Echt anstrengend, aber cool!

Am Montag und Dienstag war ich zusammen mit David Schlichter (Augsburger Filmemacher) in Hannover, um am Sommercamp 2015 des Tischtennis-Verbands Niedersachsen (TTVN) teilzunehmen (vgl. Pressemeldung des TTVN).

Markus Söhngen und Team veranstalten dieses sehens- und erlebenswertes Sportcamp der besonderen Art seit 2003. Dort kommen Kinder, Jugendliche und Trainer rund um den Tischtennissport zusammen und verbringen eine Woche mit Vorhand, Dribbeln, Springen, Grillen und schönem Abendprogramm. Nun kann man sagen: „Camp kennen wir“. Doch dem ist mit Sicherheit nicht so! 

Auf dem Sommercamp des TTVN kommen ca. 100 Kinder und Jugendliche aus allen Leistungsstufen zusammen, und dann geht es eine Woche um Sport & Spiel. GLEICHZEITIG sind aber auch Trainer, Sportjugendleiter und (Bundes-)Freiwilligendienstler vor Ort, um sich mit und durch die Kinder fortzubilden. 

So sitzen die Trainer z.B. abends ganz klassisch im Seminarraum und hören ein Referat über Krafttraining bei Jugendlichen. Am nächsten Tag müssen sie das neu erworbene Wissen anwenden und ggf. wenig zielführendes Trainerwissen – unter freundlicher Beobachtung von Kollegen und Videocam - über Bord werfen.

Und so geht das in einem fort: Sportjugendleiter planen in Seminaren ganze Bildungsreisen, kleine Spiele oder Abendprogramme. Die Anwendung „live am Fall“ folgt der Planung, ehrliches Kinderfeedback inklusive.

So ein Gewusel aus Kindern, Jugendlichen, Trainern, Organisatoren, Sportjugendleitern und Freiwilligendienstlern ist bunt! Passend dazu sind die Gruppen durch bunte Trikotfarben voneinander geschieden, was für Ordnung sorgt. In der Halle sieht man aber wieder bunt zusammengewürfelte Gruppen, die freudig einem selbst erfundenen Sportsinn folgen.

Und wie wird das Ganze organisiert? Ca. sechs Monate vor dem Sommercamp treffen sich dezentral 20 Organisatoren (ca. 50% Männer) im edubreakCAMPUS, um sich anhand der Blog-Reflexionen aus dem letzten Jahr auf das neue Event vorzubereiten. Dabei wird Bewährtes weitergedacht und Neues gemeinsam ersonnen. Kommentare und Re-Kommentare machen eines sichtbar: Hier stimmt man sich ab! Das ist effizient und macht Spaß, so der einhellige Ton.

David und ich fahren mit ca. drei Stunden Videomaterial nach Hause: Videomaterial aus Spielszenen, Interviews ebenso wie informelle Perspektiven. Wir werden die nächsten Wochen sehen, wie sich das im Kopf von David zu einer Dramaturgie verdichtet und zu einem Film wird. Zumindest eines der Kinder wusste schon, was die Botschaft des Filmes sein wird: Echt anstrengend - so ein Sommercamp -, aber cool!

Gut beraten

Ich habe in den letzten Jahren viele Sportorganisationen darin beraten, wie sie Blended Learning „einführen“ und „verstetigen“. Man sensibilisiert für eine Vision, zumindest für die normative Frage, „Wo wollen wir hin“ (organisationale Ziele, Menschen- oder Trainerbild etc.), entwickelt gemeinsam ein didaktisches Konzept, entscheidet sich für eine Technologie und macht sich auf, Referenten und Teilnehmer durch reflektiertes Tun mit in die neue Welt zu holen. So oder so ähnlich geht das, wie aktuell z.B. im LSB Sachsen-Anhalt.

Schaut man aber genauer hin, dann sind die Abläufe gar nicht mehr so schön klar und linear: Vision, Konzept, Technologie, Implementation, Evaluation etc. Da ist es vielmehr so, dass in jeder Phase „irgendwie“ alle anderen Phasen drin stecken, nur nicht ganz so dominant und sichtbar. Im Prozess entsteht also den Eindruck, dass mit jedem Schritt die Folgeschritte angelegt, angedeutet, angestoßen sein müssen (vgl. DBR). Ich will hier bewusst nicht von „ganzheitlich“ sprechen – dieses abgenutzte und reichlich vielsagende Wort. Vielmehr: Da baut sich eine Musik auf;  Thema, Rhythmus, Tempo, Lautstärke, etc. Ich bin anfänglich Dirigent, zeige mein Lied, dann geht der Stab weiter und ich höre eine neue Musik, die meiner „nur“ ähnlich ist.

Ich stecke mitten drin in der Lektüre von Otto Scharmers „U-Theorie“ (Video mit Bezug zu higher education) und deshalb bin ich besonders sensibilisiert für das, was passiert, wenn man sich aufmacht, Organisationen zu verändern. Genau genommen hilft man ihnen ja nur bei der Selbstveränderung; der Change Agent ist ein Geburtshelfer. Bei Scharmer wird man nun in eine ganz eigene Welt hineingeführt, er bezeichnet sein Vorgehen als „Sozialtechnologie“ und beruft sich u.a. auf die Arbeiten des Sozialpsychologen Kurt Levin und seine Feldtheorie.

Interessant ist, dass Scharmer die von Lewin eingebrachten Metaphern wie „Kraftfeld“, „verflüssigen“ oder „einfrieren“ qualitativ erweitert. Sein Ziel ist eine „Vergegenwärtigung einer möglichen Zukunft“ und genau dafür bedarf es einer Öffnung des Denkens, Fühlens und Wollens bei allen Beteiligten. Aber damit nicht genug. Ist eine mögliche Zukunft in der Gegenwart greifbar, dann muss man sie materialisieren; u.a. helfen hier Prototypen (Objekte, Vorgehensmodelle etc.) damit das Neue in die Welt kommt.

Ja, wie das „Neue in die Welt kommt“, genau dieser (blinde) Punkt bzw. Prozess interessiert besonders. Bei Scharmer liest sich das aber nicht abstrakt und blutleer, sondern man gewinnt durch vielfältige Beispiele, grafische Orientierung und „Ausfaltung des Punktes“ (vgl. David Bohm) Einsichten in einen ansonsten verdunkelten Prozess, den „kein Mensch je zuvor gesehen hat“. Für mich selber sind Scharmers Ausführungen an vielen Stellen wie ein Bewusstwerden meiner eigenen Beraterpraxis. Nur: Ich bin bisher noch nie so weit gegangen und habe das, was da (mit den anderen und mir) geschieht, unter der Perspektive der Geburt und als Sozialtechnologie interpretiert.

Wahrscheinlich liegt das auch daran, weil das Thema „e-Learning“ gemeinhin als etwas von außen Kommendes gedeutet wird, als ein „Objekt“, das man in die Organisation einpflanzen muss. Wäre es aber so, dass man sich bereits als Lerngemeinschaft verstehen würde, dann wären alle neuen Formen des Lernens bereits potentieller Teil der eigenen Identität. Die kreative Nutzung von e-Learning wäre dann nichts anderes als eine Aktualisierung des Potenziellen. Mit Scharmer gilt: Zukunft ist davon abhängig, wie und als was sich die Mitglieder selber wahrnehmen. 

Gut beraten ist man also dann, wenn Dritte einem nichts Fremdes einpflanzen, sondern helfen, anders als gewohnt wahrzunehmen, gerade sich selbst und das eigene Sehen! Wenn man lernt, anders zu sehen, und seine Aufmerksamkeit anders als gewohnt zu steuern, dann gelingt eine starke, eigene Zukunft, eben das höchstmögliche Selbst. Falls der vielbenutzte Begriff der Nachhaltigkeit eine Bedeutung haben soll, dann geht das genau in diese Richtung. 

Leading with the heart

In Vorbereitung auf unseren Umzug nach Hamburg im Herbst fiel mir das Buch von Bernhard Peters, Hans-Dieter Hermann und Moritz Müller-Wirth wieder in die Hand: „Führungsspiel“, so der Titel. Ich erinnerte mich an Herrn Bernhard Peters, den ich 2007 in Hoffenheim als einer der ersten von edubreak (siehe Präsentationen) erzählte, damals noch völlig unreif, was Technologie und Didaktik anging, aber mit großer Begeisterung und ersten Skizzen in der Hand. OK, damals waren wir alle noch nicht soweit und ausserdem saß SAP mit am Tisch ;-). 

Nach sieben Jahren Entwicklung rund um edubreak habe ich das Buch nochmal gelesen, mit anderen Augen als 2008. Sehr hängen geblieben ist mir folgende Passage: "Der Moderne Trainer [Peters meint sicher auch alle Trainerinnen! F.V.] ist folglich in erster Linie ein Kommunikator. Er muss verstehen, ein Team als die Summe seiner einzelnen Persönlichkeiten zu formen und zu führen. Dazu muss er weder die Laktatwerte seiner Spieler auswendig kennen noch selber die Übungen auf dem Trainingsplatz vormachen oder im Videotraining die Spielszenen zusammenschneiden. Er ist Beobachter und Moderator, umgeben von einem Team von Spezialisten, die ihm in ihren jeweiligen Bereichen überlegen sind. Nicht zuletzt ist er  - als Chef – Lehrender und permanent Lernender zugleich, eine Persönlichkeit eben, die führen kann, egal ob im Fußball, im Hockey oder ausserhalb des Sports (S. 264)." Ja, Beobachter und Motivator, diese beide Kernprozesse gefallen mir sehr, treffen sie doch auch genau den Funktionskern, den wir mit edubreak vorantreiben wollen: (Selbst)Beobachten, Reflexion, Artikulation, Austausch.   

Welches Fazit ziehe ich aus dem Buch? Peters verweißt (wohl auch mit Impulsen von Jürgen Klinsmann) auf den Wert der fünften Dimension für die Trainerarbeit: Neben Technik, Taktik, Fitness und Psychologie nun eben auch emotionale Führung, als Fundierung für alle anderen vier Dimensionen. Das Buch von Peters und Mitdenkern ist das lebendige Beispiel dafür, dass noch eine sechste Dimension hinzukommen müsste: Die Bereitschaft und das Können zur (radikalen) Selbstreflexion und Selbstveränderung. Das ist der Ort, wo es so „richtig wehtut“ und das ist auch der Ort, wo die TrainerAUSbildung zur TrainerBILDUNG wird.

Die Schweizer!

Am Freitag war ich zusammen mit Rebecca auf dem 2. Swiss Corporate Learning and Knowledge BarCamp in Winterthur. Wir Ghostthinker waren zweimal vertreten: einmal durch unsere Session „Schluss mit Kino“ und zum anderen als Co-Sponsor der Veranstaltung, die wir mit unserem Produkt edubreakCONFERENCE unterstützen.

„Ausgeheckt“ hatte sich das alles Torsten Fell. Torsten kenne und schätze ich seit unserem ersten Treffen in Zürich als kreativen und verlässlichen Kopf, der sich vornehmlich im Corporate Learning positioniert – deswegen auch die enge Zusammenarbeit bei der AXA Winterthur, die zum ersten Mal ein BarCamp-Format gewagt haben.

Es ist ja immer wieder spannend, wenn die Organisationsleitung am Morgen dazu aufruft, sich mit einer Session zu beteiligen. Kommen genügend Sessions zusammen? Gibt es eine unnötige Themenkonzentration? Wie lange dauert das alles? Aus diesem Grund war Torsten zu Beginn wohl auch etwas nervös: So ganz weiß man es ja nie! Ab ca. 10 Uhr ging alles seinen Gang: genügend Sessions mit interessanten Themen, klare Zeitstruktur, jeder weiß, was zu tun ist. Toll!

In nicht wenigen Sessions ging es um das Thema Video: Interaktivität, Blended Learning, Einkaufen vs. selber Machen, Kosten. In Abgrenzung zu vielen Schulungsanbietern von hochwertigen, meist storybasierten Videos, habe ich meinen Vortrag mit „Schluss mit Kino“ betitelt. Was folgt war bekannt: Videokommentierung, allein und zusammen, Videos selber drehen und Fallvideos, Nachdenken über gute Kommentierungsaufgaben etc.

In den Diskussionen stelle ich eines immer mehr fest: Unsere Methodeninnovation Social Video Learning ist der Ausgangspunkt einer Debatte über das Thema „Partizipation und Eigenverantwortung“. Dürfen MitarbeiterInnen ein für sie bedeutsames Video aus ihrem Arbeitskontext drehen? Darf jeder dieses Video frei kommentieren? Darf man diese Kommentare mit Dritten teilen? Darf man die entstehenden Meinungscluster wieder in einem Workshop bündeln und diskutieren? Darf man die Dinge „von unten“ verändern? Verantwortung hat eben ganz viel mit eigenen „Antworten“ zu tun.

 Und genau diese Grundsatzdebatte – so habe ich den Eindruck – kann man mit den Schweizern ganz hervorragend führen! Wenn wir vollmundig von der Zukunft des Lernens sprechen, dann sollten weniger die Tools & Technologien als vielmehr soziale Praktiken, Machtarchitekturen und Menschenbilder im Zentrum stehen. Ja, vor allem auch Menschenbilder, denn die Frage nach einer guten Arbeit, nach einer gerechten Entlohnung, nach Autonomie und sozialer Eingebundenheit verweist unmittelbar auf das Bild vom Menschen, mit dem wir die Arbeitswirklichkeit anschauen und mit dem wir die Zukunft der Arbeit  und des Lernens verwirklicht sehen wollen. Wenn man am Ende der Debatte dann wieder ganz pragmatisch nach Umsetzungsstrategien fragt, dann sind Technologien und Praktiken aus dem Umfeld von „2.0“ keine schlechte Wahl.

Erstes Forum Nachwuchsleistungssport: Eine Diskussion beginnt …

Am Montag waren Johannes und ich beim ersten Forum Nachwuchsleistungssport in Potsdam, das von unseren Kollegen Karsten Görsdorf und Christoph Moeller vom Institut für Spielanalyse (IfS) organisiert wurde. Neben dem Fachinput gab es auch was zu feiern: Das IfS wurde stolze 5 Jahre. Wir Ghostthinker freuen uns auch deshalb, weil uns mit Karsten und Christoph eine Berliner Idee verbindet: „Enfach jute Sachen machen“.

Für mich höchst interessant war der Input von Prof. Martin Lames, der in einer kurzweiligen Aufriss zu Themen wie „Innovationsfördersystem im Sport“ oder „Natur des Sportspiels“ sprach. Man hätte zum Innovationsfördersystem wahrscheinlich einen ganzen Tag diskutieren können, denn die Frage, wie Sportpraxis innovativ wird, wirft einen Blumenstrauß von Folgefragen auf: Was verstehen Grundlagenforschung, Sportwissenschaft, Sport Services und Sportpraxis unter dem Begriff „Innovation“? Welche konkreten Erwartungen sind damit jeweils verbunden? In welchem (Spannungs-)Verhältnis stehen methodisch gesicherte Erkenntnis und praktischer Nutzen? Die Fragen sind nicht neu, wenn man die Diskussion zum Design Based Research verfolgt. Eine erste Lösung wäre, wenn man ehrlicher mit den jeweiligen Kerninteressen der Subsysteme umgehen würde. Ein Vorschlag: Sportwissenschaft kann kein Ort der Innovation sein, weil sie weder die Zeit noch die methodische Freiheit hat, Inventionen in eine flächendeckende und akzeptierte Praxis, also eine Innovation, zu überführen. Deshalb wohl auch die Erfindung der Science Services, die diesen Übersetzungs- und Implementationsprozess übernehmen sollen.

Mit den Science Services ist das Problem des „Innovationstransfers“ allerdings nicht gelöst, bestenfalls externalisiert. Die Kernfrage bleibt: Wie geht die Sportwissenschaft mit Problemen des Sportsystems um? An der Antwort auf diese Frage wird das Wohl und Wehe der Sportwissenschaft hängen! In Zeiten von Neuro-, Gen- und Bio-Science kein Grund zum Optimismus.

KulturGutHamburg2024

Am Donnerstag war ich auf dem 15. Kongress Sport, Ökonomie und Medien in Hamburg (Videobericht hier). Zentrales Thema waren die Medien und die Frage, wie sie die Kommunikation im und um den Sport verändern. Man denke nur an die Fußballweltmeisterschaft, an Facebook & Co, wie Emotionen der Fans in Echtzeit geteilt oder Grußbotschaften aus dem Cockpit der Lufthansa mitgeteilt werden.

Entsprechend war auch der Head of Twitter sports vor Ort und hat über den weltumspannenden Dienst berichtet. Beeindruckend, was da seit der Gründung 2006 passiert ist und welche Neuerungen auch im Videobereich fortlaufend an den Start gebracht werden! Einen Kontrapunkt zu den Medien setzte Willi Lemke (Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung). In seinem Grußwort ging es ihm zentral um Hamburg 2024, um die Olympischen und Paraolympischen Spiele: Förderung des Breitensports, Inklusion, friedenstiftende Wirkung – das sind seine Themen, die er mit lebendigen und sinnstiftenden Geschichten aus aller Welt anreichert.

Ich hatte mich auf Anfrage von Andreas Hebbel-Seeger (Organisationsleitung) mit einem Vortrag zur „Trainerausbildung 2024“ eingebracht. Etwas vollmundig, ja sicher, aber mir geht es neben der artigen Darstellung dessen, was aktuell möglich ist, auch um einen Weckruf an alle, die in der Trainerausbildung Verantwortung tragen: Wenn wir 2024 in den olympischen Foren stolz von einer neuen deutschen Systemqualität berichten wollen, dann müssen wir uns jetzt auf den Weg machen. Veränderungen von Systemen dauern … und die von Menschen dauern noch länger :-). 

Hamburg 2024? Ehe das wahr wird, muss die Hamburger Bevölkerung am 29.11.2015 in einem Volksentscheid „ja“ zu Olympia sagen. Wann sagt man ja? Jedenfalls nicht, wenn man notorisch auf die ökonomischen Vorteile verweist, die sich aus den Spielen ergeben. Das ist in der Sache fragwürdig (vgl. Prof. Maenning) und von der Form her leidenschaftslos. Vielmehr könnte man sich auf das schlichte Kernargument berufen, ein Kulturfest für die Jugend der Welt im Medium des Sports auszutragen. Das mag für alle, die gut zählen können, blauäugig klingen. Doch es ist die einzig harte Währung, die Olympia zu bieten hat – eben ein kulturelles Gut – und genau für diese schlichte aber wirkmächtige Idee muss man Feuer und Flamme sein. 

Pädagogische Sportverbandsentwicklung

Nach unserem Erstkontakt mit dem Bayerischen Handball Verband und dem Referat bei der DHTV im letzten Monat bin ich gestern zum dritten Mal mit dem Handball in Berührung gekommen. Nach einem intensiven Vorabtelefonat hatte mich der Bundeslehrwart des Deutschen Handball Bundes (DHB), Michael Neuhaus, auf die Lehrwarttagung 2015 nach Bielefeld eingeladen, damit ich über Blended Learning am Beispiel des DTTB spreche. Anwesend waren mehr als 20 Lehrwarte der Länder, die schon am Vormittag über Neuerungen im DHB-Lehrwesen informiert wurden. Da passte mein Thema ganz gut.

Ich wusste bereits, dass es dem DHB darum geht, mehr über einen systemischen oder ganzheitlichen Ansatz für die Trainerausbildung zu erfahren und genau dafür ist das Beispiel des Deutschen Tischtennis Bundes (DTTB) besonders gut. Dort wurden in den letzten 6 bis 8 Jahren neue Ausbildungskonzepte im engen Austausch mit Trainern, Lehrreferenten, Bildungswissenschaftlern und Ghostthinkern entwickelt und zwar in allen Lizenzstufen von C bis A und dank SALTO auch flächendeckend in allen 16 Bundesländern. Dort haben die Bildungsverantwortlichen damit begonnen, ihre Erfahrungen und Ressourcen länderbergreifend auszutauschen. Ja, das geht, fällt aber nicht vom Himmel, ist vielmehr ein voraussetzungsreiches Ergebnis von vielen (didaktischen) Entscheidungen, man könnte auch sagen ein sozio-technisches System.

Ich merke bei meinen Referaten zunehmend, wie ich die Ebene der Lernwerkzeuge und auch der Blended Learning-Konzepte verlasse und mich immer mehr dem „nächsten Thema“ zuwende: der pädagogischen Sportverbandsentwicklung. Das kommt nicht von ungefähr, denn immer wieder stoße ich in Beratungsgesprächen auf das Spannungsfeld von autonomer Bildungsarbeit in den Landesverbänden und Steuerungsinteresse des Spitzenverbandes. Was nach Widerspruch klingt könnte durch den Einsatz digitaler Medien in eine koordinierte Entwicklung überführt werden; Autonomie und Aufsichtspflicht schließen sich nicht aus.

Der DTTB hat hier meines Erachtens einen innovativen und vielversprechenden Pfad eingeschlagen, indem die Landesverbände im Grundsatz ihre Bildungsarbeit frei in den Grenzen der Rahmenrichtlinien gestalten können. Gleichzeitig sind die Landesverbände durch den DTTB aber „eingeladen“, die Aufgaben ihrer Blended Learning-Programme allen Bildungsverantwortlichen in einer Online-Community transparent zu machen: Schulterblick, produktives Reiben und Nachjustieren von Aufgabenqualität sind die Folge. Was so harmlos daherkommt, entpuppt sich im Ergebnis als belastbare Organisationsentwicklungsmaßnahme, die von allen Beteiligten (mit)getragen wird.

Ich hoffe, dass das ausbuchstabierte Beispiel des DTTB mit meinen eigenen Deutungen zum Weiterdenken im DHB angeregt hat. Im Nachgang zu meinem Referat hat Herr Dr. Hierl jedenfalls nochmal aus der Perspektive des BHV gezeigt, wie Blended Learning mit edubreak beim BHV in der zweiten Jahreshälfte umgesetzt wird, wie man also jenseits großer Worte mit einem Torwarttraining im Blended Learning-Format startet.  

Nach Sichtung aller Informationen stehen Sportorganisationen wie auch der DHB beim Thema „digitales Lernen“ vor ein paar wenigen Fragen, die es aber in sich haben!

  • Welchem Lernverständnis (Trainerbild) sind wir verpflichtet? Soll das auch für digitale Bildungsräume gelten?
  • Wie sehen zu diesem Trainerbild passende Didaktiken (inkl. Assessement) und Lerntechnologien aus?
  • Lassen wir uns von der konzeptionellen Seite von außen beraten?
  • Setzen wir auf Technologiedienstleister mit Open Source-Produkten (z.B. Moodle) oder Didaktikdienstleistern mit speziellen Technologien (z.B. edubreakCAMPUS)?
  • Welchen Zweck verfolgen wir als Organisation mit dem Einsatz digitaler Medien?
  • Ist für uns Lernen (personal, organisational, analog, digital etc.) ein strategisches Thema? Was folgt daraus?  

Die Geschäftsführung der Sportorganisationen stehen am Ende wie immer auch vor der Kostenfrage: Was kostet eine soziale Innovation? Jedenfalls mehr als eine Software-Lizenz, soviel sollte klar sein! 

Wenn Männer Kinder kriegen könnten

Es war wohl 2002, als ich zusammen mit Gabi im schönen Garten von Hildegard Macha saß, einer Professorin an der Uni Augsburg, die irgendetwas zu feiern hatte. Neben mir saß eine weitere Frau, ca. 65 Jahre alt, Juristin. Wir redeten launig über „die Männer“, was sie sich alles herausnehmen und was sie alles nicht tun. Frechheiten! Ich vergaß wohl für einen Moment, das ich ein Mann war. Und dann packte es mich: „Wenn wir Männer Kinder kriegen könnten“, sagte ich in die aufhorchende Runde, „dann wäre mit Sicherheit im ersten Paragraphen des Grundgesetzes verankert, dass eben diese Männer von allen Arbeitstätigkeiten zu befreien sind. Der Mann“, sagte ich zur Legitimation, „ist für die Reproduktion der Gesellschaft verantwortlich!“ Zumindest die Juristin neben mir hat herzlich gelacht, wusste sie doch meine ironische Zuspitzung zu würdigen.

Aber ich wollte natürlich nicht nur lustig sein: Die Frauen kämpfen seit gut 100 Jahren für ihre Rechte und den Frieden. Vieles wurde erreicht. Heute haben wir Genderbeauftragte, Männer schieben ihre Kinder durch die Parks, Frauen arbeiten was und wo sie wollen. Klingt gut, oder?!

Wie unübersichtlich die Situation geworden ist und wie subtil die Muster quer zu den Geschlechtern liegen, wird wunderbar in der letzten Sendung DIE Anstalt aufbereitet. Die Jungs und Mädels verstehen ihr Handwerk und verpacken ihre Botschaft mit viel Selbstironie. 

Selbstironie, für mich ein ideales Schmiermittel zwischen Mann und Frau. Die Geschlechter bleiben, der Rest bleibt Aushandlungssache. Also, liebe Frauen, lasst die Männer keine dicken Bäuche kriegen, sonst müssen wir das Grundgesetz ändern, garantiert!

SALTO die Letzte: Wir arbeiten ... anders

4.40 Uhr aufstehen (Wolfratshausen), 8.55 Uhr im Seminarraum Potsdam, Kongresshotel – Mobilität in Deutschland, geht doch.

Gestern war ich beim 5.ten Hauptmeeting im SALTO-Projekt, in dem nun nach fast drei Jahren die letzten Meter eingeläutet werden. Neben meiner beratenden Funktion hatte ich eine kleine Moderatorenrolle: Zur Debatte stand die Zeit nach der Förderung. Nach einer kleinen Erinnerung an die SALTO-Idee habe ich jeden der Teilnehmer gefragt, wie er oder sie sich das vorstellt mit der Zukunft. Im Grundton waren sich alle sehr einig, dass es nach dem Sommer weiter gehen muss mit den digitalen Medien. Entweder mit einem ganz konkreten Wissenstransfer der Ergebnisse in andere Sportarten, mit der Aufrechterhaltung und Stabilisierung des Erreichten im eigenen Verband oder in Form einer Integration in den ganz normalen Arbeitsalltag. Letzteres könnte man so auslegen, als ob dem Thema „digitale Medien“ keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt würde. Dem ist aber nicht so: Ähnlich wie in Unternehmen oder auch Hochschulen versteht man die digitalen Medien immer mehr als Querschnittsthema. Es geht also nicht mehr nur um „e-Learning“, sondern um webgestützte Qualifizierungsprozesse (Kompetenzentwicklung), webgestütztes Lizenzmanagement, webgestützte Konferenzen, webgestützte Kooperationen mit Schulen, Sportinternaten, Sportstudiengängen oder webgestütztes Qualitätsmanagement. Die Potenziale des Webs für das Lernen und das Management von Wissen (Repräsentation, Generierung, Kommunikation und Nutzung) stehen 2015 außer Frage. Was wir fortlaufend brauchen, sind spezifische (didaktische) Konzepte, die diese vielfältigen Möglichkeiten zur Wirklichkeit werden lässt, kurz: wir müssen (geistig) mobil bleiben. 

Mäuse haben kein Selbstverhältnis

Am Freitagabend durfte ich bei der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes e.V. ein Einführungsreferat zum edubreakCAMPUS halten. Nicht primär „Features“ standen im Zentrum, sondern didaktische Potenziale von Blended-Formaten, konstruktionsorientierte Aufgaben, Reflexionsanstiftung durch die Produktion und den Austausch von (Video-)Artefakten, Feedback- und Fehlerkultur, Teilen von Erfahrungswissen über den eigenen Standort und Horizont hinaus etc. All das kennt man von mir und es lässt sich mittlerweile zu einem kohärenten edubreak-KONZEPT verdichten.

Neu war für mich etwas anderes: Noch nie habe ich vor Generalsekretären, Verbandspräsidenten und Geschäftsführern gesprochen, also vor „Managern“, die sich im Alltag mit Organisationsentwicklung, Finanzmanagement, Personalführung, Mitgliederentwicklung, Marketing, Sponsoring und dem Spagat zwischen Ehrenamt und Vollzeitamt beschäftigen. Das Thema „Lernen“ findet sich explizit nicht auf der Agenda; auch im Curriculum zum DOSB-Verbandsmanager sucht man ein Lern- oder Wissensmanagement vergebens. Management und Lernen gehören (noch) zwei Welten an.  

Umso schöner ist es, wenn man quasi durch die Hintertür doch einen Impuls setzen kann, indem man das digital gestützte Lernen erfahrbar macht und es in einen für Sportmanager vielleicht ungewohnten Strategierahmen setzt. Hier hat dann Lernen weniger mit Edding & Flip-Chart zu tun als vielmehr mit persönlichen Wissensmanagement und einer lernende Organisation. Lernen ist also nicht nur ein Thema für die sog. Bildungsverantwortlichen, sondern eben auch für die Sportverbandsmanager, die z.B. mit einer virtuellen Zusammenarbeit von Landesverbänden Kosteneffizienz steigern, Marketing befeuern und Qualitätsentwicklung ausbauen wollen (und können).

„Mäuse haben kein Selbstverhältnis“, ja, das war ein Spruch von mir, als ich am Freitag zu erklären versuchte, was menschliche Reflexivität und das Selbstverhältnis zum eigenen Lernen (und Nicht-Lernen) ausmacht. Brauchen Manager das? Ja, sehr sogar! Wer sich in komplexen Umwelten bewegt, braucht das. Mäuse können in der Regel so weitermachen wie bisher.

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