Man fühlt das Potenzial für die Zukunft: 360-Grad-Videos, Drohne und VR-Brille in der Trainerbildung

Im Sommersemester 2016 bieten Andreas Hebbel-Seeger und ich erstmals ein Projektseminar zusammen an. Ort des Geschehens ist die Macromedia Hochschule Hamburg. Inhaltlich experimentieren die Studierenden mit den Lernpotenzialen von 360-Grad Videos, Drohnenperspektive und VR-Brille und natürlich nutzen wir für das Projektmanagement edubreak, um Social Video Learning auch auf dieser Ebene fruchtbar zu machen. Damit haben wir alle „Verdächtigen“ beisammen :-).

Um die technologischen Ansätze in einen Bildungszusammenhang zu bringen, haben Andreas und ich uns im Vorfeld um drei Partner aus dem Sport bemüht. Mit dabei sind die Segel-Bundesliga, der Deutsche Motorsport Bund und der Fußball- und Leichtathletik Verband Westfalen. In allen drei Kontexten geht es darum, die o.g. Videotechnologien für die Aus- und Weiterbildung nutzbar zu machen.

Und an dieser Stelle wird es didaktisch interessant: Wie setzt man 360-Grad- und Vogelperspektive SINNVOLL bei der Ausbildung von unterschiedlichen Zielgruppen, also Seglern, Streckenwarten und Fußballtrainern, ein? Wo positioniert man welche Kamera warum, wie, wann? Genau hier werden die Studierenden mit den Ansprechpartnern in den jeweiligen Kontexten in einen engen Dialog treten müssen, um Ziele zu klären und Lösungen Schritt für Schritt zu entwickeln: Forschendes Lernen ganz praktisch. 

Aktuell sehe ich zwei interessante Entwicklungspfade für den Bereich „Lernen mit Video“. Zum einen gibt es diesen Technologiepfad mit dem didaktischen Potenzial in der Klammer: Video (Situierung), Videoannotation (Noticing/Reflexion), Austausch von Videokommentaren (Negotiation), 360-Grad-Video (My View), Drohne (Vogelperspektive/Übersicht), VR-Brille (Eintauchen = Situierung 2.0) und Social VR (Zukunft). Zum anderen ist die INTEGRATION von Videoannotation / Social Video Learning mit 360-Grad Videos und die Einbindung in VR-Brille fast schon ein Pflichtspiel für uns Ghostthinker :-). Das wäre ein Aufbruch in eine neue Dimension der Reflexionsarbeit in Trainer- aber auch Lehrerbildung!

F&E-Schwerpunkt: Lehrerbildung mit Social Video Learning

In den Jahren 2009 bis 2015 haben wir Ghostthinker uns in Forschungs- und Entwicklungsprojekten intensiv mit den didaktischen Möglichkeiten von Social Video Learning beschäftigt. Im engen Schulterschluss mit Bildungsforschern (insb. Gabi Reinmann) haben wir die neuen Möglichkeiten der Reflexions-und Kollaborationsarbeit an den Zielgruppen der FahrlehrerInnen (EU-und BMBF-Projekt) und der SportrainerInnen (BMBF) ausbuchstabiert. Als Frucht der Arbeiten möchte ich die Ende 2015 abgeschlossene Doktorarbeit von Tamara Ranner zur „Videoreflexion in der (europäischen) Fahrlehrerausbildung“ hervorheben. Mit Tamara habe ich fast sechs 6 Jahre in unterschiedlichen Projekten zusammengearbeitet, was mir immer eine große Freude war! @Tamara, hier an dieser Stelle ein herzliches Danke für dein großes Engagement auch in der Weiterentwicklung von edubreak.

2016 hat sich der Forschungsschwerpunkt vom beruflichen (artistischen) zum akademischen Lernen verschoben. Zum einen sind wir Anfang des Jahres mit einem EU-Projekt zur Lehrerbildung gestartet, bei der die reflexive Praxis im Zentrum steht, die wir mit e-Portfolioarbeit und Social Video Learning befördern wollen. In einem der letzten Blogbeiträge hatte ich vom Projektstart berichtet. Ferner sind wir durch eine Forschungskooperation mit dem Institut für Wirtschaftspädagogik der Uni St. Gallen (Sabine Seufert) nun auch in die wirtschaftspädagogische Lehrerbildung involviert: Eric Tarantini untersucht in seiner Masterarbeit, wie sich die Reflexionstiefe durch Einsatz von Videokommentierungen bei der Unterrichtsreflexion verändert. Klasse ist, wie schnell Eric den SVL-Ansatz durchdrungen, auf den wirtschaftspädagogischen Kontext angepasst und unterrichtspraktisch umgesetzt hat. Klasse ist auch, dass er schon während seiner Masterarbeit auf internationalen Tagungen wie der OnlineEDUCA oder aktuell der EADL von Konzept und ersten Beobachtungen berichtet, z.B. auch durch einen Videoteaser zu seinem Vortrag.

Nach gut acht Jahren F&E kann man sich fragen, wo die theoretische Reise zu Social Video Learning hingeht. Neben den eher anwendungsbezogenen Forschungsfragen zum didaktischen Design (vgl. Vohle), zur Implementation (vgl. Tamara Ranner), zum impliziten Wissen (vgl. Marianne Kamper) und auch zum Thema Kompetenzorientierung (vgl. Wolf Hilzensauer) interessiert mich immer mehr eine spezielle Fragestellung: Wie lässt sich das didaktische Potenzial von Social Video Learning theoretisch fassen? In früheren Arbeiten habe ich dazu kurzatmige Anläufe genommen, z.B. indem ich den interpretativen Akt jeder Videokommentierung als „Semiose“ verstehe, oder indem ich den Videokommentar mit der Zeigepädagogik von Klaus Prange in Verbindung bringe, was an aktuelle Arbeiten zum „Noticing“ erinnert. Im Anschluss an seine Wiener Forschungswerkstatt, in der ich SVL vorgestellt habe, sieht Peter Baumgartner auch eine Reihe von theoretischen Zugängen, z.B. indem man mit SVL „lebendige“ (A. Christopher) Unterrichtssituationen aufspürt. Ich selber sehe mittlerweile das größte theoretische Potenzial insbesondere für die Lehrerbildung (analog Trainer, Coaches) in einer Arbeit über die „Aufhellung des blinden Flecks“ oder anders ausgedrückt: Über die Beobachtung von Beobachtung (2. Ordnung) durch Social Video Learning. Aber dazu an anderer Stelle mehr und dann auch mit etwas mehr Atem. 

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit

Letzten Donnerstag war ich bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Eschborn bei Frankfurt. Ich bin damit der Einladung von Christian Zange gefolgt, der dort im Bereich Wissensmanagement arbeitet und unsere Arbeiten rund um Social Video Learning seit Jahren begleitet. 

Christian ist es auch, der mir seit fast einem Jahrzehnt anschauliche Impulse zur Arbeit der GIZ vermittelt: zunächst durch seine Tätigkeiten in Südafrika im Bereich technologiegestütztes Wissensmanagement, dann durch Aufbauarbeiten einer Hochschuldidaktik in Äthiopien und nun wieder durch seine Arbeiten in Deutschland. Mich hat immer fasziniert, vor welchen Herausforderungen Christian gestanden hat – fremde Kultur, herausfordernde Infrastruktur, keine großen Teams – und wie selbstmotivierend er das immer angegangen ist.

(Ein) Kern der Entwicklungszusammenarbeit bei der GIZ sind Online-Coaching-Prozesse und genau hier gibt es durch Social Video Learning erweiternde Möglichkeiten, um den Wirkungsgrad des Coachings zu steigern, z.B. indem man vor dem synchronen Austausch eine asynchrone Phase schaltet, indem ein zu vermittelndes Konzept durch Videokommentare zunächst mit Fragen angereichert wird, denen man sich dann in einem synchronen Austausch vertieft zuwendet. Ein weiterer großer Einsatzbereich ist die berufliche Bildung im handwerklichen Bereich, wo der richtige Dreh und Kniff durch Video gut vermittelbar sind, aber auch Hinweise und Fragen der Teilnehmer durch Videokommentare sichtbar werden und ggf. durch Peers beantwortet werden können.

Für den Anschluss an meinen Impulsvortrag haben Christian und ich uns aber etwas Besonderes überlegt: Christian arbeitet gerade an einer Konzeption für eine Kollaborationsplattform, wobei die Konzepte in Form von Screen-Dummies vorliegen. Christian wird diese Screen-Dummies nun in Form eines Screen-Videos verdichten und verbalisieren. Um Christian bei der partizipativen Entwicklung zu unterstützen, nutzen wir den edubreakSPACE, in den ausgewählte Mitarbeiterinnen nun Fragen, Anmerkungen, Kritik in Form von Videokommentaren einbringen können. Kurz: Wir sind gespannt auf die kommenden Wochen. 

Wir schaffen uns ab

Schon seit Jahren zieht Gunter Dueck durchs Land und erzählt uns mit einem wissenden Lächeln, dass die Zukunft der klassischen Berufe (Dienstleistungen) düster aussieht. Er verweist dabei immer gerne auf das Schicksal seines Vaters, einem Bauern in der Landwirtschaft, die nach dem Krieg mit über 50% Anteil noch dominant war, in den 1990ern aber auf ein Minimum geschrumpft ist. „Konnte man sich das in den 50ern vorstellen?“, fragt Dueck eindringlich mit analogem Blick in die Gegenwart. Können wir uns also heute vorstellen, dass – sagen wir – 50 % der LehrerInnen wegfallen?

Sabine Seufert weist in ihrem aktuellen Blogpost auf eine amerikanische Studie hin, die die Zukunft von 700 Berufen vorwegnehmen will. LehrerInnen schneiden da noch relativ gut ab, weil deren kreative, soziale und haptische Anteile – man denke an Grundschullehrer und Bastelstunde – nicht gut von Robotern übernommen werden könnten.

Ich bin ja mal gespannt: Zum einen hat uns die künstliche Intelligenz immer schon mehr versprochen, als sie dann einhalten konnte. Zum anderen haben künstliche Intelligenz, Robotik, kurz das ganze Androidentum, in der Bugwelle von Fördermitteln und lustigen Schulrobotern so sehr an Fahrt aufgenommen, dass Bruder Data gar nicht mal so fern scheint (vgl. bei Interesse meine Rezension zu Gloys „Wahrnehmungswelten“ im Wiener Jahrbuch für Philosophie).

Aber was folgt eigentlich aus dem ganzen Androidentum? Der Verlust unserer Jobs – Schweißer (2000), Verkäufer (2015), Pfleger (2020?), Lehrer (2025?), Erfinder (2030?) - ist ja das eine, aber, was machen diese Androiden mit uns, unserem Selbstverständnis als Menschen? Und wie wirkt sich ein verändertes SELBSTverständnis auf die Reproduktion unserer Gesellschaft aus? Kurz: Welches Zukunftsversprechen geben wir unseren Kindern? Was können wir tun?

Zum einen sicher die Entwicklungen scharf im Blick behalten und zum Thema machen. Zum anderen insbesondere in unseren Bildungsinstitutionen darüber nachdenken, wie Bildung im Jahr 2030 aussehen soll. Zukunftsspekulationen? Nein, das Nachdenken über diese Zukunft ist ein Nachdenken über unsere humane Potenzialität (Eigensinn), in Abgrenzung zu dem, was Maschinen in Zukunft können werden.

Ich mach‘ in Klauen – learntec16

„Zukunft des Lernens“: So oder so ähnlich wirbt die learntec auch dieses Jahr und zieht damit Aussteller und Lerninteressierte mit IT-Bezug nach Karlsruhe. Wir Ghostthinker (Johannes, Rebecca  - im Bild - und ich) waren am Start, um edubreak® mit seinem „Heimatmarkt“ Sport auch im Wirtschaftskontext anzubieten.

Auf der Messe dominierten Anbieter, die Informationen didaktisch geschickt aufbereiten, u.a. durch wertige Videos, gute Animationen, phantastische 3 D-Welten oder neuartige Augmented Reality. Es geht letztlich darum, bestehendes – für wahr gehaltenes Wissen – an Teilnehmer zu vermitteln. Ich nenne das Schule. Davon zu trennen sind Ansätze, die eher nach dem Marktplatzprinzip funktionieren: ein Marktplatz, auf dem sich Experten mit selbst erstellten Informationsressourcen begegnen und sich gegenseitig mit Feedback befruchten. So einen Fall hatte ich auf der Messe: Es gibt Experten für Klauen (wir sind in der Landwirtschaft) und diese wollen sich mit anderen Klauenexperten über bestimmte Aspekte der Klaue austauschen, z.B. soll man es so oder so behandeln, was ist wann unter welchen Bedingungen besser. Es sprechen also Experten "auf Augenhöhe" (vgl. KH Pape) miteinander, was die Bereitschaft zur Wissensteilung beflügelt.

Aber das große Geld wird mit dem Prinzip Schule gemacht: „Ich bin Herr Müller von der Firma X und ich möchte Wissen an Zielgruppe Y vermitteln, bereiten sie das mal auf, mit Dramaturgie und diesem Gamification!“ Hört man oft. „Am Ende ein (Kompetenz)Test, sicher ist sicher. Sonst macht ja jeder was er will, oder?“ Ja, Schule funktioniert so.

Und dann gibt es sie doch, die Klauenexperten & friends, die fragen: „Ich suche Konzepte für das Arbeiten in Jahr 2020: Wie können wir arbeitsplatznahes Lernen unterstützen? Wie können wir informelles Lernen fördern? Welche Rolle spielt dabei Video?“ Die Antwort kommt wie aus der Pistole, weil das bei uns bereits im Sport passiert. Ich sage: „Stellen sie sich eine Situation im Büro vor: Zwei Kolleginnen stehen zusammen und entwickeln am Flipchart eine Idee, zeichnen wilde Diagramme mit Zahlen. Das alles halten sie mit ihrer Handykamera fest: design thinking in progress. Das Video wird per Klick vom Handy mit fünf Kollegen an anderen Standorten geteilt; die sollen den Ideenkern mit weiteren Ideen ergänzen, kritisieren, neue Fachperspektiven einbringen, provokative Fragen stellen. Das machen sie in einer sicheren Online-Umgebung, nutzen eine ganz spezielle Form der Videokommentierung, ha! Am nächsten Abend ist das Video mit tollen Vorschlägen angereichert, die Argumente der Kollegen sind im Video eingebettet, die Situierung erleichtert das Verstehen.“ (vgl. E. Trude

Der Mann, der die Fragen stellte, hat Glanz in den Augen. Ich spüre, wie mehr Energie in den Raum kommt, nicht weniger. In fast zwei Tagen learntec gibt es ca. drei solcher Momente, magische Situationen, in denen man die Zukunft berührt. Deshalb bin ich da.

EU-Project 2016: Promoting reflective practice in the training of teachers using e-Portfolios, Social Video Learning and Learning Analytics

In den letzten fünf Jahren haben wir kleinere und größere Piloten mit Social Video Learning in der deutschen, österreichischen und schweizerischen Lehrerbildung unterstützt, z.B. Uni Hannover (Geographie, Sport, Grundschule, Ingenieurwesen etc.), LMU München (Grundschule), PH Heidelberg (Mathematik), PH Salzburg (Grundschule), PH Wien (Kunstpädagogik) und Uni SG (Wirtschaft). Theoretische Einordnungen und erste, empirische Ergebnisse finden sich hier und hier. Neuere und umfangreichere Arbeiten zu Social Video Learning in der Lehrerbildung sind in „der Mache“ (Dissertation, Masterarbeit).

Vor diesem Hintergrund sind wir sehr froh, dass wir zum 01. Januar 2016 voller Partner im EU-Projekt „Reflexive practices in teacher education“ unter Leitung der PH Freiburg (Gerhard Bräuer, Martina Lins) sind. Zusammen mit Kollegen aus Luxembourg (Papille Peping, Ruth Hau),  Österreich (Klaus Himpsel-Gutermann, Reinhard Bauer, Klaus Hammermüller, Gerhilde Meissl-Eggart), Italien (Christian Laner) und uns aus Deutschland (Ghostthinker) gehen wir an den Start, um einen europäischen Lerncampus zur Förderung von Reflexionskompetenz zu entwickeln. Dabei kommt ein methodisches Dreibein aus Social Video Learning, e-Portfolioarbeit und Learning Analytics zur Anwendung. Wir werden uns zu Tode reflektieren :)

Das finde ich aus mehreren Gründen klasse: Zum ersten ist es an der Zeit, dass wir weiter und tiefer am Thema „reflexive Praxis“ auch in der Lehrerbildung arbeiten, zum zweiten reizt die breitere Europaperspektive, die eine Hochschulentwicklung über Grenzen notwendig macht, drittens ist das Team nicht nur nett, sondern verknüpft Köpfe aus Bildungspolitik, Lehrerberuf, Reflexionsexperten, Mediendidaktik und Lerntechnologie. Für mich neu und deshalb besonders interessant waren die beiden KollegenIn aus Wien, die sich mit Learning Analytics beschäftigen. Zu diesem Thema habe ich fast keine Ahnung (big data), werde mich aber im Zuge des Projekts mit Bedenken und Chancen intensiver beschäftigen, zumal Klaus auch noch aus dem Sport kommt und hier seine ersten Erfahrungen mit LA gesammelt hat. 

Liebe Deutsche Bahn, wir lieben dich doch, alle!

Ich sitze seit 06:03 im ICE von Hamburg nach Freiburg, um dort an unserem neuen EU-Projekt (Lehrerbildung mit Social Video Learning und e-Portfolio) teilzunehmen. Ich verzweifele: Nicht wegen der fast sieben stündigen Fahrt, nicht wegen der Enge im Abteil, nicht wegen X oder Y. Ich verzweifele wegen des besch ... Internets! Ständig reist die Verbindung ab, an Netz-Arbeiten ist nicht zu denken und leider ist das heute mit diesem Internet so: das Netz ist die Werkbank und wir sitzen mobil an unseren Datenwerkzeugen.

Erstmals nehme ich war, dass es hier im Zug W-Lan gibt, aber 5 € am Tag?? Warum nehmt ihr dann nicht auch Geld für die Toilette, die Saubermänner am Bahnhof machen es doch vor! Was ich sagen will: Wir lieben euch doch, alle! Warum also nicht das Wörtchen Service 2016 ernst nehmen und kostenloses W-Lan installieren, was funktioniert. Fahrt dazu mal von München nach Wien im railJET, da geht das wunderbar. Und wenn das am Ende pro Fahrt x Cent mehr kostet, geht klar, nur KEIN W-Lan, das geht nicht, dann verzichten wir lieber auf die Bratwurst.

2016 – The Breakthrough!

Wenn ich die Bilder von 2015 in mir aufsteigen lasse (in einem Blog mit Erinnerungsfetzen geht das ganz wunderbar), dann sehe ich mich fast jede Woche auf irgendeiner Tagung oder einem Meeting, d.h.: Nie zuvor war ich so häufig vor Ort, in Kontakt mit Menschen, die sich für unsere Sache, für ein reflexives und soziales Lernen mit Videos, interessieren. Dort erzähle ich unsere Ghostthinker-Geschichte (entweder allein oder mit Johannes und Rebecca). Die beginnt mit „we stop videos“ und endet mit dem „Sehen des Sehens“ für all diejenigen, die das Stoppen von Videos (warum tun die das?) neugierig gemacht hat.

Und so kommt es, wie es eben kommen kann: Neben unseren Altkunden konnten wir 2015 eine Reihe von Neulingen begrüßen, die sich konkret auf den Weg machen, ihre Trainerbildung im Sport anders als bisher zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um eine Integration der digitalen Medien; vielmehr sind die Medien oft  der Anlass dafür, nochmal grundsätzlich über die Didaktik in der Aus- und Weiterbildung mit den Blick auf Effektivität, zeitliche Flexibilität und nachhaltige Nutzung nachzudenken. Zu den Neulingen zählen:

  • Württembergischer Landessportbund
  • Sportbund Rheinland
  • Landessportbund Sachsen Anhalt
  • Bayerischer Handball Verband
  • Bremer Basketball Verband
  • Deutscher Schützenbund
  • Deutsche Eislauf Union
  • Deutscher Fußball Bund

Ich bin froh über jeden Verband bzw. Bund, auch die ganz kleinen. Ganz besonders freue ich mich über die Fußballer, die unserem Ansatz eine Chance geben.  

Was bedeutet das alles? Zunächst einmal sehe ich ein Bedürfnis der Sportorganisationen, die Qualität ihrer Bildungsangebote jenseits einer „Digitalisierung“ zu überdenken und zwar in Richtung Didaktik. Hiermit ist aber eben nicht eine Verpackungskunst gemeint, wie sie für die Anfänge der e-Learning Bewegung im Zuge einer elektronischen Vermittlung mit Einsparpotenzial typisch war. Vielmehr interessieren sich die Verbände heute für Strategien und Methoden, wie man individuelle (aktiv, reflexiv, sozial) und organisationale Lernprozesse (Qualitätsmanagement, Prozessintegration, Vernetzung von Standorten) verbinden kann und wie man parallel dazu die „Lust auf (Selbst)Bildung“ ins Zentrum stellt, was gerade für die Ehrenämtler so wichtig ist! Die Bildung von TrainerInnen wird sich – so meine These – zunehmend am reflektierten Praktiker (Donald Schön) ausrichten und nicht – wie früher oft geschehen – an quasi-wissenschaftlichen Inhalten, mit deren Vermittlung man die  „Professionalität“ zu steigern versuchte. Hier müssen wir diskutieren! 

Warum nun „Breakthrough“? Ich hatte in der Vergangenheit mal geschrieben, dass "es schwieriger ist, aus dem Nichts einen Punkt zu machen, als aus einem Punkt einen bunten Ballon" – eine Metapher für die Schwierigkeit des Anfangens. Ich denke, wir sind beim Punkt angekommen, also dort, wo die Pflanze den harten Betonboden „durchbricht“. Hinter diesem Durchbruch warten freilich neue, andere, eher politische Herausforderungen. Aber ich bin mir sicher, dass wir diese zusammen mit starken Partnern meistern werden.

Der Fußball ruft

Es war 2009, also ich zum ersten Mal die Idee von edubreak und unsere noch jungen Erfahrungen im Tischtennis einer Arbeitsgruppe aus dem Fußball vorstellte (Veröffentlichung). Damals erntete ich zwar Anerkennung zu dem, „was man da in einer anderen Sportart macht“, aber es hatte keinen weiteren Effekt. Man wollte unter sich bleiben.

2015 sieht das anders aus. Durch Anregung von Kollegen aus dem Tischtennis ist Wolfgang Möbius auf unsere Arbeit aufmerksam geworden. Er ist Leiter Qualifizierung beim Deutschen Fußball Bund und hat ein ganz besonders Ohr für didaktisch motivierte und fundierte Innovationen. So sind wir ins Gespräch gekommen und dabei blieb es nicht.

Auf seine Einladung hin konnte ich am 02. Dezember in der Sportschule Koblenz ein Referat mit dem Titel: „Trainerbildung 2.0 – Generation Z und die Folgen für das Bildungsmarketing“ halten. Anwesend waren die Bildungsverantwortlichen aus den Bundesländern sowie DFB-Kollegen aus den Bereichen Medien, Geschäftsführung und Presse.

Wie immer, geht es mir bei meinen Referaten um einen Neuansatz für die Trainerbildung im Sport, an dem ich deshalb ein „2.0“ hänge, weil sich diese Neuerung auf die zeitliche Struktur, die Didaktik, die Technik und die Verbindung zum organisationalen Lernen beziehen. Der „Ruck“ hat also viele Richtungen, die wir alle gleichzeitig im Blick haben müssen, wenn sich (nachhaltig) was bewegen soll. Die Überlegungen zur Generation Z waren eher kursorisch geraten und auf Entwarnung getrimmt, denn es gibt meines Erachtens keine ausreichenden Grund dafür, diese Generation als „besonders“ zu behandeln.

Voraussetzung für diese Entwarnung ist allerdings, dass wir bei unserer Bildungsarbeit die Bildung radikal ins Zentrum stellen, TrainerInnen also dabei unterstützen, sich und ihre Sportart zu entdecken. Dass wir dabei die digitalen Medien zur Selbstbeobachtung, Kommunikation und Kollaboration auch außerhalb der Präsenz nutzen, sollte das Normalste der Welt sein. Sicherlich gilt aber auch: Von der einfachen Kommunikation via WhatsApp zu tiefen Lernprozessen ist es freilich noch ein Weg, den wir zusammen mit „den Jungen“ gestalten sollten.    

Am Ende kann gelungene Bildungsarbeit so aussehen wie hier beim TTVN (Video SommerCamp 2015): Da wirken Generationen von X bis Z zusammen und TrainerInnen, JugendleiterInnen sowie Freiwilligendienstler ziehen an einem Strang. Wenn wir am Ende solche „dichten“ Bildungserlebnisse in Facebook oder Instagram einbringen und teilen, umso besser. Kurzum: Lasst uns Bildungsmarketing von den Bildungserlebnissen her denken, dann wedelt der Schwanz auch nicht mit dem Hund.

Wie wollen wir leben, sagen wir 2030?

Vorgestern abend war ich auf Einladung von Andreas Hebbel-Seeger in der Macromedia Hochschule hier in Hamburg. Geboten wurde der Film „GOLD: Du kannst mehr als du denkst.“ Der Film kam schon 2013 in die Kinos und erzählt die Geschichten dreier behinderter Sportler. An sich geht es nur um eine Geschichte, nämlich die, wie Sport unser Leben verändert. Im Anschluss hatten wir die Möglichkeit, mit einem der drei Autoren zu sprechen, klasse!

Ich habe mich auf den Film sehr gefreut, wahrscheinlich, weil mir 2013 Thomas Beyer diesen sehr ans Herz gelegt (und ich es immer noch nicht getan hatte) hat und weil sich hier offenbar jemand vorgenommen hatte, die Kernidee des Sports, das „Über-sich-Hinauswachsen“ einzufangen. Seit der Lektüre von Sven Güldenpfennigs Büchern ist mir das bewusst(er) und ich freute mich darauf, diese Kernidee durch die Brille der Behinderung anzuschauen.

Ich kann also gar nicht sagen, was es war, das mich während und nach dem Film stutzen ließ. Hatte ich nicht gerade gesehen, wie drei Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen ihre körperlichen Handicaps scheinbar hinter sich ließen? Der blinde Läufer, der im Zieleinlauf seinen Guide hinter sich herzog (nicht umgekehrt!), die gelähmte Schwimmerin, die wie ein Pfeil durchs Wasser schoss, der Mann ohne Beine, der zur raschen Fortbewegung seinen highspeed-Roller oder seine Hände benutzte und dabei nie Zweifel an seiner Ganzheit ließ. Es war nur eine Kleinigkeit, die mich störte: Die Geschichten wurden vor dem Hintergrund eines Rehabilitationszwecks erzählt, d.h. Sport wurde hier für die (mentale) Genese in Anspruch genommen: Und genau dieses Moment widersprach dem Kernkonstrukt der Selbstzweckhaftigkeit, einem Definitionsmerkmal meines (bisherigen) Sports.

Aber darum ging es im Nachgang des Films, im Gespräch mit Autor/Produzent Andreas F. Schneider, nicht mehr. Vielmehr redeten wir über das, was der Sport generell für Gesellschaft und humane Existenz beitragen könne. Sein Film wolle ja genau dieses Potenzial zum Ausdruck bringen: Finde das „Gold“ in dir, das dich alle Grenzen überwinden lässt. Sport in diesem Sinne ist Bewusstseinsarbeit im Medium der körperlichen  Bewegung.

Dann ging es ganz schnell um ein Thema, das alle Hamburger (nicht nur die) umtreibt: Das Referendum am Sonntag, das Ja oder Nein zu Olympischen Spielen in Deutschland. Andreas F. Schneider zeigte nun auf einen Punkt, der mir neu war: Im Zuge eines Zuschlags ginge es eben nicht nur darum, „Stadien und Brücken“ für den Sport zu bauen, sondern im Rahmen eines Projekts zur Stadtentwicklung zu zeigen, wie „wir in Zukunft zusammenleben wollen“: Junge und Alte (10% unser Gesellschaft wird 2050 über 80 Jahre alt sein), unterschiedliche Nationen und Sprachen, Behinderte und Nicht-Behinderte. Unterm Strich ginge es darum, durch das Hamburger Brennglas der ganzen Welt zu zeigen, wie man Inklusion zu Ende denken kann. Die Olympischen Spiele sind in diesem Zusammenhang Bedingung der Möglichkeit (1 Milliarde Euro Investition) und der Sport eine Metapher für eine Kultur der „Berührung“.   

Bum! Andreas hatte mein kleines Kartenhaus gesprengt. Zwar wusste ich bereits von der Dekadenstrategie 2020, aber mir war dieser große Bogen von Sport-Berührung-Inklusion mit der Leitfrage: Wie wollen wir leben? bei all dem kleinteiligen Alltagsgeschäft abhanden gekommen. Danke dir Andreas!

Und Sonntag? Dann denken wir darüber nach, wie wir leben wollen. 

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