Gabi Reinmann

Subscribe to Gabi Reinmann Feed
Hochschuldidaktik
Aktualisiert: vor 53 Minuten 39 Sekunden

Ludwik Fleck – das Kollektiv

September 7, 2017 - 17:58

Von 1947 stammt der sechste Aufsatz im Band „Erfahrung und Tatsache“, dem Fleck den schönen Titel „Schauen, sehen, wissen“ gegeben hat – ein Text, der erstmals auch Abbildungen enthält und mich an vielen Stellen an Aussagen der Gestaltpsychologie erinnert hat. Doch zunächst noch einmal der kurze Hinweis auf die bereits bestehenden Kommentare zu Flecks anderen Aufsätzen: hier, hier, hier, hier, hier (zum Verfahren siehe hier).

Viele Sätze, die man in diesem Text lesen kann, kommen einem vermutlich trivial vor. Was Fleck hier schreibt und was mit ihm zu dieser und in späterer Zeit verschiedene andere Wissenschaftler (u.a. die oben genannten Gestalttheoretiker) formuliert haben, hat sozusagen lange überlebt, sich etwas gewandelt und ist offensichtlich in unser Denkkollektiv eingegangen – wird aber in anderen (sogar nahen) Denkkollektiven mitunter trotzdem gerne ausgeblendet. Exemplarisch wähle ich ein paar Aussagen aus:

„Um zu sehen, muß man wissen, was wesentlich und was unwesentlich ist […]. Sonst schauen wir, aber wir sehen nicht, vergebens starren wir auf die allzu zahlreichen Einzelheiten, wir erfassen die betrachtete Gestalt nicht als bestimmte Ganzheit“ (S. 148). „Die Kenntnis einer Gestaltung schafft die Disposition, sie wahrzunehmen“ (S. 152). Mit der Bereitschaft, bestimmte Gestalten wahrzunehmen, reduziere sich aber auch die Fähigkeit, andere wahrzunehmen (S. 149) – ein Umstand, auf den Fleck schon in früheren Texten hingewiesen hatte. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die folgende Aussage Flecks Lösung für dieses Problem ist: „Um zu sehen, muß man zuerst wissen, und dann kennen und einen gewissen Teil des Wissens vergessen“ (S. 154).

In Bezug auf die Hochschuldidaktik sind diese Erkenntnisse meiner Einschätzung nach wichtig, wenn es um die Rolle des hochschuldidaktisch forschenden Wissenschaftlers geht, der selber in der Lehre tätig ist. Als Forschender bildet auch der Hochschuldidaktiker bestimmte Wahrnehmungsdispositionen aus, und die, so meine ich, könnte und sollte er im Rahmen der Lehre nutzen und wiederum als Erkenntnisse für die eigene Forschung heranziehen (dürfen). Mehr dazu unter anderem hier .

Woher aber kommt das Wissen um Gestalten? „Den überwiegenden Teil unserer Gestalten (obwohl wahrscheinlich nicht alle) hat die Umgebung geschaffen, die Sprachgewohnheit, die Meinung der Allgemeinheit, die Tradition. Sie dressieren uns auf eine gewisse Ganzheit …“ (S. 157). Am Ende sähe man mit den Augen des Kollektivs – und das gelte auch für die Naturwissenschaften, die sich gerne als davon unabhängig (und exakt) verstehen würden. Auch wenn – wie in den Naturwissenschaften üblich – Geräte zum Einsatz kämen, seien diese „immer Ausdruck eines gewissen, bereits entwickelten Stils des Denkens“ (S. 164). „Die Objektivität wissenschaftlicher Beobachtungen beruht einzig auf ihren Bindungen mit dem ganzen Vorrat an Wissen, Erfahrung und traditionellen Gewohnheiten des wissenschaftlichen Denkkollektivs …“ (S. 166 f.). Hier verbindet Fleck also seine – ich sage mal – gestalttheoretischen Überlegungen mit seiner Theorie von den Denkkollektiven.

Flecks Fazit: „Im Alltag wie in der Wissenschaft dringt das Kollektiv als drittes Ding zwischen Subjekt und Objekt der früheren Wissenschaft vom Erkennen ein“ (S. 167). Das Kollektiv dränge entsprechend auch in den Prozess des Schauens und Sehens. Oder anders (besser) formuliert: „Das Kollektiv ist in diesen Prozeß als drittes Glied eingeschlossen …“ (S. 168). Oder nochmal anders gesagt: „Alles Erkennen ist ein Prozeß zwischen dem Individuum, seinem Denkstil, der aus der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe folgt und dem Objekt“ (S. 168).

Didaktik-Bashing

September 4, 2017 - 03:27

„Ich hatte schon immer das Gefühl, dass wir in Deutschland eine falsche Bildungsdiskussion führen, denn bei uns steht immer die Didaktik im Vordergrund, anstatt auch mal … Technik oder auch Usability und User Experience zu erwähnen“, schreibt hier Andreas Wittke und erläutert im dazugehörigen Blogbeitrag seine Position. Ich finde, da beginnt (und endet) der Autor mit einer steilen These, die durchaus interessant ist; auch kann ich in diesem Beitrag einiges finden, das ich unterschreiben würde …

so z.B.:

  • den Hinweis, dass „Datenschutz, Rechtssicherheit, Qualitätssicherung und das Urheberrecht“ die „Apokalyptischen Reiter des deutschen E-Learnings“ seien – das verursacht an Universitäten (und die habe ich besonders im Blick) in der Tat eine ausgesprochen schwierige, mitunter auch paradoxe Situation (siehe dazu auch hier).
  • das Argument, dass „die Diskussionen immer noch auf einem Stand von vor 10 Jahren [sind]. Heute wird immer noch erforscht und pilotiert, z.B. ob Lehre mit Tablets überhaupt funktioniert“ – auch da kann ich nur zustimmen: Ich habe seit längerem schon diverse Déjà-vu-Erlebnisse.
  • die Beobachtung: „Das E-Learning Thema ist inzwischen aus den Konferenzen verschwunden und durch Digitalisierung ersetzt worden“ – auch mir erschließt sich der Mehrwert dieses begrifflichen Schwenks kaum, jedenfalls nicht in Kombination mit den beiden erste genannten Aspekten (ob das jetzt nur am „Erziehungssektor“ liegt, sei mal dahingestellt),
  • der Aufruf, den „Begriff Bildungs-Informatiker zu formen“ bzw. „einen neuen Ausbildungsschwerpunkt“ zu setzen – wobei man dann allerdings einen Begriff von Bildung haben muss! (ich würde z.B. Beat Döbeli als einen solchen Bildungsinformatiker bezeichnen – es gibt sie also durchaus und die sollte man dann auch für die Konzeption solcher Schwerpunkte unbedingt hinzuziehen).

Allerdings habe auch ich ein Gefühl (nicht schon immer, aber immer mal wieder), nämlich dass für das beliebte Didaktik-Bashing, wie wir es bei Wittke lesen, verkürzte Didaktik- und Bildungsbegriffe herangezogen werden, die sich dafür eignen, verschiedene, an sich zusammengehörende, Aspekte gegeneinander auszuspielen. Ob uns das weiterbringt? Ich meine nicht. Die Prophezeiung, dass man „unter der Flagge der Didaktik gen Untergang segeln“ würde, ist einfach Quatsch, denn: Wer Bildungsinstitutionen nicht abschaffen und uns in mittelalterliche Verhältnisse zurückversetzen will, muss auch akzeptieren, dass es Unterricht in dem Sinne gibt, dass sich Menschen untereinander in systematischer Weise versuchen, etwas beizubringen. Und in solchen Konstellationen kann man nicht anders als didaktisch handeln. Jede Entscheidung in solch einem Setting ist eine didaktische Entscheidung – die Frage ist dann, WELCHE didaktischen Entscheidungen man trifft (die können leider auch ziemlich schlecht sein) – nicht aber, OB man sie trifft.

„Was wir bräuchten wäre eine völlig neue Diskussion im Bereich EdTech, die nicht aus den Hochschulen kommen sollte, sondern aus den Inkubatoren der StartUp-Szene“, meint Wittke noch. Nun ja, wenn die Universitäten so weitermachen wie bisher, verlieren sie vielleicht tatsächlich irgendwann ihren Status als einen Ort des neugierigen Fragens und Suchens, des unabhängigen Forschens und Experimentierens jenseits der Exzellenzdebatte, und DANN mag man sie aus den wirklich relevanten Fragen unserer Gesellschaft entfernen – ich hoffe es nicht, aber möglich wäre es. Solange das aber noch nicht der Fall ist (und es ist an uns, das zu verhindern), kann ich nicht sehen, warum universitär Forschende beim Thema „EdTech“ rausgekegelt werden sollen. Aber vielleicht liefert Wittke die Antwort selbst: Das Problem nämlich ist aus seiner Sicht, dass „die Gesellschaft zunehmend technologisiert wird, aber die Bildung weiterhin das Analoge als Leitmedium sieht. Hier spaltet sich Bildung und Alltag. Jeder von uns kennt inzwischen die Alltagsprobleme, wie WLAN-Router anschliessen, Apps installieren, Online-Banking, Netflix bedienen, Navi einstellen oder Bluetooth Boxen anschliessen. Das sind alles Themen, die uns täglich Zeit und Nerven kosten, aber nicht vermittelt werden.“ Also wenn es DARUM geht (um Netflix und Navi), dann kann man vielleicht tatsächlich Firmen, Start-Ups und Bertelsmänner ranlassen. Wenn das die Probleme der EdTech-Szene sind, dann bekomme ich noch ganz andere Gefühle …

Ludwik Fleck – Genauso wie die Kunst

September 1, 2017 - 04:06

„Wissenschaftstheoretische Probleme“, so lautet der Titel des fünften Aufsatzes von Ludwik Fleck in dem Bändchen „Erfahrung und Tatsache“; er stammt aus dem Jahre 1946 – der erste Text (aus dem Band) also, den Fleck nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst hat. Hier verarbeitet Fleck offenbar – übrigens in Dialogform – auch Erlebnisse aus dem Krieg (und deutet sie vor dem Hintergrund seiner Theorie von den Denkkollektiven), worauf die Herausgeber und Übersetzer in der Einleitung (dazu hier) näher eingehen. Ich werde diese Kommentierung knapper gestalten als sonst: Ohne die Erläuterung der Herausgeber sind diese Darstellungen schwierig einzuordnen. In Kürze folgen dann noch die Kommentare zu den letzten beiden Texten – rechtzeitig bis zu unserem Kolloquium (siehe dazu hier). Wer nochmal nachlesen will, welche Passagen mir in den Texten davor besonders aufgefallen sind, kann dies an folgenden Stellen nachlesen: hier, hier, hier und hier.

Neben der schon genannten, in Dialogform umgesetzten, Analyse eigener Erlebnisse im Krieg, anhand derer Fleck offenbar einige frühere Annahmen zum Entstehen von Denkkollektiven bestätigt sah, enthält der Aufsatz ein paar Überlegungen dazu, was Wissenschaften generell auszeichnet – ein Thema, das einen in der Hochschuldidaktik mindestens bei der Frage beschäftigt, wie man Lehren forschungsorientiert gestaltet. Aus Flecks bisherigen Texten geht gewissermaßen der folgende Satz gut nachvollziehbar hervor: „Die Wissenschaften wachsen nicht wie Kristalle durch Apposition, sondern wie lebende Organismen …“ (S. 129).

Im folgenden Satz allerdings bringt er noch einmal einen anderen Aspekt ein: „Über die Wissenschaft kann man nur so sprechen wie wir das Wort ´die Kunst´ verwenden, um das Gemeinsame in den Bestrebungen von Musik, Malerei und Dichtung usw. zu belegen. […] Aber genauso wie die Kunst keine Summe von Musik, Malerei, Poesie usw. ist, genauso setzen sich auch die Wissenschaften nicht zu einer gleichförmigen, einheitlichen Ganzheit zusammen“ (S. 128). Offen bleibt zunächst aber, worin genau dieses Gemeinsame besteht – ein Thema, das mich auch schon öfter (eben im Zusammenhang mit forschendem Lernen) beschäftigt hat. An späterer Stelle im Text kommt Fleck indirekt noch einmal auf das Gemeinsame zurück: „Das einzige Kriterium der Wissenschaften sind die spezifischen Merkmale wissenschaftlichen Erkennens: die historische Einmaligkeit ihrer Entwicklung, die Struktur der entsprechenden Denkkollektive, die Charakteristik des wissenschaftlichen Denkstils“ (S. 145).

Deutlich markiert hatte ich mir schon beim ersten Lesen die folgende Aussage: „Manchmal möchte man nach einer gewissen Zeit seinen früher veröffentlichten Gedanken als unrichtig und nicht lebensfähig zurücknehmen – und man stellt mit Erstaunen fest, daß gerade er sich entwickelt hat und in der wissenschaftlichen Gemeinschaft stark gewachsen ist“ (S. 129). Markiert hatte ich mir das aus ganz persönlichen Gründen – genau das habe ich nämlich auch schon ein paar Mal erlebt. Am stärksten trifft es bei der unsäglichen Gegenüberstellung von „Instruktion“ und „Konstruktion“ beim Lehren und Lernen zu – mehr dazu hier.

Seiten