Jahr: 2022

  • Welcher Wolf wird gewinnen?

    Von Davide Brocchi habe ich mir eine Geschichte ausgeborgt: Ein Großvater sagte einst zu seinem Enkel: „In mir findet ein Kampf statt, ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Einer ist schlecht, böse, habgierig, eifersüchtig, arrogant und feige. Der andere ist gut – er ist ruhig, liebevoll, bescheiden, großzügig, ehrlich und vertrauenswürdig. Diese Wölfe kämpfen auch in dir und in jeder anderen Person.“ Der Junge dachte einen Moment nach und fragte dann: „Welcher Wolf wird gewinnen?“ Der alte Mann lächelte. „Der Wolf, den du fütterst.“

    So weit so gut. Die Geschichte könnte hier enden, so wie fast alle Kindergeschichten (im Übrigen auch alle Geschichten der Erwachsenen) enden: Hier DAS GUTE und dort DAS BÖSE. Man muss nur wissen, wo man steht. Doch ist es so einfach? Ich bezweifele das immer mehr, gerade in einer Welt, die sich durch Extrempositionen weiter aufspaltet.

    Extrempositionen? Ja, man findet sie überall, egal ob es um Klima, Krieg, Inklusion oder Woke geht: Zu jedem Pro- gibt es einen Anti-Flügel, zu jedem radikalen X positioniert sich ein radikales Y, nicht selten mit bissig-abwertendem Sarkasmus vorgetragen. Thomas Bauer, ein deutscher Arabist und Islamwissenschaftler hatte das vor einiger Zeit in seinem Buch „Die Vereindeutigung der Welt“ beschrieben und damit den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt kritisiert.

    Wenn wir weiter daran Interesse haben sollten (haben wir?), dass säkulare und religiöse Diskurse friedlich nebeneinander koexistieren, dann müssen wir etwas tun! Und das hat viel mit dem eingangs erwähnten Dualismus von Gut und Böse zu tun, also einem vereinfachenden, vereindeutigenden Denken. Ich sehe zwei Ansätze; von Lösungen sind wir weit entfernt 😊.  

    Zum einen sollten wir uns in allen Bildungsinstitutionen (von Kindergarten über Hochschule bis Berufsbildung) nochmals und immer wieder mit dem Werte- und Entwicklungsquadranten von Hartmann/Schulz von Thun auseinandersetzen, denn darin ist ein wichtiger Mechanismus festgehalten, der uns vor Extrempositionen schützt, was anhand eines Beispiels einsichtig wird: Man stelle sich hierzu zwei Personen vor, die sich gegenseitig Vorwürfe machen: Person A sagt zu Person B, sie sei geizig; Person B sagt zu Person A sie sei verschwenderisch … ein unüberbrückbares Dilemma! Im Wertequadrant wird nun vorgeschlagen, das Wertvolle in den Extrempositionen zu entdecken und dies zum Ausgangspunkt einer neuen Betrachtung zu machen: Aus „schlechtem“ Geiz wird „erstrebenswerte“ Sparsamkeit, aus „schlechter“ Verschwendung wird „erstrebenswerte“ Großzügigkeit. Sparsamkeit und Großzügigkeit sind nun nicht mehr diametrale, sondern komplementäre Gegensätze, die „miteinander reden können“. Genau das ist der Punkt: Die verwerflichen Extrempositionen (des Guten zuviel) können in Tugenden überführt werden und die verwerflichen Extrempositionen finden in den Diagonalen eine interessante Entwicklungsperspektive, also etwas, wie man in Zukunft sein könnte! (vgl. auch Impact Free-Artikel von Gabi)

    Zum anderen entstehen Extrempositionen nicht nur durch „falsches Denken“ oder vereinfachende Zuschreibung durch Individuen. Gerade in Sozialen Medien werden Extrempositionen durch Algorithmen verstärkt und verbreitet. Gut zu beobachten ist das aktuell bei Andrew Tate, der mit seinen provokanten Aussagen (u.a. Rassismus, Frauenfeindlichkeit) und Affiliate-Marketing fast 12 Milliarden (!) Video-Views bei Tiktok erzeugt oder erzeugen lässt. Hier kommt man mit „Individualmedizin“ nicht weiter, weil der Patient sich hartnäckig der Therapie verweigert. Gefragt wäre hier sowas wie eine „Algorithmen-Aufsicht“, um solche systemischen Effekte zu reduzieren, was zumindest auf EU-Ebene zu diskutieren wäre.

    Am Ende will ich nochmal einen Blick auf die Wolfsgeschichte werfen: Ja, natürlich stimmt es, dass derjenige Wolf in mir wächst, den ich füttere. Aber: Mein Beitrag, zumal am bilanzierenden Jahresende, will nochmal etwas grundsätzlicher danach fragen, ob wir mit der Geschichte von Gut und Böse weiterkommen. Ich meine Nein. Der Werte- und Entwicklungsquadrant zeigt eine alternative DENK-Weise auf, die aber nur sehr unwillig in unsere Köpfe kommt. Die Algorithmen-Aufsicht lenkt den Blick weg von einer Zensur der Inhalte hin zu den Mechanismen, die unter der Haube „für Stimmung sorgen“.

    In diesem Sinne … Ahoi für 2023, es wird besser!  

  • 75. Jahre Sporthochschule … „Harvard des Sports“

    Als ich im Oktober 1990 nach meiner Stippvisite bei der Bundeswehr die „heiligen Hallen“ der Deutschen Sporthochschule betrat, wusste ich noch nicht, was mich erwarten würde. Eines war aber sicher: Sportwissenschaft war mein (!) Studium, und Köln war der einzige Ort, wo man „sowas“ studieren konnte. Warnung! AbsolventenInnen dieser Institution meinen, im Harvard des Sports gewesen zu sein, und klingen deshalb immer etwas von oben herab. Nur der Vollständigkeit halber: Man kann auch in anderen Städten Sport studieren, irgendwie ?.

    Heute (29.11.2022) wird die Sporthochschule – kurz SpoHo – 75. Jahre alt (siehe auch die Videos) und ich möchte meinen Beitrag nutzen, um meinen Glückwunsch auszusprechen, und mich erinnern, denn: Mit der SpoHo und dem Sport verbindet mich einfach eine ganze Menge.

    Ich war im dritten Semester, als ich im Seminar von Professor Quanz saß, um etwas über die „Ordnung im Sport“ zu erfahren. Ein paar Monate später war ich Hilfskraft im Institut für Sportdidaktik und Herr Quanz sagte zu mir: „Haben sie Lust bei der Auflösung des Haushalts von Carl Diem mitzuhelfen?“ Ich wusste es damals nicht: Diem war Gründer der SpoHo, Quanz sein letzter Assistent (später Rektor/Präsident) und deshalb mit der Auflösung betraut. Ich wurde also im dritten Semester ins „Metaverse der SpoHo-Geschichte“ geschickt, alles zum Anfassen und mit Tonspur. Aus dem Haus konnte ich mir Diems Bürostuhl mitnehmen, auf den ich aus nachvollziehbaren Gründen stolz war. Der Stuhl ist heute in Süd-Korea bei Kottchul Jung, einem damaligen Auslandstudenten, mit dem ich länger im Austausch war und dem der Stuhl als Abschiedsgeschenk Tränen in die Augen trieb.

    Etwa in der Mitte meines Studiums kam ich in Kontakt mit dem Nachlass von Professor Kirsch, den ich im Auftrag des Internationalen Leichtathletik Verbandes „ordnen“ sollte. Auch das wusste ich bis dahin nicht: Kirsch war Präsident des deutschen und internationalen Leichtathletikverbandes und Direktor des Bundesinstituts für Sportwissenschaft mit starkem Bezug zur Trainerakademie Köln. Nachdem ich mich im Laufe von 2 Jahren durch 30 Kartons mit Akten, Zeitungsartikeln und Manuskripten gewühlt hatte, wusste ich ein wenig mehr über „vielschichtige“ Sportverbandspolitik und deren nicht immer leichtem Verhältnis zur Sportwissenschaft.

    Natürlich schloss ich mein Studium mit dem einzig „richtigen“ Schwerpunkt ab: Trainerprofil. Nein Quatsch, aber im Tennis war ich passabel und diesen Schwerpunkt konnte man in kurzer Zeit studieren. Das Trainerprofil war dennoch wegweisend: Ca. 10 Jahre später gründete ich die Ghostthinker GmbH, ein EdTech-Unternehmen, das bis heute viele Fachverbände und viele Landessportbünde bei der didaktisch motivierten Digitalisierung der Traineraus- und -fortbildung unterstützt.

    Kurzum: In meinem Kopf (und im Herzen) gibt es diese Sport-Story: Von den Anfängen und Grundmotivationen einer Sporthochschule im Nachkriegsdeutschland, den eigenen Erfahrungen in Kölner Turnhallen, Hörsälen und Instituten bis hin zu den aktuellen Verbindungen zwischen Sportpädagogik und Sportverband, um Kompetenzorientierung und Digitalisierung im Trainerwesen zu fördern (vgl. hier). Mittlerweile sind das bei mir über „30 Jahre Sport“, ein Grund zu feiern, mal sehen, ob ich 2023 Weggefährten zusammentrommeln kann – an der SpoHo natürlich, dem einzigen Ort …

  • Auf Vortragstour rund um Social Video

    Vortragsanfragen haben den Vorzug, dass man sich intensiver als sonst mit einem Thema beschäftigt, lose Gedanken verdichtet und so aufbereitet, dass Dritte etwas damit anfangen können. Sicher ist jedenfalls: Man weiß hinterher mehr als vorher.

    Anfang des Monats war ich auf der Jahrestagung der Sportpädagogen in Münster. Das Thema „Wissenstransfer“ hatte mich angesprochen oder besser provoziert: Hochschulen generell und die Sportpädagogik im Besonderen sind aufgerufen, ihr akademisch produziertes Wissen der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen bzw. dieses Wissen sinn- und nutzstiftend in der Gesellschaft zu verankern. Mein Vorschlag, die Wissensproduktion nicht als einen der Forschung nachgelagerten Akt zu betrachten, sondern als einen forschungsimmanenten (Design-)Prozess (Stichwort Design-Based Research), wurde überraschend wohlwollend aufgenommen. Ja, so müsste Sportpädagogik eigentlich forschen, wenn sie innovative Bildungsszenarien entwickeln will. Als dann einer der Keynote-Sprecher darüber aufklärte, dass man „diese Art von Forschung (bei ihm hieß sie „Symbiotische Transferstrategien“) nicht dem eigenen Nachwuchs empfehlen könne“, weil damit trotz Innovation die wissenschaftliche Reputation gefährdet sei, wurde mir klar: Das als richtig erkannte braucht einen belastbaren Erkenntnisrahmen und mutige Männer/Frauen, die diese Forschungspraxis dann auch durchsetzen! Insgeheim dachte ich mir: Was für eine Führungselite ziehen wir uns da heran, denen wir schon bei der Geburt sagen: Gehe den opportunen Weg! Ich verließ Münster also mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

    In der dritten Juniwoche war ich auf dem Digital Change Summit an der Hochschule Mittweida. Herrn Prof. Dr. André Schneider ging es bei der Tagung darum, unterschiedliche Perspektiven auf Transformation zusammenzurufen und in den Austausch zu kommen. Ich steuerte einen Beitrag zu Social Video bei, indem ich erstmals von einem „kollaborativen Erfahrungs- und Beobachtungsraum“ sprach und damit u.a. Elemente des Forschenden Sehens aus unserem SCoRe-Projekt in die Diskussion einbrachte. Was ich wiederholt feststelle: Der anschauliche Einstieg über die Fußballtrainerausbildung mit Social Video im Blended Learning-Format gelingt immer, die Zuhörerinnen können sich ein Bild machen und folgen dann auch artig, wenn es steiler wird und ich von „Epistemischen Forderungen“ beim Forschenden Sehen spreche. Im Nachgang ergaben sich jedenfalls interessante Gespräche zum einen mit Prof. Dr. Thoralf Gebel aus dem Innovationsmanagement und zum anderen mit Prof. Dr. Werner Sauter, dem Social Video gut gefiel.

    Ich sagte weiter oben, dass man nachher mehr wisse als vorher. Was weiß ich nun mehr? Zum Ersten bin ich immer wieder irritiert (das ist zurückhaltend), wie wenig kreativ wir mit der neuen Präsenz umgehen, d.h., irgendwie ist alles wie früher und wir tun so, als hätte es die Corona-Tagungserfahrung nicht gegeben. Wie wäre es, wenn wir mehr Barcamps machen, mindestens, oder gar wissenschaftliche Spaziergänge, nennen wir sie WorkWalks, bei denen wir „Meilensteine“ abarbeiten, jeden Kilometer ein Halt mit einer Station als Input und anschließender kollaborativer Reflexion beim Gehen. Es ist so viel Neues denkbar, wünschbar, machbar. Aber doch nicht wieder einfach nur in die Seminarräume zurück, ohne eine Idee davon, warum ich 600 km fahren soll. Zum Zweiten habe ich Hoffnung, dass DBR in der Sportpädagogik eine Chance hat. Hier tut sich was und wenn als politisches Sprungbrett der Wissenstransfer herhalten muss, dann ist es auch gut. Zum Dritten hat mir die Diskussion zum Erfahrungs- und Beobachtungsraum gezeigt, dass Social Video genau in diesen Begriffsdimensionen seine Potenziale ausspielt, um ein besseres Verstehen des Sachverhalts und eine bessere Verständigung untereinander zu erzielen. Jetzt müssen wir das nur noch alles handsamer formulieren und gute Beispiele entwickeln, gerne aus dem Umfeld der beruflichen Bildung!

    Und ja, was ich noch „erfahren und beobachtet“ habe – ganz ohne Social Video – ist: Der Osten ist schön!  

  • DFB-Akademie – Alles mutig!

    Gestern war ich zusammen mit Christopher Branch in Frankfurt am Main. Florian Huber und Maik Halemeier (Bereich Trainer- und Expertenentwicklung) vom Deutschen Fußball Bund e.V. hatten uns eingeladen, damit wir die Köpfe zusammenstecken, und zwar zum Thema E-Portfolio bzw. Trainertagebuch.

    Hintergrund ist die Neukonzeption der B+ Lizenz, bei der mehrere didaktische Neuerungen zum Einsatz kamen: Blended Learning-Struktur mit synchronen und asynchronen Phasen und multiplen methodischen Elementen, aber eben auch ein innovatives Assessment, also das, was wir bisher Prüfung nannten. Bisher? Ja, es geht eben nicht mehr um die große „harte“ Prüfung zur Selektion am Ende (kennen wir aus Schule und Hochschule), sondern um ein prozessbegleitendes Bewerten und Feedback-Geben zum Zweck des Besser-Werdens, kombiniert mit einem Abschlussgespräch, in dem die Artefakte der Bildungsreise präsentiert und begründet werden (mithilfe des Portfolios) sowie um einen reflexiven Blick in die Zukunft – gemeinsam mit Experten:innen, alles ohne Noten, versteht sich!

    Der DFB setzt damit mutig um, was von Seiten der Bildungswissenschaft seit langem gefordert wird: Assessment, um besser zu werden, nicht zur Selektion, die jedes höhere (oder tiefere Lernen) abtötet. Und natürlich wirft ein solcher Ansatz Fragen auf, die noch beantwortet werden müssen: Wie werden leistungsschwächere Personen identifiziert? Wie werden daraufhin Entscheidungen (z.B. über Selektion) getroffen? Und ja, darüber muss man sich Gedanken machen, denn Leistung ist ein Lebensprinzip für den Fußball. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass die Leistungsentfaltung im Klima der „Förderung“ um den Faktor X höher ist (Leute machen 3mal so viel freiwillig!), und hier bleiben selbst die „Schwächsten“ oberhalb des Mindestniveaus – das ist der Trick!  

    Es ging also um E-Portfolios: Uns allen ist wichtig, dass dies ein Prozess ist, der die eigene Entwicklung unterstützen soll: die Entwicklung des (reflexiven) Bewusstseins und natürlich auch die Entwicklung der Fachkompetenz. Wie kann man das technologisch unterstützen? Indem man die Denkspuren im DFB Online-Campus sammelt, diese den Erkenntnissprüngen zuordnet und so „Entwicklung“ sichtbar und begründbar macht. Daran arbeiten wir …

    Dieses neue, mutige Denken zeigt sich nicht nur in der Gestaltung von Bildungsgängen, sondern auch in der Architektur der neuen DFB-Akademie: Zu sehen sind lichtdurchflutete Räume mit offenen Funktionsflächen, die dazu einladen, Präsenz neu zu erfinden! Wir haben in der Pause an unserem Arbeitstisch sowas wie Tischfußball gespielt. Ein Anfang ?.

  • Teambuilding

    Einmal im Jahr treffen sich alle Ghostthinker zum Ghostcamp – einem Event in der Jahresplanung, das sich keiner durch die Lappen gehen lässt, wenn es denn irgendwie geht. Im Jahr 2022 ist das allein schon deshalb besonders, weil wir uns das erste Mal nach zwei Jahren wieder in 3D sehen konnten: ein Novum für alle, die sich bisher nur aus der Kachel kannten. Ort der Begegnung war das schöne Allgäu, also der Süden von Deutschland, in dem fast alle Köpfe zuhause sind.  

    Von einer gewissen Flughöhe aus sehen solche Teamtreffen wahrscheinlich alle sehr ähnlich aus: Es ist eine Mischung aus Spaß, Kreativität, Information, Bewegung und Begegnung, die Kopf, Herz und Zusammenhalt bereichern, wenn es gut läuft. Um es kurz zu machen: Auch 2022 war die Stimmung bombig, es wurden gemeinsam Ideen entwickelt, Gaumen gefüllt und mit Pfeil und Bogen geschossen. Ich hatte auch keinen Zweifel am Gelingen: Rebecca (Gebler Branch) hatte die Planung in der Hand, Johannes (Metscher) unterstützte bei Zahlenwerk und Moderation, und die Ghostthinker machten aus wenigen Zutaten ein Festmahl. Aber all das ist nicht die Geschichte, die ich erzählen will.

    Inmitten dieser zwei Tage ging es auch um die Frage, worin jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin besonders gut ist und was jeder/jede für das Unternehmen Besonderes leiste. In Dreiergruppen gingen wir der Frage auf den Grund, und man merkt schnell: So ganz leicht fällt es einem nicht zu sagen: „Da bin ich besonders gut!“. Die Präsentationen der Gruppen zeigten daher dann auch eher allgemein auf, worin die Qualitäten der Personen bestanden, mit einer Ausnahme: Der junge Entwickler Phillipp sagte bescheiden-selbstbewusst im tiefbayerischen Tonfall etwa folgendes: „Ich habe ein X entwickelt, das wird vom Kunden besonders geschätzt und das ist schön für mich.“ Zum einen waren gefühlt alle von der Art berührt, wie Phillipp das sagte, … es war jedenfalls zum Umarmen. Zum anderen war er der Einzige, der die Wendung formulierte: „Ich (!) leiste“.

    Warum ist mir das so wichtig? In einer Zeit, in der fast alles im Team, in der Gruppe, aufgeht, aufgehen soll, da gerät das „Ich“ in die Defensive, es gibt sogar eine Tendenz zur Scham, wenn man über das Ich sprechen soll (siehe oben), weil man die soziale Norm bereits verinnerlicht hat. Das Ich scheint eine überhebliche, jedenfalls unangemessene Position zu transportieren.

    Aber: Zu einer Kultur der Leistung – zu der wir uns seit Jahren (mal abgesehen von FDP) alle überraschend leise bekennen – gehört neben dem Wir natürlich auch das Ich; ohne Ich kein Wir, ohne Wir kein Ich, was man glaube ich als dialektisches Verhältnis bezeichnen kann. Bei genauerem Hinsehen ist es aber noch vertrackter: Es gibt kein reines Ich, sondern das Wir ist für das Ich bereits Boden und Horizont! Und genau in diesem, wie ich finde gesunden, Sinne wollte Phillipp seinen Satz interpretiert wissen: „Ich habe etwas geleistet (natürlich auf der Grundlage unserer Arbeit), was von Kunden geschätzt wird (natürlich sieht der Kunde nicht nur mich), und das finde ich schön (natürlich kann ich diese Freude nur mit euch zusammen genießen). Woher ich das weiß? Phillipp hat den meisten Beifall bekommen ?. Mattering is not about if you fit or not, it is about being valued. (Peter Felten)