Tomatensommer 2026

Wenn man im Oktober die kleinen Halterungen an den Tomatenstangen entfernt – von 2 Metern Höhe bis hinunter zum Fuß –, dann ist das ein wenig so, wirklich nur ein bisschen, wie wenn man zu klein gewordene Kinderkleider in die Hand nimmt. Man spürt die Zeit.

Aber von vorne. Warum Tomaten? Bei mir?

Es war im September 2025, als ich bei meiner Freundin Becky in Bayern war und ihren Garten bestaunte. Darin Tomaten, kleine, große, gelbe und grüne. Ich sagte wohl: Das will ich auch.

Im April bekam ich einen Brief mit Samentütchen, teils lateinischer Beschriftung und genauer Anweisung, wie das geht, mit den Tomaten.

Ich ergänzte mein Wissen mit etwas YouTube, und dann ging es zum Baumarkt, Gartenabteilung. Dort packte ich Tomatenerde und Pappbecher ein. Im Internet bestellte ich ein brusthohes Tomatenhaus aus Holz, um die Pflanzen vor Regen zu schützen.

So, und ab jetzt wird gelernt.

Wer im April startet, ist spät dran, da nützt auch kein Dünger. Pappbecher mit Erde füllen, Samen rein, ein, zwei, drei, vier Stück, egal, einer wird schon überleben. Wasser drauf und warten.

Nach 14 Tagen dachte ich mir: Kommt da noch was? Ja, man muss Geduld haben, und zudem sollte man wissen: Wenn man Samen (zu) tief in die Erde steckt, dann brauchen die kleinen Keimlinge Zeit, um sich nach oben zu kämpfen.

Die Freude war also groß, als das erste Grün aus der Erde kam. OK, jetzt aber, wachsen! 18 Grad? Sonnenlicht? Am Fenster? Heizung? Da der April recht bewölkt war, musste eine Lampe ran. Ähm, viel, wenig? Wer die Lampe zu nah an die Pflanzen hält, verbrennt sie.

Die Pflänzchen wachsen jetzt, lange, dürre Stängel tragen Blätter. Es gibt verschiedene Blätter, ah! Wenn sie eine bestimmte Form haben (erst Keimblätter, dann Laubblätter), dann geht es ans Umtopfen.

Umtopfen. Wie groß muss der Topf sein? Im Übrigen stelle ich fest, dass aus einigen Pappbechern nicht eine, sondern zwei oder drei Keimlinge hervorgegangen sind. Trennt man die jetzt? Wie denn? Stand da nicht was in der Anweisung? Oh je, Trennung. Nur die Starken überleben. Brutal.

Das Umtopfen ist gelungen. Aus Pflänzchen werden Pflanzen, junge Damen und Herren, sozusagen. Die unterschiedliche Lust zu wachsen, sieht man ihnen noch nicht an.

Es wird schnell klar: Ein zweites Umtopfen in größere Töpfe ist nötig. Ich frage meine KI: Mein Tomatenhaus ist 1,20 m hoch, da ist Ende, wie groß müssen die Töpfe sein? Die KI klärt mich auf, dass Tomaten fast 2,20 m hoch werden und große Töpfe mit 40 Litern lieben.

Ach so: 2,20 Meter. Den bisherigen Prozess haben 9 Tomatenpflanzen überstanden. 9 mal 40 Liter mal 2,20 Meter passen nicht in mein Tomatenhäuschen. Ich hatte eher Kniehohes im Sinn.

Also wird das ganze Projekt nach draußen verlegt, da muss halt das knappe Vordach herhalten, 50 cm, Nordseite, eher schattig und regenanfällig.

Im Hochsommer stehen 9 Töpfe nebeneinander. Bald zeigt sich, dass die dürren Stängel Stützen brauchen. Bambus und Halteringe halten die Pflanzen in der Vertikalen. Schneller Wuchs nötigt mich, die Bambusstangen zu verlängern, Klebeband hilft. Mehltau lindere ich mit verdünnter Milch, geht!

In meiner Abwesenheit sorgt Gabi, dass die Töpfe abwechselnd in die Sonne und unters Dach kommen: Nutzung jedes Sonnenstrahls und Meidung von Regen. Ein Windstoß reicht, um den 8-Liter-Topf mit den 2 Meter großen Pflanzen umzuwerfen, Tomaten inklusive.

Ab Spätsommer wird geerntet. Kleine Rispentomaten, halbgroße „Gelbe“ und dicke Fleischtomaten. Sie schmecken herrlich. Eine Kostprobe mit 4 Tomaten schicke ich zum Beweis und Dank nach Bayern.

Jetzt im Oktober endet das Experiment. Wie eingangs gesagt, ist es eigenartig, wenn man die Pflanzen, die man Monate gehegt hat, nun mit der Schere zerschnippelt, damit sie in die grüne Tonne passen. Abschied.

Aber man kann das wiederholen, 2027, vielleicht mit den hüfthohen „Gelben“, die passen ins Tomatenhäuschen. Die Samen habe ich getrocknet, in Tüten gesteckt und draufgeschrieben: „gelbe50er“ (Solanum lycopersicum).

Alles wird, nur anders, als man denkt.