Jahr: 2023

  • ChatGPT und Werte: Was würde Data sagen?

    Vor gut 10 Jahren habe ich eine Rezension zum Buch von Karen Gloy verfasst, die im Wiener Jahrbuch für Philosophie auch veröffentlicht wurde: Es ging um das Thema „Wahrnehmungswelten“, also etwas typisch Menschliches, was Gloy im Kontrast zum Maschinellen abgrenzte. Was war da naheliegender, als mit „Data“ aus Star Trek einzusteigen. Wir erinnern uns, Data – der Androide, der nur eines im Sinn hatte: Er (die Maschine) wollte menschlich werden! Ich kann also sagen, dass mich dieses Mensch-Maschine-Verhältnis immer schon interessierte und Data bot mir anschauliche Gedankenexperimente zur Frage: Was ist das denn –  menschlich? Und was daran ist erstrebens- und damit schützenswert?     

    Mit ChatGPT sind wir schneller als gedacht an den „Anfang der Geschichte“ angekommen. Zwar gibt es 2023 noch lang keine Androiden (erste Gehversuche hier oder GPT & Robots), aber die Tür zu einer „disruptiven“ Entwicklung ist geöffnet: Goldgräberstimmung, globaler Wettbewerb, Kapital und endlos viele (hilfreiche wie bedrohliche) Anwendungen. Was braucht man mehr?!

    In der aktuellen Diskussion zu ChatGPT im Kontext Bildung (Schule, Hochschule, Corporate Learning) überwiegen die optimistischen Stimmen. Es soll experimentiert werden! Dem folge ich, denn wie sollte man anders die Chancen und Grenzen von der KI im Bildungskontext ausloten? Was wir aber neben Experimentierfreude AUCH brauchen, ist eine Diskussion über Werte. Ehe das als „Spaßbremse“ oder gar als „Blauäugigkeit“ missverstanden wird: Die Diskussion über Werte hat nicht die Primärfunktion, uns vor der „KI zu schützen“ (Bollwerk Werte), sondern darum, worum es Data (s.o.) immer ging, um die Frage, wie wir uns im Zeitalter von KI und (totaler) Simulation als Menschen (!) definieren wollen. „Kreative Originalität“ (nach der jetzt alle rufen) steht zumindest auf dem Prüfstand, wenn man sich die Ergebnisse aktueller KI-Anwendungen in Text, Bild, Video und 3D anschaut.

    Gabi hat sich in einem Artikel (Impact Free) dem Thema angenommen. Es ist ein erstes, lautes Nachdenken (zaghaft und tastend also) mit Hochschulbezug. Aber mit der Frage „Wozu sind wir hier?“ macht sie den Anspruch, die Fragerichtung, deutlich. Es geht um Selbstvergewisserung, Grundfragen und vorläufige Antworten. Antworten sehen anders aus, wenn man sie (mit)verantwortet.

  • ChatGPT und Critical Thinking als Zaubertrank

    Die Bildungslandschaft ist durch ChatGPT in Aufruhr. Laut nachgedacht wird über den Einsatz von ChatGPT bei der Aufgabenerstellung und Aufgabenlösung, im Lernprozess und bei Prüfungen. Während die einen die neuen Möglichkeiten euphorisch ausloten, sind andere kritisch bis ablehnend. Auch Verbote werden ausgesprochen. Was sagt uns das?

    ChatGPT „macht“ etwas mit unserem Bildungssystem, mit den Menschen, die darin wirken, mit deren Selbstverständnis und deren Routinen. Und das ist gut so, denn Reformen sind gefühlt noch nie „aus dem Inneren“ der Bildung gekommen, sondern durch Politik und Wirtschaft, also von „außen“ angestoßen, vielleicht auch „über Bande“ diktiert worden (vgl. Pisa, Bologna etc.).

    Nun ist eine Reform aber kein Selbstzweck, sondern eine Antwort auf neue Anforderungen, die die Gesellschaft an das Bildungssystem stellt. Weil die Zukunft (die immer mit der Gegenwart beginnt) andere Anforderungen an MitarbeiterInnen hat als noch vor 50 Jahren, verlangt man von den Schulen und Hochschulen Anpassungen: AbsolventenInnen sollen fachkompetent sein, logo, vor allem aber kommunikativ, empathisch, kreativ, sie sollen sich in (MS)Teams wohl fühlen, um Probleme der Gesellschaft zu lösen. All diese an die Zukunft angepassten Eigenschaften nennt man „future skills“ (vgl. Ulf Ehlers) und wer will und vor allem kann dazu schon nein sagen?!

    Was man jetzt im Zuge von ChatGPT immer stärker hört (z.B. hier), ist die Forderung nach „critical thinking“, ein wichtiger, wenn nicht zentraler Teil der future skills. Die Argumentation geht in etwa so: Wenn ChatGPT alle Prozesse der Wissens- und Produkterstellung „unterstützen“ kann, dann wird genau das passieren (~ Murphys Gesetz). Wenn es passiert, dann müssen die Menschen gut (~ kritisch) darin sein, (a) zu begründen, warum sie eine KI verwenden, (b) auszuwählen, welche KI sie nutzen, (c) wie sie die KI richtig verwenden und (d) mit welchen technisch-psychologischen Strategien sie sich gegen Fakes aller Art schützen. Die Tatsache, dass nicht mehr nachprüfbar ist, ob der Zuwachs an Wissen dem Autor oder dem Chatbot zuzurechnen ist, ist ein Problem, was uns aktuell nur deshalb so große Bauchschmerzen macht, weil es ins Herz unseres selbst verschuldeten Selektionsauftrags hineinragt.

    Was ist aber nun dieses „critical thinking“, dieser Zaubertrank, welcher uns im Zeitalter der KI stark machen soll? Zum einen hat diese Denkform und Haltung etwas mit Distanznahme zu tun: sich von Informationen, Personen, Organisationen nicht einwickeln lassen, Abstand halten können zwischen dem „Ich“ und dem „Anderen“, um z.B. Täuschung zu erkennen. Das ist kognitiv, emotional und willensmäßig anspruchsvoll – im Zeitalter der Simulation eine große, vielleicht auch unmögliche Herausforderung. Zum anderen hat diese Denkform und Haltung etwas mit Zupacken zu tun: sich mit Elan und Verve einer Sache verschreiben, im Team unternehmerisch sein, was nicht zwingend was mit Geldverdienen zu tun hat, sich anstrengen und schmutzig machen, auch auf die Gefahr hin, dass man Schaden nimmt oder gar scheitert!

    „Distanznahme“ und „Zupacken“, ein Widerspruch? Ich glaube nicht, eher etwas, was sich gegenseitig bedingt und konstituiert, in jedem Fall aber ein voraussetzungsreiches Ziel bzw. voraussetzungsreiche Ziele. Um solche Ziele annährend zu erreichen, braucht man geeignete Lern- und Lebensorte, z.B. Hochschulen. Hochschulen in Zeiten von KI werden anders sein müssen als die heutigen. Mit ein wenig „KI-Anwendung“ (wie kreativ auch immer) ist es eben gerade NICHT getan oder noch stärker: Damit dürfte die genuine Idee der Hochschule – als besondere Orte, die sich eine Gesellschaft leistet – verfehlt sein. Zieht man die beiden Zauberwörter Distanznahme und Zupacken nochmal heran, dann gilt es doch zunächst, nach der Schule die Distanzahme zu üben, d.h. sich auf die Antwortalternativen zu konzentrieren, welche die Hochschule und nur die Hochschule hervorbringen kann. In Kürze: Nur durch Distanznahme ist ein akademisches „Zupacken“ möglich und auch das muss man üben!

    ChatGPT wird uns dazu zwingen, noch mal neu über Bildung nachzudenken, radikaler als früher. Hochschulbildung, vor allen Lehrerinnenausbildung, Managementausbildung und Ingenieursausbildung, stehen dabei in besonderer Verantwortung. Sie brauchen eine starke Idee, welche die Reform von innen vorantreibt, proaktiv, ohne die Stimmen der Außenwelt zu ignorieren.

  • Weblogs & Chatbots: Wenn Quadrate auf Kugeln treffen

    Als ich 2005 mit meinem eigenen Weblog startete, hatte ich zusammen mit Gabi Reinmann und Sebastian Fiedler eine Unterhaltung in irgendeiner Kneipe im Nirgendwo. Es ging um die einfache Frage, was ein Weblog ist oder genauer, was ein Weblog wesentlich ausmacht. Sebastian hatte die Jahre zuvor seinen Abschluss in „Instructional Design“ an einer amerikanischen Universität gemacht und er war für unsereins ein interessanter (und auch sehr bereichernder) Nerd, vor allem, aber nicht nur, was das Thema Weblogs anging. Während Gabi und ich wie selbstverständlich auf den „Beitrag“, den „Post“, pochten (darin stecke doch die Kreativität, oder?), pochte Sebastian ebenso energisch auf die RSS-Feeds. Es war für uns Nicht-Nerds ein geflügeltes Wort für das, was wir zwar der Mechanik nach, aber nicht wirklich tief verstanden: „RSS-Feed“.

    In diesen Nuller-Jahren entdeckte ich auch erstmals Beats Bibliothek. Hinter „Beat“ steht der Schweizer Informatiker und Bildungsdidaktiker Beat Döbeli Honegger und hinter seiner „Bibliothek“ steckt, ja was denn, eine Art „Luhmannscher Zettelkasten“, wie er selbst schreibt. Zu finden sind dort u.a. Texte, Begriffe, Personen, Fragen, Aussagen und Hitlisten rund um das Thema Medienbildung. Alle Elemente – über eine Million – sind verknüpft und bilden einen persönlichen Thesaurus, weswegen der Name Beats Bibliothek treffend ist. Was mich fasziniert: Ich sah damals beim ersten Lesen noch nicht annähernd, was sich da herausbilden sollte; ich hatte dafür keine Kategorie im Kopf, die mir helfen konnte, zu verstehen. Jetzt aus der Rückschau, nach 25 Jahren, mit alle den Erfahrungen und Vergleichen (Zettelkasten, Hypersystem, Internet) ist es klar(er), zumindest sehe ich den Sinn, die Umrisse und den Hintergrund einer „Memex“, einer persönlichen „Ontologie“.

    Seit ein paar Wochen gibt es im Bereich der Bildung scheinbar nur noch ein Thema: Chatbots. Zwar ist KI/AI seit Jahren bekannt, aber (bisher) gefühlt sehr weit weg von der eigenen Arbeit in Schule, Hochschule und Berufsbildung. Mit „GPT“ von OpenAI ist ein Prototyp verfügbar, der KI für alle Nicht-Nerds erlebbar macht. Was diese Maschine kann, ist erstaunlich bis ernüchternd (vgl. klasse Vortrag von Jörg Löviscach), je nach Erwartung und Expertise. Exemplarisch und übervereinfacht kann man aktuell drei Standpunkte an Hochschulen ausmachen: Christian Spannagel fordert z.B. einen pragmatisch-experimentellen und auch „nüchternen“ Umgang mit Chatbots, um Erfahrungen zu sammeln, die ein tieferes Verständnis fördern. Beat Döbeli Honegger hat damit begonnen, systematisch Vor- und Nachteile zusammenzutragen, um das Thema für sich und andere grundsätzlicher einzuordnen. Gabis Beiträge zeigen offen die Ungewissheit und die tastende Suche nach einem erhellenden Begriffshorizont für das, was „da vor sich geht“ und gehen sollte! (vgl. Wettrüsten oder Wertewandel?)

    Was verbindet nun diese drei Geschichten und warum erzähle ich sie? Sebastians RSS-Feed, Beats Ontologie und OpenAIs Chatbot überstiegen und übersteigen mein Denken: Ich hielt beim Thema Weblog etwas für wesentlich, was aber gar nicht wesentlich war, ich verstand weder die Dynamik noch den langfristigen Nutzen eines persönlichen Hypernetzwerks und natürlich (!) verstehe ich nicht die Implikationen für Bildung und Gesellschaft, was Chatbots und die zukünftigen Versionen des ersten Prototyps betreffen.

    Bei all dem geht es mir in etwa so, wie dem (zweidimensionale) Quadrat aus dem Roman „Flatland“, das erstmals auf eine (dreidimensionale) Kugel trifft. Wikipedia schreibt: „Erst nach langer Mühe gelingt es der Kugel, das Quadrat von der Existenz der dritten Dimension zu überzeugen, und sie nimmt es zu einem Rundflug über seine zweidimensionale Heimat mit.“ Ich habe also Hoffnung, dass wir uns in die höhere Dimension des Denkens hineinfinden, um besser zu verstehen, was da vor sich geht und was unser Beitrag gestaltend (Design) wie begrenzend (Ethik) auf der Ebene der Organisation bis zur Menschheit als Ganzes sein kann. Aber ich meine nicht ganz falsch zu liegen, dass es sich bei GPT & Konsorten um ein qualitativ neues Phänomen handelt, weit mehr als ein Werkzeug, das wir vorerst nur in Analogien zu schon bekannten Dingen verstehen, aber für das wir eine neue Denkdimension erschaffen müssen: Was ist an GPT „kugelig“ und wo ist unser Denken bis her „quadratisch“?

    Vier Dinge beunruhigen mich, ich gebe es zu: (a) Die Geschwindigkeit und Qualität, mit der sich KI-gestützte Software entwickelt (s.o.), (b) die Geschwindigkeit und Qualität mit der sich KI-gestützte Roboter entwickeln, (c) die fast unbegrenzten Geldmittel von Investoren und Verteidigungsindustrie in xx-Milliardenhöhe, mit denen a und b unterstützt werden und (d) wie wenig mutig wir immer noch in der Bildung über all dies sprechen und Konsequenzen ziehen. Mein Ruderlehrer sagte immer, „machen sie sich Gedanken“, … nachdem jemand von uns ins Wasser gefallen war. Recht hatte er.