Der paradoxe Status eines unerwünschten Undings

Ich hatte es schon sehr lange im Kopf: Sven Güldenpfennig zu einem Gastvortrag einladen, jener „Güldenpfennig“, den ich schon öfter hier im Blog zitiert, reformuliert, sicher auch schon mal geistig verbogen habe. Am 22.11. 2014 kam er (und seine Lebensgefährtin) an die Zeppelins Universität, um über Nachhaltigkeit im Sport zu sprechen. Der eher ungewohnte Titel war zustande gekommen, weil dankenswerter Weise Prof. Moldaschl vom Europäischen Zentrum für Nachhaltigkeitsforschung die offizielle Einladung übernommen hatte. Aber es fiel Sven nicht schwer, sein Kernkonstrukt „Sport als Kultur“ auch für Zuhörer der Nachhaligkeitsdebatte anschlussfähig zu machen, obwohl ja seine Sache eher die fruchtbare Zäsur ist: „Ihm (dem Sport) kommt damit der paradoxe Status eines erwünschten Undings zu: un-ehrlich, un-friedlich, un-gerecht, un-sozial, un-gesund, un-ökonomisch, un-demokratisch, un-politisch, un-nütz, ja un-sinnig.“ (Zitat S. 7, download hier)

Vom Vortrag selber war ich sehr angetan. Gewohnt abstrakt, in klarer Sprache, zwischen Systemtheorie und Kulturwissenschaft, entwickelt Sven einen roten Faden, ganz ohne Power-Point, aber mit Vortragsmanuskript, wie sich das für die alte Schule gehört.

Irritiert war ich eher von einem mangelnden Teilnehmerinteresse der ZU‘ler. Gerade an einer Universität, die sich zwischen Kultur, Politik und Wirtschaft positioniert, hätte ich mehr Resonanz erwartet. Aber wie so oft verbindet man mit dem Sportbegriff nicht intellektuellen Hochgenuss. Wir arbeiten am Marketing ;-). 

Wer Zeit und Lust hat, sich den Vortrag via Video anzusehen, um ggf. ein paar kritische Kommentare loszuwerden, zeitmarkengenau ;-), der ist herzlich in die edubreakCOMMUNITY "Sport und Gesellschaft" eingeladen. Zur Anmeldung geht es hier

Was macht eine gute Trainerin aus?

Ich glaube, diese Frage wurde schon vor 50 Jahren in Trainerseminaren gestellt und die Antworten waren (wie heute) alle ähnlich: Ein guter Trainer braucht ein tiefes Verständnis für die Sportart, hohe Selbstreflexion sowie eine Könnerschaft bei der Entwicklung von Talenten, d. h.: Vertrauen spenden und Zweifel stiften, geduldig sein und drängen können, klar sprechen und empathisch zuhören, beteiligen und führen … und so könnte man die Reihe der Sowohl-als-auch Begriffe mit dem Metakonzept der situativen Balance fortsetzen.

Mit der genannten Frage startete letzte Woche der zweite Jahrgang der Nachwuchstrainer-Ausbildung der Basketball-Bundesliga (Beko-BBL) in Rotenburg a.d. Fulda, in der ich das Fachmodul Wissensmanagement betreue. Zusammen mit Florian Gut (BBL) und Christopf Moeller (IfS) und der Gruppe aus sieben Nachwuchstrainern (+ Gäste) haben wir sechs Stunden mit Grundsatzfragen verbracht.

Einer der zentralen Punkte des Tages war für mich die Diskussion zum Thema Feedback. Noch vor Weihnachten wurden alle Nachwuchstrainer in Ihren Heimatvereinen von zwei erfahrenen Trainern (Mentoren) besucht und bekamen Feedback auf eine ihrer Trainingseinheiten. Die Reflexionen der Nachwuchstrainer im edubreakCAMPUS zeigten, dass Feedback auf eigene Trainingspraxis als äußerst wertvoll eingestuft wird, in der Praxis ein solches Feedback auf die eigene Lehre von Experten aber relativ selten ist. Das ist nichts BBL-Spezifisches, sondern zieht sich interessanter Weise durch alle Sportarten, die ich betreue.

Aus diesem Grund habe ich im Workshop eine Konzeptidee für das Expertenfeedback (Feedback für die Lehrenden) vorgestellt, die vier Phasen beinhaltet: In Phase 1 videografieren Trainer in ihren Vereinen (kein künstliches Setting) Lehrsituationen und kombinieren diese zu einem „persönlichen Video-Portfolio“; eine Art Lehrprofil im Videoformat. Dieses persönliche Portfolio kann durch Mentoren und/oder Peers online kommentiert werden. In Phase 2 – der Präsenzphase – besuchen die Mentoren eine Praxiseinheit vor Ort. Wichtig ist, dass der Nachwuchstrainer Ziele und Methoden der Trainingseinheit vorab schriftlich expliziert. Nach der Praxiseinheit verbalisiert der Nachwuchstrainer die erlebte Lehrpraxis vor den Hintergrund seiner angestrebten Ziele. Es folgt ein Feedbackgespräch mit den Mentoren. Alle Feedbackgespräche des vor Ort-Besuchs werden videografiert. In Phase 3 (online) reflektiert der Nachwuchstrainer genau dieses Feedback-Gespräch im Video, er beobachtet also die Fremd- und Selbstbeobachtungen und kann Dinge sehen, die während des Feedback-Gesprächs (Phase 2) unbeobachtet geblieben sind, z.B. könnte er sich fragen: „Warum rege ich mich an dieser Stelle so über das Feedback auf, warum reagiere ich so emotional, was ist (Hinter)Grund?“. In dieser Beobachtung zweiter Ordnung steckt noch Potenzial und gerade Trainer, die genauer hinschauen wollen, sollte diesem Punkt bzw. dieser Phase besondere Aufmerksamkeit schenken. Der Gesamtprozess schließt (vorerst) mit dem Wissenstransfer in die eigene Trainingspraxis ab (Phase 4), was dauern kann. Diese Phase ist nicht einfach, da eingeschliffene Routinen aufgebrochen und überwunden werden müssen. Da hilft nur Tun, videografieren, reflektieren und erneut Feedback einholen. Dies führt uns wieder zur Phase 1 zurück.

All das ist aufwendig, aber auch enorm wichtig für die Entwicklung einer Könnerschaft, die Talente "entwickeln" möchte. Wir sollten uns im Blick haben.

Wenn ich meine Blogbeiträge von 2014 so durchgehe …

...dann hat sich fast alles um den Sport gedreht: Konferenz im fernen Dubai, um zu berichten, was wir hier in Deutschland unter einer Bildungsinnovation verstehen, Wiener Forschungswerkstatt, um das Potenzial von „Social Video Learning“ auszuloten, Züricher Lerntagung mit Gewinnung neuer Mitstreiter, ein längerer Gastbeitrag zur Fußball-Weltmeisterschaft von Sven Güldenpfennig, Begrüßung von neuen Edubreakern nun auch in den Sportbünden und immer wieder Reflexionen zu SALTO, dem Strategieprojekt des Deutschen Olympischen Sportbund zu einer „innovativen Lehre“.

Und in der Tat: Es hat sich 2014 sehr viel getan, was die „große Transformation“ der Aus- und Weiterbildung in den deutschen Sportorganisationen angeht. Dabei meine ich gar nicht mal die Vielen, die sich tatsächlich aufgemacht haben, digitale Medien sinnvoll in ihre Strukturen einzuführen, wofür der Begriff „Blended Learning“ (das Beste aus zwei Welten) steht. Vielmehr meine ich die Bereitschaft von Verantwortlichen, eine neue Ausbildung zu DENKEN, also zuzulassen, dass die bisherigen Strategien und Methoden ausbaufähig sind, es „Luft nach oben“ gibt.

Diese Bereitschaft, die über Jahrzehnte gepflegten und gehegten Methoden der Traineraus-und Weiterbildung in Frage zu stellen, ist die eigentliche (und bisher stille) Revolution, die eine sichtbare Veränderung einleiten wird. In den vielen Gesprächen, Workshops und Tagungsreferaten nutze ich die Sprachrohr-Metapher, um den Paradigmenwechsel zum Lehren und Lernen bewusst zu machen: Es ist eine Skizze, die mit kindlichen Akteuren arbeitet: links der Trichter, rechts die Sprachrohre. Oft reden wir lange über diese Skizze, ohne Kompetenzprosa und ohne konstruktivistischen Wortballast. Aber die Skizze zwingt zur (didaktischen) Entscheidung und das ist zentral, ehe man sich aufmacht, irgendetwas zu erneuern.

Was steht 2015 an? (a) Die Philosophie rund um edubreak (Hochform statt Plattform) weiter in die Sportwelt tragen, (b) mit dem DOSB das SALTO-Projekt ordentlich abschließen UND intelligent fortführen und (c) ja, wieder mal ein-zwei gute Artikel (mit Eric Jeisy & Gabi) veröffentlichen, was einfach Zeit braucht. Also, 2015 wird – wie könnte es anders sein – wieder sportlich.

Sportbund Baden wagt eine „Blended“-Zukunft!

Der organisierte Sport in Deutschland ist vielschichtig. Jeder kennt die sog. Fachverbände, z.B. im Tischtennis oder im Fußball. Es gibt sie in jedem Bundesland, also 16 pro Sportart. Oben drauf sitzt der Spitzenverband und wacht u.a. darüber, ob da alles richtig läuft, in den Ländern. Dann gibt es noch die Landesportbünde, das sind Sportorganisationen der Länder, die alle Sportarten beherbergen, nicht nur eine. In einer solchen Sportorganisation war ich gestern, nämlich beim Badischen Sportbund in Baden-Baden. Das ist einer von drei Sportbünden im Land Baden-Württemberg. Ich sage ja, der organisierte Sport ist vielschichtig.

Also, was war los in Baden-Baden? Eingeladen hatte der Badische Sportbund zu einem Kick Off-Workshop. Anwesend waren 10 VertreterInnen, die alle eines im Sinn hatten: Blended Learning! Interessant ist nun, dass es hier im Sportbund nicht nur um eine Sportart geht, sondern es stehen gleich drei Piloten an: zum VereinsmanagerIn, zum Fitness & Gesundheits-Assistenten sowie zur sportartübergreifenden Trainer-C-Ausbildung. Bunt ist der Sportbund.

Und so haben wir uns heute mit unterschiedlichen Dingen beschäftigt: Mit Bildern (Metaphern), die man im Kopf hat, wenn man an e-Learning denkt (Taschenrechner, Bibliotheken, Uhren und Fischschwärmen). Wir haben erste Eckwerte zu den anstehenden Piloten explizit gemacht und die Erläuterungen am Flip Chart mit Video aufgenommen – klar, da waren alle begeistert. Wir haben uns angeschaut, welche Phasen es warum im Blended Learning gibt und was Lernwerkzeuge bewirken (können).

Da wir Blended Learning durch Blended Learning „vermitteln“ (die gute alte Selbstähnlichkeit) ging es im letzten Viertel um konkrete Aufgaben, die alle TeilnehmerInnen im Anschluss an den gestrigen Kick Off bearbeiten. So wird das die nächsten Wochen also gehen, alle erstellen „Lernartefakte“, z.B. Blogbeiträge, C-Maps, selbstgemachte Videos (von Inklusion bis Fehleranalyse) und Videokommentare.

Die TeilneherInnen sind also in der aktuellen Phase in der Rolle der Lernenden. Das ist wichtig, denn ohne diese Erfahrung sollte man nicht als Lehrender (Moderator) arbeiten. Einer der Hauptfehler beim Blended Learning ist, dass die Moderatoren den „workload“ der Aufgaben nicht genau abschätzen und die Tn überfordern – das ist demotivierend und solche Probleme löst man nicht so leicht. In ein paar Wochen wechseln wir die Rollen, dann arbeiten die Tn als Entwickler und Moderatoren ihrer eigenen Kurse.

 Was wir aber auf jeden Fall umsetzen ist, dass alle Tn des heutigen Kick-Off als Lerngruppe zusammen durch das Jahr 2015 gehen und hier Erfahrungen, Ideen und NoGoes im Zusammenhang mit der Umsetzung ihrer speziellen Blended Learning-Angebote sammeln und austauschen. Hier wird kollegiales Coaching greifbar und ich darf diese kleine Community mit Tipps und Feedback befeuern. Unser Ziel? Ende 2015 werden gute Gründe auf dem Tisch liegen, warum die Zukunft blended ist. 

Mit kollegialer Beratung in eine moderne Lernwelt

Es ist schon komisch: Seit acht Jahren treiben wir Ghostthinker mit Unternehmenssitz in Bayern das Thema „Blended Learning im Sport“ voran, aber noch nie ist es uns gelungen, neben dem Bayerischen Tischtennis Verband (vgl. DTTB und SALTO) einen weiteren bayerischen (!) Sportverband vom edubreak-Konzept zu überzeugen – bis jetzt! Seit Anfang November haben wir die Arbeit mit dem Bayerischen Handball Verband (BHV) aufgenommen. Zusammen mit dem Institut für Spielanalyse als Partner in sportartspezifischen und trainingswissenschaftlichen Fragen werden wir den BHV „in die moderne Lernwelt“ führen, so wie es der Vize-Präsident (Bildmitte) gefordert hatte.

Durch Workshops und Online-Phasen, also im Rahmen von Blended Learning, werden aktuell ausgewählte Referenten (C-Ausbildung, Schiedsrichter-Ausbildung, Torwartschulung) auf den Einsatz von Blended Learning im Handball vorbereitet, durch eigenes Tun und Reflektion dieses Tuns. Die Teilnehmer laden hierzu Videos aus ihrer Praxis im Verein in den edubreakCAMPUS und diskutieren bestimmte Szenen, schreiben Blogbeiträge zu Erfahrungen und erstellen C-Maps zu Theoriethemen. Im Februar wird es dann zum „Show down“ kommen: Die Referenten, die eben noch Novizen waren, werden auf einer Referententagung mit allen 30 Kollegen und Kolleginnen die Chancen von „Blended Learning im BHV“ vorstellen – gut informiert und mit Leidenschaft für die neuen Möglichkeiten. So soll es sein: kollegiale Beratung, als Strategie, um den Verband nicht zu überreden, sondern auf der Basis von eigenen Erfahrungen zu überzeugen.

Frucht aus Dubai

Schon fast sechs Monate ist es her, als ich mit Ghostthinker-Hut in Dubai auf den dortigen Kongress "Sustainable Excellenc" vertreten war. Nun ist der Artikel online veröffentlicht worden, den ich zusammen mit Gabi eingereicht habe (Social video learning and social change in German sports trainer education. International Journal of Excellence in Education Volume 6 issue 2.)

Brückenbauer

Ich habe Günther Szogs auf dem CLC in Frankfurt kennen gelernt, auf dem Flur, zwischen den Sessions. Wir kamen schnell ins Gespräch. Ich erzählte ihm unsere Geschichte: Trainerausbildung im Sport mit Medien, mit Video, Veränderung sozialer Praxis im Sinne einer Erneuerung. Das stieß auf Resonanz. Günther hat einen (siebten) Sinn für diese Geschichten, nicht zuletzt deshalb arbeitet er wohl als Generalsekretär für den European Corporate Learning Award. Er ist ein Anstifter und Beziehungsmacher.

Wahrscheinlich bin ich wegen unserer Vorgespräche am Montag als Tabel Host in der Leonardo Agora 2014 „gelandet“. Fenster öffnen und schließen sich. Mein Tisch war mit dem Titel gekennzeichnet: „Reflexive Performance vs. Knowledge Transfer. 'enployability' in sport“. Am Vormittag konnte ich also unseren Social Video Learning-Ansatz aus dem Sport mit Fachleuten diskutieren und mögliche Effekte auf das Thema Employability herausstellen. Am Tisch saß der Präsident der Wissensmanagement Gesellschaft e.V., Herr Schnauffer, ein Journalist von Spiegel Online und Prof. Wim Vees aus Holland. Interessanter Weise konnten die Teilnehmer mit dem Sportkontext weniger anfangen als ich dachte, die Bedeutung des Sports als Bildungsraum wurde nicht so deutlich gesehen. Eines ist klar: Ich befinde mich im Corporate-Fahrwasser. Unsere Social Video Learning-Lösung im engeren Sinne hingegen wurde gelobt, hier sieht man großes Transferpotential in den Corporate Bereich. Wichtig für mich: Wir müssen die Möglichkeiten beim Thema Bildung und Employability noch besser herausarbeiten, denn ich sehe gerade durch den Sport und in der Trainerausbildung sehr große Chancen für junge Menschen, etwas für ihre Beschäftigungsfähigkeit zu tun - europaweit! 

Man kann das Engagement von Günther und Team gar nicht groß genug einstufen. Sie schaffen es mit wenigen Bordmitteln, so einen Award aus dem Boden zu stampfen und die vielfältigen Bedürfnisse rund um diesen Aufmerksamkeitsmagneten zu befriedigen. Denkt man das Agora-Konzept dennoch weiter, würde ich mir für die Zukunft mehr Beispiele zu einer guten Lern- und Bildungspraxis wünschen. Denkbar wären exotische Beispiele mit dichter Beschreibung: Wissensteilung bei Hebammen in Afrika, Wissensgenerierung im Gartenbau etc. Der analoge Transfer in den Corporate-Bereich wäre nicht nur eine Weiterbildungsmaßnahme für alle „Wissens- und Lernmanager“, sondern auch eine Fundgrube für innovative Lösungen, die meist mit wenigen Ressourcen komplexe Probleme kreativ lösen. So oder so ähnlich habe ich mit Simon Dückert vor der Award-Verleihung auf dem Sofa rumgesponnen.

Schön war natürlich auch die Award-Verleihung selber: „This year the European education award goes to Prof. Dr. h.c. Hasso Plattner in the category of "Thought Leadership", to Calvin Grieder, Managing Director and Chairman of the Board of Directors of Bühler Management AG, in the category of "Company Transformation" and to Caroline Jenner, CEO of JA-YE Europe, in the category of "Crossing Borders". Inspiriert hat mich die Rede von Caroline Jenner, die in ihrer Arbeit einen breiten entrepreneurship education-Ansatz verfolgt, sehr klasse was sie und ihr Team machen!

Am Abend der Award-Verleihung saß ich neben EU-Mann Bror Salmelin, einem großen Finnen, zuständig für Innovationstechnologie. Wir haben über Anwendungsszenarien von Social Video Learning gesprochen: Medizintechnik, kollaborative Interpretation von visualisierten Daten. Das war kurzweilig. Und während wir sprachen, baute Herr Samelin eine Brücke zusammen (vgl. Bild), aus einfachen Holzstäben, mit Kerben (das war eine informelle Aufgabe an jedem Tisch). So muss man den Award und die Teilnahme wohl verstehen: Hier treffen sich Brückenbauer und das ist notwendig, für ganz Europa.

Mama und Papa schauen zu

Durch einen Schuppser von Karlheinz Pape bin ich letzte Woche bei Simon Dückert von Cogneon gelandet und durfte dort einen Vortrag halten. Mir hat der Ausflug nach Nürnberg große Freude gemacht, nicht nur wegen des Vortrags mit erstmals kurzer Nennung unserer Arbeiten bei der Beko Basketball Bundesliga und der DOSB-Führungsakademie, sondern insbesondere, weil ich die Gruppe „um Cogneon“ kennen lernen durfte – offen, interessiert und einfach nett (z.B. Sven Winkler). Eine Premiere war für mich der Livestream ins WWW (mit Übertragung ins Intranet von Audi und adidas) in Kombination mit den Teilnehmern vor Ort, Twitterwand-Feedback und Mama und Papa als potenzielle Zuschauer im heimischen Langscheid. Etwas nervös war ich schon, zumal ich wegen der Kamerafixierung nicht so richtig im Raum rumspringen durfte wie sonst. Im Nachgang wurden noch interessante Fragen aufgeworfen, wie etwa die des besonderen Bildungsgehalts der Videokommentierung (in Abgrenzung etwa zum Marketing) oder wie man Social Video Learning sinnvoll im Rahmen von SCRUM einsetzen kann. Ich bleibe hoffentlich mit den Nürnberger Kollegen im Gespräch; da geht noch mehr, meine ich, zumal dort ein Wissensmanagement-Rahmen mitgedacht wird, der mir auch nicht ganz fremd ist. 

Vom Projekt zum Produkt

Im BMBF-Projekt SALTO „Digitale Medien für die Qualifizierungsarbeit im Sport“ wird die letzte Runde eingeläutet. Damit ist nicht die Abgabe der Berichte gemeint, sondern etwas viel wichtigeres: Ca. 30 Monate haben die Projektverantwortlichen Projekte zum Blended Learning, Contententwicklung, Implementation, Community und Gesamtportal aufgesetzt, umgesetzt und in ihren Sportorganisationen ausgeweitet. Nun gilt es, vom eher expansiven Projektmodus in den komprimierenden Produktmodus zu kommen, also zu fragen, wie ein interessierter Dritte die Erfahrungen, Konzepte und Technologien nutzen könnte. Das ist aus meiner Sicht eine deutliche Zäsur in der Blickrichtung!

Um diese Shift von Projekt zum Produkt zu organisieren, hat das SALTO-Leitungsteam Herrn Dr. Jegli um Hilfe gebeten. Er hat heute zusammen mit Dr. Markus Stross, Wiebke Fabinski und Gedrun Schwind-Gick den Workshop organisiert. Zur Anwendung kam ein spezielles Feedbackverfahren, das geholfen hat, den jeweiligen Projektstand ungeschminkt vorzustellen, Stärken wie Schwächen zu identifizieren und den jeweiligen Verantwortlichen Hausaufgaben mit auf den Weg zu geben. Das Ganze lief ungemein strukturiert und klimatisch angenehm ab, was in dieser heissen Phasen einfach gut tut und alle Beteiligten noch mal motiviert, alles zu geben, so wie sich das für den Sport gehört! Im Bild die zufriedenen Preisträger des eLearning Awards 2015 ;-) 

Brauchen wir mehr BarCamps? Ja & Nein

Am Freitag und Samstag war ich auf dem CorporateLearningCamp 2014 in Frankfurt. Mehr als 100 Teilnehmer aus allen Bildungsbereichen von NPO und Hochschule über (Bau)Verwaltung bis Wirtschaft waren anwesend und haben über Bildungsfragen diskutiert. Circa eine Stunde nach Startschuss konnte Karlheinz Pape dann auch erfreut feststellen: „Wir haben uns alle vorgestellt und die Tagesagenda mit über 20 Sessions steht, wo gibt es das sonst?“

Ja, es ist schon erstaunlich was passiert wenn man die ansonsten konsumierenden Konferenzteilnehmer zu Produzenten und Mitverantwortlichen des Tages macht, wenn man sieht, was Experten so drauf haben, was sie gern und gekonnt anbieten – hier wird ernsthaft „2,0“ gelebt und man erkennt: Koproduktion funktioniert! Und so findet der Bildungsengagierte an sich alles, was interessant ist: Ganz Praktisches, manchmal Technisches und hin und wieder auch ein Theoriebeitrag, der gar nicht so theoretisch sein will, um die Teilnehmer nicht zu verschrecken.

Ich selber habe zwei Sessions angeboten: Eine zum Thema Videokommentierung (Schluss mit Kino), in der ich das Konzept Social Video Learning im Rahmen des Blended Learning-Szenarios der Sporttrainer diskutiert habe (vgl. Skizze, Danke an gezeitenraum!!!), und eine Folge-Session, in der wir der Frage nachgingen, wo im Kontext der Wirtschaft die „Videos herkommen“, denn ganz so mutig und frei wie im Sportkontext ist man hier nicht, kann man hier nicht sein, aus rechtlichen und kulturellen Gründen.

Ehrlich gesagt, habe ich außerhalb der Sessions, auf den Gängen und Fluren, am meisten gelernt. Das wird Karlheinz nicht wehtun, denn genau um das geht es ihm ja: Ermöglichungsräume schaffen. Z.B. ist mir die Unterhaltung mit Sandra Schleimer, in der es um einen möglichen Einsatz von edubreak in der Entwicklungszusammenarbeit ging, oder das Gespräch mit Heinz Erretkamps, in dem wir einen Spaziergang am Starnberger See ins Auge gefasst haben, um über die weltbeste Akademie für SCRUM-Trainer (nicht IT!) nachzudenken, oder das Gespräch mit Günther M. Szogs (da habe ich die Karte ;-)), der mir die Grundphilosophie des Leonardo-Awards beibrachte und der ein Interesse an unseren Entwicklungsarbeiten aus dem Sport hatte, vom Videostoppen bis zur sozialen Innovation.

All das hat mir gefallen! Nun fragt man sich bei der Überschrift (vgl. auch hier), wo denn hier der Haken ist. Ich sehe eine Chance und eben ein Defizit. Die Chance bei einem BarCamp besteht darin, dass sich hier Bildungsengagierte auf Augenhöhe treffen und befreit von Rollenzwängen austauschen können. Das lockt an, vor allem die, die ihre mitgebrachten Corporate-Probleme und Fragen mit Gleichgesinnten sichten und erörtern wollen. Das schafft ein Gefühl von Gemeinschaft, Einsichten und Lösungen und motiviert zur Vernetzung. All das ist klasse, und es ist ein Verdienst von KH Pape und „seinen“ Mitstreiter, im Portfoliodschungel der „Bildungsräume“ einen schönen und einladenden hinzugefügt zu haben, was nicht immer leicht ist. Wir erinnern uns: Es ist schwerer, aus dem Nichts einen Punkt zu machen, als aus einem Punkt einen bunten Ballon! Ich wünsche KH, dass sein Ballon sehr hoch steigt!

Was das Defizit betrifft, möchte ich auf einen Punkt hinweisen, der aus dem Gespräch mit Günther M. Szogs entstanden ist: Auch BarCamps bedienen die Bedürfnisse der Teilnehmer, sind in diesem Sinne selbstreferenziell und laufen damit Gefahr, dass sie das nicht beobachten, was außerhalb der Horizonte der Teilnehme liegt oder eben hier und jetzt nicht interessiert: So sind Fragen um die Voraussetzung von Bildungsproduktion (Struktur, Macht, Autonomie, Finanzierung, Zweck, politische Abhängigkeit) oder zu alternativen Modellen der Bildung gerade im Kontext der Wirtschaft zwar in Flurgesprächen präsent, in angebotenen Sessions bleiben die Sitze aber leer! Resonanz und Relevanz kommen nicht immer zur Deckung. Auf anderen Wegen ist es aber auch nicht leicht: Unser 2004 gegründetes „Netzwerk Ökonomie und Bildung“ hatte genau eine solche Zielstellung des Fragens. 2014 haben wir den Laden geschlossen wegen Ressonanzmangels im Innen- und Außenverhältnis.

Mein Fazit: Bildung ist ein „dickes Brett“ und ein BarCamp ist eine gute Säge!

Vgl. auch Weiterbildungsblog 

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