Akademisches Streiten

Vor ungefähr drei Jahrzehnten gab es an der Universität Köln einen Wettbewerb. Es ging um die Frage, was die Idee der Universität sein könnte und wie man diese Idee anschaulich umsetzt. Damals, wie gesagt in den 1990ern, war das für mich klar, was zur Universitätsidee gehört: analoges Denken, Transdisziplinarität und, soweit ich mich erinnere, der Umgang mit sozialen Dilemmata, weil ich die damals schon für wichtig hielt.

Vor dem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass mich heute noch die Frage packt: Was ist das eigentlich – eine „Idee“ (vs. das Empirische)? Was ist dann die Idee der Universität? Und was hat das alles mit dem Zeitalter der genKI zu tun?

Symposium: Zur Idee der Universität im 21. Jahrhundert. Humane Hochschulbildung in Zeiten von Künstlicher Intelligenz

Genau um diese Fragen ging es bei einem Symposium mit über 30 Teilnehmenden aus ganz Deutschland und der Schweiz am Hamburger Elbehafen in den Räumen der schönen Claussen-Simon-Stiftung. Die Idee und Organisation lagen in den Händen von Gabi Reinmann und Alice Watanabe von der Universität Hamburg (Zentrum für Lehren und Lernen an der Hochschule / HUL), die beide didaktisch zwanglos, aber entschieden durch den Tag führten.

Besonders war das Symposium u.a. deshalb, weil sich im Vorfeld 13 Menschen bereit erklärten, kleine Essays von 4 bis 6 Seiten zu verfassen, um das oben angesprochene Thema greifbar zu machen (die Essayisten: Anje Michel, Rüdiger Rhein, Markus Stepanians, Dorothea Winter, Dominikus Herzberg, Ines Langemeyer, Christian Leineweber, Isabel Steinhardt, Petra Gehring, Gabi Reinmann, Alice Watanabe, Judith Simon, Nicolaus Wilder und ich). Auf dem Symposium selbst gab es also keine Präsentation, kein PowerPoint, kein Laptop, keine KI oder sonstige Elektronik, die den „Zustand der Präsenz“ hätten stören können.

Ich selbst habe mich mit folgendem Impuls eingebracht: „Die Universitätsidee im Spiegel der Sportidee. Eine analoge Anregung.“ Mit den Analogien ist das so eine Sache, manche meiden sie wie der Teufel das Weihwasser, manche schätzen sie. Aber Analogien aus dem Sport regen in der Regel an, z.B. zum Vergleich: KI ist wie Doping. In meiner Arbeitsgruppe (zusammen mit Petra Gehring) haben wir darüber intensiver diskutiert. Die Anregung ist aber nur ein Trick, ein Auftakt. Man muss dann sagen können, WAS strukturähnlich und WAS grundsätzlich anders ist, auch wenn es auf der Oberfläche ähnlich aussieht. Wenn man also sagt, KI ist wie Doping, dann ist gesetzt, dass KI (im Hochschulkontext) zur unlauteren Leistungssteigerung eingesetzt wird, um einen Sieg zu erringen. Das hört sich erstmal nachvollziehbar an, aber: Warum „unlauter?“, warum „Sieg“? Welche Grenzverletzung liegt genau vor, damit es unlauter wird? Und: Soll es bei der Universitätsidee wirklich primär um einen Sieg gehen? Man sieht: Diese Mechanik hilft dabei, die fraglosen oder festgefahrenen Begriffe im Kopf zu lösen, so wie wenn man rostige Schrauben mit etwas Öl wieder beweglich macht. Manchmal brechen diese Schrauben aber auch ab und Neues entsteht, so wie auf dem Symposium.

Was könnte das Neue sein?

Wenn Sport – der Idee nach und in der Deutung von Sven Güldenpfennig – (a) ein künstlich vom Zaun gebrochener Streit ist, (b) der nach dem Prinzip der „Kooperenz“ funktioniert, also konkurrierende und kooperative Elemente funktional mischt, (c) der dann sinnvoll ausgetragen wird, wenn biologische Grenzen anerkannt (kein Gen-, Blut- oder chemisches Doping), kulturelle Grenzen respektiert (Spielregeln) und der sich daraus ergebende Spielraum maximal ausgereizt wird, der (d) die Selbstvervollkommunung als primäres Ziel setzt und Sieg und Anerkennung als nachrangig bewertet, und wenn man sich von diesen Sinnkriterien der Sportidee anregen lässt, dann könnte die Universitätsidee in Zeiten von KI im „akademischen Streiten“ liegen.

Wie ist nun dieser Transfer vom sportlichen zum akademischen Streiten genauer zu verstehen?

  • Auf dem Symposium war man sich einig, dass das „Streben nach Wahrheit“ (wie immer man sie in den Fächern definiert) ein zentrales Element der Universitätsidee ist, der Streit also ein guter prozessualer Modus der Wahrheitssuche sein könnte.
  • Damit es in einem solchen akademischen Streit „sinnvoll“ zugeht, müsste man viel genauer als bisher über akademische Bedingungen (Was ist das Ziel? Wer hat wann, wozu Zugang?), akademische Verlaufsregeln (analog gelbe, gelb-rote und rote Karte) und akademische Grenzen (analog Doping, Korruption) sprechen. So könnte man sagen, was den Streit als „akademisch“ auszeichnet und ihn gegenüber alltäglich Konflikttypen abgrenzen.
  • In einem akademischen Streit könnte es dann gängige Praxis sein, dass Wissensproduktion mit KI ein sinnvolles Trainingselement bildet, aber niemals den performativen, leiblichen und unsicheren Kern des Streitens ersetzen darf, da es sonst zur Sinnaufhebung der Universitätsidee kommt. Wer alles weiß, aber keinen Standpunkt hat, bekommt kein Universitätsdiplom.
  • Analog zum Sport ist das primäre Ziel des akademischen Streitens die Selbstvervollkommnung und nicht wie man meinen könnte, der Sieg. Hausarbeiten und Publikationen haben also Mittelcharakter, sie sind nicht das Ziel des Streits. Würde man das erst nehmen, hätte das eine Reform der bisherigen Prüfungen und Publikationspraxis zur Folge, zugunsten neuer Formen des „Sich Bewährens“.    
  • Und schließlich hätte die Idee des akademischen Streitens auch den ganz praktischen Vorteil, dass darin sowohl die Leitidee der Forschung (wahr-unwahr) als auch die Leitidee der Lehre (bildend-bedeutungslos) in einem einzigen „Bild“ zusammengehalten ist, was der Vorentscheidung Rechnung trägt, dass Forschung und Lehre an der Universität integrativ wirken sollen.  

Wenn Studierende dann nach fünf Jahren die Universität verlassen und man sie fragt: „Was hast du gelernt, was kannst du denn jetzt?“, dann können sie eine schlichte Antwort geben, die es aber in sich hat: „Ich kann streiten!“: um die Wahrheiten in meinem Fach, um Interessen und Konsequenzen, die sich in der Gesellschaft daraus ergeben, im Modus des Worts, der Symbole und durch sicheres Tun. Zu den Tugenden würde selbstredend auch gehören, dass man ihn situativ entfachen, produktiv aushalten und auch effektiv beruhigen kann (vgl. Klaus Eidenschink Konfliktregulation)! Respektvolles, humanes Streiten, das wäre dann kein Widerspruch, sondern eine Kunst, die wir in einer zunehmend ambivalenten Welt brauchen.

Ahoi! 😊

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