen 😊. Große Freude hatte ich auch mit Christopher Branch. Zum einen durfte ich mit ihm den Deutschen Fußball Bund seit 2016 bei der didaktischen Transformation begleiten – ein echtes Raketenprojekt. Zum anderen konnte ich mit ihm über „Neuland“ im Schnittfeld von Sales und Didaktik „spinnen“, was nicht jeder kann. An dieser Stelle müssten nun noch über 20 andere Namen und Danksagungen folgen, was ich aber ins Private verlegen muss.

Ghostthinker wäre nicht Ghostthinker ohne seine Kunden: Quasi vom Start weg war Markus Söhngen (heute Geschäftsführer des TTVN) an der Produktentwicklung beteiligt. Heute nennt man das vollmündig „Co-Creation“. Ihm ist zu danken, dass er edubreak© immer so behandelt hat, als wäre es sein eigenes Kind. Und natürlich sind es auch hier 10, 20, 30 weitere Co-Creatoren aus X Sportorganisationen, die unsere Produktfamilie und die zugrundeliegende Ausbildungsphilosophie entwickelt, gefördert und kontextspezifisch geformt haben. Mindestens zu nennen sind Wolfgang Möbius, Florian Huber und Maik Halemeier beispielhaft für die Spitzenverbände sowie Ines Hellner und Marco Lutz beispielhaft für die LSBs. Sie alle sind Pioniere, die wiederum Andere mit auf den Weg genommen haben! Und schließlich: Es gibt eine Person im DOSB, die zum einen sehr genau darüber wacht, was die Sportverbände wirklich brauchen; zum anderen denkt sie die vielfältigen „Stränge der Digitalisierung“ zusammen: Wiebke Fabinski. Gemeinsam mit ihr und Gudrun Schwind-Gick konnten wir seit 2012 Vieles auf den Weg bringen: ein Online-System mit dem heute 750.000 Lizenzen einheitlich verwaltet werden, ein Online-Wissensnetz, mit dem über 60 Sportorganisationen bundesweit Erfahrungen austauschen, eine praxisnahe Artikelreihe für TrainerInnen und ÜbungsleiterInnen im Schnittfeld von Digitalisierung und Kompetenzorientierung (u.a. mit Ralf Sygusch von der FAU), eine europäische Sportkonferenz mit Partnern aus mehr als 10 EU-Ländern, Inspiration und Unterstützung zu den Olympischen Spielen 2024 und vieles mehr. Frauen-Power der besonderen Art, eher still und wirksam als mit lautem Getöse.

Ghostthinker wäre nicht Ghostthinker ohne Wissenschaft: Neben Gabi bin ich vor allem mit Andreas Hebbel-Seeger seit 2009 im engen Austausch. Dabei kommen die besten Ideen in heißer Sauna nach KO auf den Squashcourt. Aktuell unterstützt er uns mit seinen Studierenden bei einem KI-Entwicklungsprojekt (SpoKI), dass wir Ghostthinker für den DOSB umsetzen dürfen. Mit Ralf Sygusch verbinden mich viele Gespräche zum Brückenschlag von Kompetenzorientierung und Digitalisierung, was nicht nur das DOSB-Kompetenzmodel bereichert hat. Schließlich hat Ruth Arimond mit ihrer Dissertation unser Kernthema “Social Video Learning” nochmal so richtig Begründungsschub verliehen und den Weg in die LehrerInnenbildung gebahnt.     

Abschließend möchte ich einer Person danken, die meinen mehrjährigen Ausscheideprozess (neben 100 anderen Dingen, die sie tun muss) begleitet hat: Rebecca Gebler-Branch. Jeder Gründer, jede Gründerin da draußen ist mit der eigenen Unternehmung funktional und emotional „verstrickt“. Da braucht man jemanden an seiner Seite, dem man vertraut, der mit Takt und Umsicht sagt: So machen wir das! Danke Dir Becky!

Und nun? Es geht weiter. Bildung ist meine Leidenschaft. Als Berater kann man mich „buchen“. Im Kern geht es darum, die Erfahrungen aus dem Sport in die Wirtschaft bzw. Berufsbildung zu übertragen, denn eines ist sicher: Inspiration, Leidenschaft und Teamplay sind Dinge, die man in einer KI-basierten Zukunft braucht, jede Wette!

Herzliches Ahoi aus Hamburg.

21. Januar 2024
von Frank Vohle
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Till Reiners, was ich dir noch sagen wollte…

Am Freitag war ich mit meinem Sohn bei Till Reiners: 800 Fans im Stadttheater Neumünster, Programm-Motto „Mein Italien“ und ein gut gelaunter Till. Der Inhalt in Kürze …

Nach einer spaßigen Einstiegssalve, „Italien, Sprachkurs, Finanzamt“ bot das Motto natürlich auch Tiefgang: Till erzählt von „Chris“. Gemeint ist (der FDP-Politiker) Christian Lindner, sein „neuer Freund“. Er trifft ihn auf einen Kaffee-Schnack in Berlin, begrüßt ihn auf seiner Geburtstagfeier, trägt seine geschenkten Slim-Anzüge, schlürft gemeinsam feinperligen Champagner und bewundert seinen Porsche – alles überraschend politikfrei. Man denkt: „Jetzt hakt’s“. Diese Freundschaft endet in Mailand. Auf einer luftigen Anhöhe, in einem Hotel mit Mondpreisen, sprechen sie dann doch einmal über Politik. „Kinderarmut hat nichts mit Geld zu tun!?“ Beim Ruf- und Fragezeichen scheiden sich die Geister. Till zu Chris: „Ich mag dich nicht“. Chris zu Till: „Du kannst das Hotel jederzeit verlassen“. Till zu Chris: „Ich will, das du gehst … das ist mein Italien!“ Mit dem Schlusssatz wird klar: Hier geht es um Politik, um Verteilungskampf, um Legitimation. „Mein Italien“ steht für das gute und gerechte Leben, geradem Rücken, für unseren Till, wir haben ihn wieder.

Mir hat der Abend sehr gefallen. Das Programm kommt so launig daher. Comedy statt Kabarett, oder? Nee, Till halt, speziell, politisches Comedy, man lacht und denkt „oh ha“.

Zu guter Letzt: Im Anschluss an das Programm konnte man sich von Till ein Poster signieren lassen. Ich war der letzte in der Reihe, also keiner hinter mir. Ich trat also auf Till zu, nette Augen, etwas angeschwollen, von der vielen Arbeit. Ich hätte sagen können: „Till, was für eine großartige Show, was für ein intelligentes Programm, Mensch, gut, dass es dich gibt!“ Und ich? Ich sage nichts, keinen Pieps. Nur, dass ich das Poster haben möchte, mit einer Aufschrift „Für die Ghostthinker“, was er dann auch ohne Murren macht.

Dann eben jetzt: „Till, Du bist ein ‚Leistungsträger‘, klar, nicht im Sinne von Herrn Christian Lindner, sondern im Sinne von Herrn Böckenförde, der sagte: „Der freiheitlich-säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ An diesen Voraussetzungen – an der moralischen Substanz des Einzelnen und am demokratischen Ethos – arbeitets du mit deinen Mitteln.

Klasse!

12. November 2023
von Frank Vohle
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Eine Mondlandung für den Sport

#Weltraum #Planeten #Rakete #Mondlandung #Astronauten #Narrativa #Collabora #Narrativa #Cognatio … worum geht es genau?

Es geht um das edubreak-Event 2023, eine „Weltraumreise“ der Ghostthinker, zu der Bildungsverantwortliche aus allen Sportarten, z.B. Fußball, Basketball, Tischtennis, Motorsport, Golf und viele mehr, Anfang November eingeladen wurden.

Der Auftakt war durch eine kurzweilige Online-Session 14 Tagen vorher gesetzt, in der wir die Leitthemen „Story-, Self- und Community-Learning“ vorgestellt, Themen in DOSB-Kompetenzorientierung eingebettet und alle auf die Space-Mission eingeschworen haben. Dann der Raketenstart in Leipzig am 09. November: An unserer Startrampe, der „Gustav Mahler Villa“, einem sehr schönen und hellen Haus aus der Jahrhundertwende, versammelten sich ca. 30 VertreterInnen der Sportverbände, ah sorry, Astronauten und Astronautinnen, um Neues zu erfahren, sich auszutauschen oder sich einfach nur inspirieren zu lassen.

Rebecca Gebler-Branch moderierte wie immer gekonnt und leichtfüßig durch den Tag. Nach der Begrüßung durfte ich selbst den Einführungsvortrag halten. Mit 10 Raketendüsen wollte ich die treibenden Kräfte oder besser Erfolgsbedingungen für die digitale Transformation im DFB aus den letzten acht Jahre umreißen. Man muss hören, ob mir das gelungen ist.

Im Anschluss jedenfalls wurde der „Goldene Ghosti“ verliehen, das ist so eine Art „Oscar“ für Bildungsverantwortliche, die sich „über alle Maßen“ für die Ideale von edubreak einsetzen, zumindest aber die digitale Transformation mit didaktischer Kreativität, hartnäckiger Schläue, ansteckendem Mut und ausdauerndem Atem vorantreiben (bisherige Preisträger: Markus Söhngen/TTVN und Christian Steinberg/BBL). Besonders wird dieser Preis deshalb, weil der Goldene Ghosti nicht jedes Jahr vergeben wird, sondern „Ghosti“ selbst den Zeitpunkt und den Preisträger festlegt – sehr eigenwillig halt. Dieses Jahr hatte uns „Ghosti“ den Namen Wolfgang Möbius (DFB) zugeflüstert (ins Ohr von Christopher Branch, unserem Case-Manager für den DFB) – eine sehr treffende Wahl, denn auf Wolfgang passen die Kriterien besonders gut!  

Nach diesem feierlichen Akt folgten dann die mit Spannung erwartete Präsentation zur „Neuen edubreak-Welt“: Das sind Innovationen rund um den Social Video-Player, Quer-Verbindungen zwischen Campus, Community und Academy sowie viele neue Features wie schöne Architekturelemente. Anschaulich und zum Anfassen wurde das Ganze im „Discovery Room“, der sich im grottenartigen, aber hell ausgeleuchteten Keller befand. Stephan Ebisch (Product Owner edubreak), Sergej Naumenko (Chief of Player) und Johannes Metscher (Head of All) haben bei der Präsentation vor Kunden und in der Interaktion mit Kunden einen klasse Job gemacht. 

Nach diesen „Input-Teil“ – Astronauten müssen informiert werden – ging es mit den Raketen zu den Workshops, sorry, zu den Planeten. Auf Collabora trafen sich Interessierte rund um die Themen „Self-Learning/E-Learning“ (mit Lea Schmidt & Vivian Pauels), auf Narrativa die „Geschichtenentwickler und -ErzählerInnen“ (mit Veronika Christodoulides) und auf Cognatio (mit Eva Zehnder & Selina John) jene, die intensiver über „das Lernen in Gemeinschaften bzw. über Communities“ nachdenken wollten. Was man so hört, waren alle drei Missionen erfolgreich. Am nächsten Tag jedenfalls stellten alle Teilgruppen ihre Erkenntnisse im Hauptraum der Gustav Mahler Villa vor; da war dann alles dabei: Berichtet wurde von Aha-Erlebnissen und intensiven Diskussionen, dem Kennenlernen neuer und passender Technologien bis zu neuen didaktischen Konzepten, die als „Beute“ für die Rückreise auf den Planeten Erde herhalten und zur Weiterverarbeitung in den Verbänden genutzt werden.

Ich überspringe jetzt mal die Yoga-Session mit unserer frisch aus Indien eingeflogenen Meisterin (Selina), den wunderschönen Abend im Neuen Ratskeller mit für einen „Ratskeller“ ungemein leckerem Essen oder auch die vielen informellen Gespräche in den Pausen, Zwischenräumen und Stadtwegen. Fest steht: Ohne die professionelle Leitung und Moderation des Gesamtevents durch Rebecca, ohne die inspirierenden Inputs und Outputs von Mirjam Hruby, Christian Dambach und Jasmin Nagel (Marketing/Social Media/Design), ohne die Workshoparbeit des Didaktik-Teams zu neuen Themen, ohne den anfassbaren Part „Technologie erleben“ vom Entwicklungs- und Kundenteam und schließlich ohne Menschen (Kunden), die für ein solch „verrücktes“ Angebot mental und emotional offen sind, wäre ein Event wie das in Leipzig keine Reise zu den Sternen, sondern ein Schuss in den Ofen.

Gott sei Dank hatten wir am Ende alle Sternenstaub in den Augen – Augen, die nach langer Vorbereitung, intensiven Tagen und dankbaren Kunden nicht nur etwas müde, sondern auch wässrig waren.

6. September 2023
von Frank Vohle
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Wissens über‘n Gartenzaun werfen

Am 31.08.2023 fand in Essen das EdTech-Forum der Universität Duisburg statt. Ich dachte erst: „EdTech“, da sind alle Bildungsunternehmen Deutschlands am Start, aber weit gefehlt. EdTech steht für „Education & Technology“, was man gut mit „Bildungstechnologien“ übersetzen kann. Professor Michael Kerres – Lehrstuhlinhaber für Mediendidaktik und Wissensmanagement – hatte zusammen mit seinem Team nach Essen eingeladen, um im Rahmen des „Meta-Vorhabens des BMBF“ die Möglichkeiten und Grenzen einer gestaltungs- bzw. designorientierten Didaktik im Kontext primär technologiebasierten Lernens zu diskutieren.

Den Keynote hatte Gabi (Reinmann) von der Universität Hamburg, die mit „Research through Design“ den Tag eröffnete und mit ihren neuen Design-Modell ein Denk- und Sprachangebot lieferte, um den notorisch unterbelichteten „Methodologie-Fleck“ in der gestaltungsorientierten (Hochschul-)Didaktik aufzuhellen. Das Neue (gegenüber bisherigen Modellen) mündet für sie in drei generischen Entwurfshandlungen, nämlich verändernde, untersuchende und ordnende Tätigkeiten, mit der mögliche, wirkliche und verstandene Wirklichkeiten bearbeitet werden. „Gleichzeitigkeit“ und „Oszillation“ sind neue Vokabeln, die „Linearität“ und „Phase“ ablösen. Worum es Gabi auch ging: um einen paradigmatischen Vorschlag, bei dem „Design“ zum leitenden Moment des Erkennens wird, was Folgen für die wissenschaftlichen Standards und die Rolle der Empirie mit sich bringt (vgl. Reinmann, 2023). Das muss man sacken lassen.

Mit Susanne Prediger von der TU Dortmund war eine Forscherin live anwesend, die ich immer schon mal hören wollte: Sie verbindet Gestaltungsorientierung in der Mathematikdidaktik mit dem Designgegenstand „Video“. In ihrem Workshop wurde klar, dass Erklärvideos großes Potenzial haben, dass man Matheaufgaben erfolgreich bewältigt, aber weniger dafür geeignet sind, Mathe zu verstehen. Ha, da gibt es also einen Unterschied 😊. Interaktive Videos mit Fragen, Hinweisen etc. sollen dieses Defizit umgehen. Ihr Video-Beispiel zum selbst Ausprobieren war nachvollziehbar und es wurde auch schnell einsichtig, warum man hier X Entwürfe und Iterationen braucht, damit man den „Kern von Missverstehen“ (in der Mathematik) gefunden hat und eben der „Illusion von Verstehen“ nicht mehr erliegt.

Schließlich war ich noch im Workshop von Peter Brandt vom Deutschen Institut für Erwachsenbildung, der mit Kollegen (Zeitschrift weiter:bilden) ein Innovations-Netzwerk vorstellte, in dem sich Akteure aus Wissenschaft, Praxis und Politik austauschen können und sollen. Hier fiel unter anderem der Satz, dass Wissenstransfer mehr ist als „Wissen über den Gartenzaun“ zu werfen …, sondern? Im Konzept der Perspektivenverschränkung, also einem „aktiven Verarbeiten“ von Wissensangeboten unterschiedlicher Herkunft war die Lösung angedeutet. Klar ist, dass in dieser Unterstützung von Ko-Konstruktion das Wohl und Wehe gelungenen Austauschs liegt. Wie das genau im Netzwerk funktioniert, blieb noch offen, aber mich interessiert dieser Punkt brennend, weil Verstehen und Verständigung zentrale Themen sind, auf die fast alles in dieser verrückten Welt hinausläuft.

Allein diesen drei Impulsen war anzumerken, dass eine gestaltungsorientierte Didaktik dann zielführend ist, wenn sich Akteure aus Wissenschaft und Praxis auf „echte Komplexität“, d.h. Bildungswirklichkeit einlassen (müssen), um gemeinsam Probleme zu sichten und gemeinsam Probleme zu lösen. Dass das nicht mit „Durchwurschteln“ verwechselt werden darf, sondern mit methodischer und intersubjektiver Nachvollziehbarkeit zu tun ist, war Thema und Anspruch des Tages.

5. September 2023
von Frank Vohle
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Nichts ist und wird ohne Frauen

Ich bin aufgewachsen mit „selbstbewussten Frauen“ und „sanften Männern“, wahrscheinlich sehe ich die Welt nicht so, wie sie ist. Aber wer sieht das schon…

Wer die aktuellen Nachrichten und Netzwerkmeldungen verfolgt, und dabei die Frauen im Blick hat, bleibt bei drei Meldungen hängen. Ich möchte etwas dazu sagen, weil es wichtig ist:

Frauen demütigen: Dass der Chef des spanischen Fußball-Verbandes eine Spielerin der Nationalmannschaft nach gewonnen Endspiel – wie man vermuten darf ohne Zustimmung – auf den Mund geküsst hat, ist bekannt. Man streitet darum, ob es eine Straftat oder Ausdruck von Freude ist. Das eben dieses Nationalteam sich über ihren Trainer wegen sexueller Belästigung seit Jahren beschwert (mit Duldung des Chefs) ist ein wichtiger Hintergrund, um das „Küsschen“ zu deuten. „Der Kuss“ steht also symbolisch für missbrauchte Macht und das muss man ächten. Was sollte man tun? Männer müssen sich ändern: die, die in Versuchung stehen, aber auch die, die passiv zuschauen und schweigen. Medien müssen sich ändern, denn die Rede vom Küsschen stützt den Machtmissbrauch und veralbert die, die geküsst werden. Und dort, wo sich unser Wunsch nach Vernunft nicht realisiert, hoffe ich auf mutige Frauen, die im Fall der Fälle verbal und handfest Widerstand leisten: mit einem klaren Nein, einer öffentlichen Backpfeife oder wirksameren Methoden.      

Frauen unsichtbar machen: Dieses Jahr wurde in der ZEIT an den „Marsch auf Washington“ erinnert und damit auch an die radikalen Bürgerrechtlerinnen wie Gloria Richardson, Mahalia Jackson oder Marian Anderson. Sie alle stehen im Schatten des „großen“ Martin Luther King, der mit seiner Rede „I have a dream!“ in der kollektiven Erinnerung blieb. Der ZEIT-Artikel zeigt, dass und wie die Aktivistinnen, ohne die es keinen Marsch gegeben hätte, von der großen Bühne der Anerkennung verdrängt wurden: 1963 steckte man sie in hübsche Kleider statt der gewohnt engen Jeans, man verwehrte ihnen Redeanteile, man sagte ihnen „bleib zu Haus und ruhe dich aus“, damit die öffentliche Aufmerksamkeit den Männern vorbehalten blieb. Während man sie heute „stille Heldinnen“ oder „Kämpferinnen“ nennt, waren es 1963 „Mütter“ und „Ehefrauen“, die ihren Männern beistanden. Coretta Scott King – die Frau von Martin Luther King – war es leid, als „Anhängsel eines Staubsaugers“ dargestellt zu werden. Gegen Ende seiner Laufbahn, als Alfred Hitchcock, der berühmte Regisseur, eine Auszeichnung für sein Lebenswerk bekam, sagte er, dieser Preis gehöre „zu gleichen Anteilen seiner Frau“, einer Frau, die nun wirkliche jede Idee, jedes Drehbuch, jeden Videoschnitt tragend mitgestaltet hatte, wenn man den Recherchen Glauben schenkt. Was sollte man tun? Nichts ist und wird ohne Frauen, das ist eine Tatsache, keine Deutung. „I have a dream“ war schon damals falsch, richtig hätte es heißen müssen „We have a dream“. Merke: Wir haben alle immer nur An-Teil.         

Frauen entrechten: Im vom Taliban geführten Afghanistan haben Frauen keine Rechte: Ihnen verwehrt man mit Gewalt den Schulbesuch, Hochschulen sind eh tabu. Diese Meldung bleibt in den Nachrichten auffallend unterbelichtet. Wäre es weltweit genauso still, wenn alle Männer weggesperrt und von Bildung abgetrennt würden? Ohne Bildung reduzieren sich die Rolle und die zukünftigen Möglichkeiten der Mädchen und Frauen auf winzige Optionen, schrecklich. Was muss man tun? Mädchen haben angefangen, sich in geheimen und kleinen Gruppen zu treffen, unter Lebensgefahr organisieren sie ihre Bildung selbst, greifen nach Strohhalmen, die ihre Zukunft bedeuten. Der in Hamburg ansässige „Afghanische Frauenverein“ hilft dabei, dass afghanische Mädchen Chancen haben. Wenn man die Männergesellschaft im Großem schwer verändern kann, muss man im Kleinen anfangen. Mauern fallen durch Risse.

Ich habe kein Fazit. Aber vielleicht ist die Trennung von Frauen und Männern Teil des Problems. Vielleicht ist es besser, zwischen den „Mutigen“ und den noch „Mutlosen“ zu unterscheiden. Denn am Ende gilt – so scheint mir – unsere Ängste zu überwinden: Angst vor öffentlicher Positionierung (Fußball-Beispiel), Angst vor Anerkennungsmangel (Washington-Beispiel), Angst vor Kontrollverlust (Taliban-Beispiel). Dabei können und sollten wir uns gegenseitig helfen: Frauen, Männer, Diverse sowie die Mutigen und die, die noch ohne Mut sind.

5. August 2023
von Frank Vohle
Kommentare deaktiviert für Die Seele baumeln lassen

Die Seele baumeln lassen

Ein Beitrag von Wolfgang Jenewein auf LinkedIn hat mich mitten im Urlaub „erwischt“: Er reflektiert dort offen über Urlaube, wie sie bei ihm sind und wie sie sein sollten. Er erzählt, dass Urlaube – zumindest früher – durch Frühsport, Kinderfußball und andere Familienaktivitäten gekennzeichnet waren, sie wären in diesem Sinne „durchgeplant“ gewesen. Jeder, der Kinder hat, denkt: Normal! Doch die Ärztin attestiert ihm einen dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel, ein sicherer Hinweis auf Stress, trotz Kinderspaß und dem Gefühl, die Batterien wieder gefüllt zu haben. Die Ärztin rät ferner: „Lass die Seele baumeln“. Jenewein nimmt sich den Rat zu Herzen und experimentiert heute mit Vorsätzen: Einfach mal dasitzen, aufs Meer blicken, an nix denken, loslassen. Gut so!

„Die Seele baumeln lassen“, seitdem ich Jeneweins Post gelesen habe, geht mir die Metapher nicht mehr aus dem Kopf. Nur: Was ist damit genau gemeint? Ich versuche mich in einer Deutung …

Ich denke bei diesem Sprachbild an eine Hängematte, indem mein Körper hin und her schwingt. Oder an ein Kind, das kopfüber mit den Beinen an einer Turnstange baumelt. Also da schwingt was, keine Frage, aber die Seele?

Vielleicht schauen wir zunächst auf den Geist: Der Geist folgt dem Körper bekanntlich nicht auf Schritt und Tritt: Wir können Joggen, bis der Arzt kommt, den Körper also auspowern, aber der Geist arbeitet fröhlich weiter: Nachforderungen aus dem letzten EU-Projekt, habe ich was vergessen? Nächsten Artikel, sind meine Argumente stichhaltig? Kundenwünsche, was will er oder sie wirklich? Die Liste möglicher Gedankenkarusselle ist lang. Aber den Geist kann man beruhigen, durch gemachte Hausaufgaben, gutes Zeitmanagement, Meditation, also „Los-Lass-Übungen“ aller Art.

Aber die „Seele“? Was unterscheidet meine Seele von meinem Geist? Hm, schwer, tiefes Fahrwasser.

Die Seele hat was mit meinem Kern zu tun, meinem Selbst, meiner Potenzialität, also der inneren und äußeren Person, die ich in Zukunft sein werde. In der Literatur ist man sich einigermaßen einig, dass Seele die „Einheit“ aus körperlichen, geistigen, emotionalen, willentlichen und anderen Facetten ist. Aber: Wie kann diese „Einheit“ „baumeln“?

Vielleicht geht es beim Baumeln nicht um ein Hin und Her, vielleicht geht es auch gar nicht so sehr um Ruhe. Wie wäre es, wenn wir die Metapher von der baumelnden Seele als ein „Spiel mit meinem (potenziellen) Selbst“ deuten? Wenn wir durch das Spielen dazu beitragen können, dass die unterschiedlichen und unverbundenen Facetten meines Selbst „zu einer Einheit zusammenfinden“. Das wäre eine hochaktive Tätigkeit, nur eben frei von jeglicher Art von Fremdbestimmung!

Gibt es am Ende also eine Alternative zum Bild der „baumelnde Seele“? Ich werde es mit einem Kreisel versuchen, einer zentrierenden, sich selbst stabilisierenden Drehbewegung. Also, „lass die Seele kreisen“, klingt sehr ähnlich, aber vielleicht führt uns das Bild vom Kreisel und dem Selbst-Spiel in ein anderes Fahrwasser.

26. Juni 2023
von Frank Vohle
Kommentare deaktiviert für Deskilling durch KI: Nach dem rasanten Rauf geht es runter

Deskilling durch KI: Nach dem rasanten Rauf geht es runter

Über den KI-Einsatz (Chat-GPT) in Bildungsorganisationen (Schule, Hochschule, Berufsbildung) wird aktuell viel spekuliert und das ist gut so! Wie anders sollte man sich dem Thema auch nähern als durch Erproben, Reflexion und mehr oder weniger spekulative Gedankenexperimente (Was-wäre-wenn?). Für Empirie und gesicherte Erkenntnis rollt der Zug zu schnell; die normative Frage, was wir denn von der Bildung im KI-Zeitalter wollen, wird auffallend dünn beantwortet.

Ich selbst habe gegenüber der KI ein ambivalentes Verhältnis. Das sagt man genau dann, wenn man auf der einen Seite seine Neugier nicht zügeln kann und bereitwillig mit den neuen Möglichkeiten experimentiert, auf der anderen Seite aber genau in dieser Tat die Bedingung sieht, die hochskaliert auf Millionen von Nutzerinnen weltweit in ein soziales Dilemma führen könnte.

In meinen ersten Beratungssituationen zum Thema, also zur Frage „was man von KI im Kontext von Bildung halten soll?“ nutzen Kunden immer gerne die Werkzeugmetapher. Sie sagen: „KI ist wie ein Werkzeug, ähnlich dem Taschenrechner. Da gab es auch große Befürchtungen, dass die Nutzung zu einer mathematischen Verdummung führe.“

Ich will da mal ansetzen: Ist KI ein (isoliertes) Werkzeug oder eine (globale) Social-Plattform oder eine (unhintergehbare) Kulturtechnik oder noch was anderes? Ich glaube nicht an die Werkzeugmetapher. Wir nutzen sie nur gerne, weil wir das Neue immer mit den Alten erklären und sie uns emotional beruhigt. Alles beim Alten. KI ist aber mehr: Die lokale Wirkung ist atemberaubend, ich will mehr, will mich entlasten, hier ein Konzeptvorschlag, da ein schwieriger Brief. Der Reiz, mich unterstützen zu lassen, wächst mit jedem guten „Dialog“, den ich abgeschlossen habe. Ein still wachsendes Vertrauen in meinen neuen Dialogpartner entsteht in ähnlicher Weise wie das blindes Vertrauen in das Navigationsgerät, das mich seit Jahren an jeden Ort der Welt führt. Was ist da los?

Meine These ist steil, aber ich spreche sie mal aus 😊. In den nächsten fünf Jahren werden wir einen atemberaubenden Anstieg in der Produktivität von Lehrpersonen erleben, allesamt ExpertenInnen ihres Faches mit hoher Urteilskompetenz. Sie haben das Vermögen zum gezielten Prompting, sie werden die Ergebnisse kritisch beurteilen können, sie werden die Streu vom Weizen trennen. Läuft! In den weiteren fünf Jahren (ich denke in 5-Jahresschritten, ehe die nächste Mikrogeneration nachwächst) kommt es zu einer Abflachung der Produktivitätskurve: Diese Generation hat schon KI intensiv beim Aufbau der eigenen Expertise genutzt und dabei versäumt, sich selbst tief in Sprache einzuüben; KI wirkt als Organersatz. In den Folgejahren – und wir reden hier von den KI-Möglichkeiten in 15 Jahren, das sind Lichtjahre – wachsen Generationen auf und nach, denen es wahrscheinlich so geht wie den beiden jungen Fischen im Wasser: Ein alter Fisch kommt vorbei geschwommen und fragt: „Na Jungs, wie ist heute das Wasser?“ Die jungen Fisch: „Wovon sprichtg er?“ … Junge Menschen der Zukunft werden die KI nicht mehr sehen (können), sie sind „embedded“, eingetaucht, verschmolzen mit einer KI-gestützten und -generierten „Realität“ (was das wohl sein wird), von dem sich unser heutige „Naturzustand“ qualitativ unterscheidet. Und für diese Zeit könnte es einen Absturz der Produktivität geben, obwohl die Nutzung von KI für Lehrzwecke zum Standard gehört. Warum? Weil mit jeder KI-Antwort das Sprachvermögen geschwächt wird, so dass man sich, um ein gewisses Niveau zu halten, immer mehr KI Unterstützung holen muss. Systematische Entlastung führt zur Erosion meines Sprachvermögens.   

So könnte es kommen.

Es sei denn, wir entscheiden uns – uns zwar jeder Lehrende – dafür, Sprache und Denken (zwei Seiten einer Medaille) weiterhin auf einem hohen Niveau zu trainieren, ganz bewusst ohne KI-Unterstützung oder in einer Form, die das Denken und die Sprache auf einem neuen Niveau und in einer hohen Qualität anstachelt! Dafür brauchen wir eine tragfähige Idee und geeignete Trainings- und Übeorte und vielleicht auch einen Bereich in unserem persönlichen Portfolio, den wir „Eigenleistung“ nennen und auf den wir auf magische Weise stolz sind.

4. Juni 2023
von Frank Vohle
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Liebesbriefe im KI-Zeitalter

In der Neuen Züricher Zeitung stellt der Rechtswissenschaftler Richard Susskind in einem lesenswerten Beitrag u.a. fest: Wieso sind wir hier? Was heißt das für uns, wenn fast alles, was wir können, auch von einer Maschine erledigt werden kann?“ Das ist also die Frage: Wieso sind wir hier? Auf was können wir „stolz“ sein? Was ist das „Eigene“, wenn bei jedem (Denk)schritt Maschinen helfen? „Eigenleistung“ (Lenk) – für mich ein Referenzbegriff in der noch jungen KI-Bildungs-Grundsatzdiskussion, einer Diskussion jenseits guten Promptings.

Was ist das nun, das Eigene? Ich möchte das am Beispiel eines Liebesbriefs skizzieren. Liebesbriefe? In früheren Zeiten schrieb man der oder dem Geliebten einen handschriftlichen Brief, in dem man seine Zuneigung zum Ausdruck brachte. Das Schreiben war von der Hoffnung getragen, dass das, was man da zu Papier brachte, auf Gegenliebe stoßen möge. Das Problem an diesen Briefen war, dass sie sehr schwer zu schreiben waren, denn das, was man unscharf fühlte, war nicht in Worte zu fassen, und das, was man bereits auf Papier gebracht hatte, klang unendlich lächerlich. Bei ganz viel Mut schickte man den Liebensbrief dennoch mit der gelben Post ab und in der Regel wurde dieser vom Empfänger geschätzt, auch wenn das, was da stand, von einem Dreijährigen hätte stammen können. Wie kann das sein?

Es kam nicht so sehr darauf an, WAS im Brief stand, sondern: zum einen auf den Effekt, was die teils wochenlangen Wortfinde-Versuche mit einem selbst machten, zum anderen auf die vorweggenommene Reaktion: Es war dem Empfänger (vermutlich) klar, dass die Überwindung der Angst – das Coming-out – der eigentliche Zweck des Briefes war, und da schaut man gerne über holprige Formulierungen hinweg.

Was hat das mit KI zu tun? Ich glaube, im Zeitalter von KI werden Liebesbriefe, sofern man sich heute dieser Strategie noch bedient, anders ausfallen: „ChatGPT, bitte erstelle mir einen Liebesbrief für eine Frau mittleren Alters, spreche nicht zu gestellt, schreibe nicht mehr als eine Textseite und benutze Sprachbilder, die meine positiven Gefühle ausdrücken.“ Mit einem Klick hat man zumindest eine erste Vorlage, die man nach eigenen Gutdünken verbessern kann. Nach 5 Minuten könnte der Brief in der Post liegen. Der Empfänger würde sich beim ersten Lesen vielleicht über die geschliffene Sprache wundern, den Verdacht hegen, dass sich der Geliebte von ChatGPT hat helfen lassen. Damit stünde die Wirkung in Gefahr: Nicht die bebend-unsichere Stimme des Liebessuchenden spräche da, sondern die Duden-sicheren Worte einer Maschine, der sich der Autor wie ein Stützrad bedient. Und ja, natürlich könnte ich ChatGPT bitten, eine „Portion Unsicherheit“ in den Text zu bringen. Die Co-Leistung bliebe unentdeckt. Nur, was wäre mit mir? Hätte dieser Brief mich verändert? Könnte ich stolz sein?

Was beim Liebensbrief wie durch ein Brennglas erscheint, ist für mich ein Problem der KI-Bildungszukunft. Wie stolz können wir auf etwas sein, was wir nur mit ordentlicher Unterstützung haben produzieren können? Wo bleibt da der Sinn, die Eigenleistung oder mit Deci/Ryan, das Kompetenzerleben?

Ich denke, in einer Welt fortgeschrittener KI-Unterstützung wird es eine Wiedergeburt der Eigenleistung, der Echtheit, des Authentischen geben. Für mich ist das der Punkt, wo wir nochmal die Bildungsfrage neu stellen werden: Was will ICH wirklich lernen? Zu was will ich mich BILDEN? Im Portfolio der Zukunft werden solche KI-freien Eigenleistungen gesammelt wie Trophäen, ich wette!