Nicht gemessen!

Diese Woche war ich mit Rebecca Gebler und unserem „Ghosti“ auf der Tischtennis-Weltmeisterschaft in Düsseldorf. Dass Düsseldorf die längste Theke der Welt hat, weiß man, aber dass sich dort die Besten der Welt mit dem kleinen weißen Ball duellieren, war in der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt.

Ziel unserer Reise war eine Podiumsdiskussion des Deutschen Tischtennis-Bundes zum Thema „Trainerausbildung und Spielerentwicklung mit digitalen Medien“, bei der Becky als Diskussionsleitung und ich als Teilnehmer eingebunden waren.

Becky stand zum ersten Mal in dieser Funktion auf der Bühne und ich muss sagen, dass sie das sehr gut gemacht hat: strukturierte Gesprächsführung, freundliches Nachfassen bei Ausbrechern und gutes Zeitmanagement „aufn Punkt“. Für eine Erstlingstat „echt cool“.

Inhaltlich haben wir in einer Runde aus Bildungsverantwortlichen des DTTB (ehemaliger Bundesassistenztrainer, Referenten und Absolventen der A-Ausbildung) über digitale Bildung bei Trainern und Spielern im Tischtennis gesprochen. Leider waren kritische Stimmen im Podium rar; die meisten haben „von diesem Programm“ geschwärmt, konnten aber ihre Begeisterung rund um den Einsatz von edubreak durchaus anschaulich begründet. Unterm Strich also eine tolle Geschichte.

Sehr irritiert war ich dann über folgenden Sachverhalt: Ein Teilnehmer stellt fest, dass alle (!) Beiträge aus dem Podium überraschend kritikfrei waren (was der Fall war) und über die positive Wirkung „nur aus dem Gefühl“ befunden wurde. Vor diesem für ihn unbefriedigenden Hintergrund forderte er eine „genaue Messung“ der postulierten Wirkungen. Das Mikrophon wurde reflexartig an mich gegeben.

Ich weiß nicht, ob ich mich in dieser für mich etwas verzwickten Situation angemessen geäußert habe; in etwa habe ich Folgendes gesagt bzw. wollte Folgendes zum Ausdruck bringen:

  • Es ging uns im DTTB ab 2007 um die Lösung eines komplexen Bildungsproblems, dessen Konturen wir damals noch nicht exakt erkennen konnten (mehr Zeitflexibilität, tiefere Lernprozesse, validere Prüfungen, intelligenter Wissensaustausch zwischen den Teilorganisationen).
  • Wir als Systempraktiker (Ghostthinker) haben diese Bildungsprobleme dann im engen Schulterschluss mit Praxisvertretern (TTVN), und Wissenschaftlern (HUL) tief analysiert und auf theoretischer Basis schrittweise Lösungen erfunden! Sehr viele Zyklen mit Revision bei Didaktik, Technologie, Organisationsstruktur bis Implementationsstrategie brachten uns der Lösung Jahr für Jahr näher, schärften unser Bewusstsein für Wesentliches (Prinzipien, Muster, Gestalten) und erzeugten eine gemeinsame „Arbeitssprache“, mit der die Folgephase effizienter organisiert werden konnte. Wir haben versucht, so gut es ging, die Grundprinzipien der Entwicklungsforschung zu verfolgen.
  • Und nach 10 Jahren gemeinsamer Entwicklung, drei Awards (auch international), fast flächendeckender sowie freiwilliger Anwendung der Neuerungen, da sagt jemand, dass die so erlebte und bekundete Wirkung nur eine Art Gefühlsduselei sei, ein Urteil auf schwachem Grund – ohne den viel beschworenen „impact“?!

Was mich auf die Palme brachte, war nicht, dass da jemand die berichteten Wirkung des edubreak-Konzepts in Frage gestellt hat (das MUSS man immer wieder in Frage stellen), sondern dass die Expertenurteile aus den eigenen Reihen so marginalisiert werden, die über Jahre gesammelt und kollegial validiert wurden! In Kurzform: Güte wird erst durch Messung akzeptabel, nicht durch kollektives Erfahrungsurteil. 

Ich habe den Kollegen zugerufen, dass jetzt 2017 der richtige Zeitpunkt ist, um das Gesamtprojekt zu „vermessen“ (jenseits formativer und leichtgewichtiger Evaluationen)! Gern auch mit Überprüfung des „Social Return of Investment“ für die Organisation als Ganzes und mit Kompetenzmodellierung, Kontrollgruppendesign und höherer Statistik auf der Ebene der Lehrenden und Lernenden. Von 2007 bis 2017 mussten wir erstmal die Welt neu erfinden (phase of exploration) und da haben wir ganz bewusst auf die Mess-Menschen i.e.S. (phase of verification) verzichtet, denn: Man kann nur messen, wenn man weiß, was man messen soll. Wenn aber das Soll selbst im Werden ist, dann ist Zurückhaltung geboten, bis die neue Qualität ausgeformt und stabil ist. Bildungsinnovationen sind schwere Geburten. 

Lernen "5.0"

Seit dem IT-Gipfel der Bundesregierung 2016 dröhnt es mir in den Ohren: Lernen 4.0. Darum wird viel Lärm gemacht. Einiges ist ganz interessant, anderes, wie so oft, „neuer Wein in alten Schläuchen“.

Der Gipfel war jedenfalls für mich ein guter Anlass, über unser Lernverständnis nachzudenken und die Erfahrungen mit edubreak der letzten 10 Jahre zu fünf Prinzipien oder methodischen „Essentials“ zu verdichten. Ich konnte es natürlich nicht lassen, mit den Zahlen zu spielen, also doch irgendwas mit „5.0“ zu fabulieren. Aber die Anführungszeichen sollen signalisieren: Hier wird anders gezählt.

Wer nun etwas neugierig geworden ist, der kann den Artikel (richtigerweise ein Call) aus der Zeitschrift LEISTUNGSSPORT gerne lesen/kommentieren. Ein Dank geht an dieser Stelle an Herrn Nickel, Chefredakteur der Zeitschrift, der die Veröffentlichung des Calls unterstützt hat. Für alle Nicht-Sportler gilt: Man muss den Text mit einem „analogen Auge“ lesen, sonst fruchtet es nicht.   

Für diejenigen, die sich das mit dem Lernen „5.0“, mit den Essentials, nicht so gut vorstellen können, möchte ich auf meinen Vortrag „Social Video Learning – Eine didaktische Zäsur“ verweisen, den ich letzte Woche auf Einladung von Frau Dr. Kossek an der Universität Wien (Center for Teaching and Learning) gehalten habe. Ja, da geht es wie so oft bei mir um den Kontext der Trainerbildung im Sport, aber der Transfer in die Lehrerbildung zeigt, dass dort genügend Ideen zwischen Mikro- und Makrodidaktik lauern, um mit Bildungsverantwortlichen aller „Coulour“ ins Gespräch zu kommen und bisherige Lösungen (Lehrpläne, Bildungsziele, Lehrorganisation, Lernprozesse, Prüfungs-und interorganisationale Austauschformate) – kurzum alles – in Frage zu stellen. 

„Impact Free“: Raum für akademische Agilität

Endlich habe ich mal wieder was mit Gabi zusammen geschrieben, man kommt ja zu nix mehr! J. „Wie agil ist die Hochschuldidaktik? Ein Dialog“, so der Titel unseres kleinen Beitrags. Ausgangspunkt war ein Buch von Christoph Arn (2016), das - wie von Geisterhand - auf dem Küchentisch lag und das wir zunächst getrennt gelesen haben. Daraus erwuchs in den Folgewochen ein mehr oder weniger kontroverser Dialog, deren Hauptargumente wir im aktuellen Impact Free-Artikel gebündelt haben. Wer also Lust hat, etwas über Hochschuldidaktik und das Problem der Planung zu erfahren, der ist zu diesem Dialog als Einstieg zum Buch eingeladen.

Apropos „Impact Free“: Gabi hatte dieses Format 2016 in die Welt gesetzt, um sich einen Publikationsort zu schaffen, der zwischen dem informellen Blogbeitrag und der formalisierten Publikation liegt, indem es noch erlaubt ist, „einfach zu schreiben, was einem wichtig ist“: Was für ein (unverschämter) akademischer Luxus!

Sie hatte in der Vergangenheit schon öfter mit Zwischenformaten experimentiert, angefangen bei den „Arbeitsberichten“ an der Uni Augsburg über die „Forschungsnotizen“ an der Universität der Bundeswehr München bis eben zum „Impact Free“ an der Universität Hamburg. Ich selbst habe nicht nur von dem Vorläufer, den Forschungs- und Praxisberichten der LMU München (Prof. Mandl), in meinem Pädagogik-Examen profitiert, sondern auch später durch einen eigenen LMU Forschungsbericht, in dem der erste Bogen zu meiner Dissertation aufgespannt wurde, durch Arbeitsberichte, um mir neue Theoriefelder zu erschließen, und durch Forschungsnotizen, in denen ich noch unreife Forschungs- und Entwicklungsidee formulierte. Kurz: Ich habe (allein oder mit Koautoren) wissenschaftsnahe Gedanken „skizzenartig“ zu Papier gebracht und diese Skizzen öffentlich geteilt. 

Nun kann man der Meinung sein, dass diese Skizzen wenig wert sind, „impact free“ sozusagen. Doch zum einen bin ich mir sicher, dass sie für mein persönliches Wissensmanagement, meinen eigenen Erkenntnisprozess hilfreich waren, denn sie zwingen einen zur vorläufigen Klärung, zur schriftlichen Fixierung dort, wo noch vieles ungeklärt ist. Damit sind sie modellbildend für jegliche Art von Erkenntnisprozessen, denn: Die reife Erkenntnis ist nicht minder vorläufig! Zum anderen vermute ich, dass dieses Mitlesen von Gedankenskizzen auch Dritte zumindest anregen dürfte: Ist das so? 

2010 hatte ich einen Blogbeitrag geschrieben, in dem ich mich über die Gutachtenpraxis bei Impact Journals aufgeregt habe: Endlos lange Review-Zeiten, fragwürdige Gutachten, mangelhafte Chance zu einem Feedback, alles in allem wenig Agilität! In den genannten Zwischenformaten, seien es nun die Arbeitsberichte, seien Forschungsnotizen, sei es Impact Free sehe ich beispielhaft die akademische Agilität zum Denken- und Weiterdenken realisiert, die uns in der selbstbezüglichen „World of Impact“ oft abhanden kommt.

Digitale Bildungslandschaften: schöne und zukünftige

Letzte Woche hatte mich die IMC nach Saarbrücken eingeladen, um im Rahmen der Learning Journey über Social Video Learning zu sprechen. Anwesend waren ca. 50 Personen aus dem Umfeld von Corporate Learning, also viele Kunden der IMC und einige Wissenschaftler. Mir hat der Tag aus mehreren Gründen gut gefallen: 

  • Zum ersten bin ich natürlich froh, dass sich auch Zielgruppen außerhalb des Sports für unseren Ansatz interessieren, hier also Lösungspotenzial für die eigenen Bildungsherausforderungen sehen. Diese liegen z.B. im Bereich der Lehrlingsausbildung, bei der es immer mehr darauf ankommt, dass die Neulinge eigenaktiv die Probleme mit ihrem Vorwissen verarbeiten und sich gegenseitig coachen, was mit Social Video Learning (vgl. auch Draufhaber) ganz hervorragend funktioniert. Zum anderen wurden Potenziale im Bereich des Wissensmanagements, insbesondere beim Thema Leaving Experts, gesehen, denn die Frage, wie man (implizites) Erfahrungswissen von scheidenden Experten so „festhält“, dass es für Neulinge nützlich ist (es muss nicht explizit sein), bleibt sicher einer der schwierigen Probleme des Wissensmanagements, zu der Social Video Learning, gern in Verbindung mit Methoden des Story Tellings, fruchtbare Impulse bieten kann.
  • Zum zweiten finde ich es klasse, dass unter der Federführung von IMC-MitarbeiterInnen ein schönes Buch mit dem Titel „Digitale Bildungslandschaften“ herausgekommen ist, indem die aktuellen An- und Einsichten zur digitalen (Weiter)Bildung gebündelt dargestellt sind. Mein eigener Beitrag „Social Video learning – eine didaktische Zäsur“ versucht den Bruch zwischen klassischer Videorezeption und den neuen Potenzialen der aktiven, reflexiven, kollaborativen und mobilen Videoarbeit im Rahmen von Blended Learning und Professional Community zu fassen, wobei mir der Sport als Kontext dient.
  • Zum Dritten haben ich auf der Learning Journey einige Impulse der anderen Redner mitgenommen: Von Herrn Michael Härtel (BIBB) den Hinweis, dass bei aller Digitalisierung (1000 Tools) die Grundprozesse von „informieren, planen, strukturieren, umsetzen, testen, reflektieren“ in Verbindung mit der Medienpädagogik (Mediendidaktik, Medienerziehung, Medienintegration) weiterhin Geltung haben, was entspannt. Von Frau Dr. Svenja Falk (Accenture) konnte ich erfahren, dass sich die Wirtschaft in den nächsten Jahren von der künstlichen Intelligenz große Produktivitätssteigerungen erwartet, was sowohl Folgen für die Zukunft der Arbeit(slosigkeit) als auch für die digitalen Bildung hat; letzteres kam in diesem Vortrag zu kurz, sollte von uns Bildungsleuten aber genau in den Blick genommen werden, denn hier sind viele Fragen (gefährlich) offen. 

Und der geplante Besuch des IT-Gipfels, der ebenfalls in Saarbrücken stattfand? Da reden wir besser nicht drüber. Inmitten meiner Vorfreude musste ich feststellen, dass ich lediglich das Auftaktprogramm an der Uni Saarbrücken besuchen durfte, dass Hauptprogramm in der Kongresshalle war nur für Akkreditierte zugänglich… aus dem IT-Gipfel wurde ein IT-Zipfel. Schade, denn ich hätte wirklich gern gesehen, wie das neue Zahlenkürzel 4.0 mit der selbständigen (!) Computersteuerung von Produktionsprozessen mit der Selbstbestimmung (!) und der Partizipation (!) der Arbeitnehmer zusammengeht. Mein Ruderlehrer sagte immer, nachdem (!) einer ins Wasser gefallen war: „Machen sie sich Gedanken!“

Flipped Meeting als Tagungs-Management-Methode

Während in Deutschland die ersten Herbststürme um die Häuser fegen, war es im italienischen Bozen in den letzten drei Tagen herrlich warm. Genau das richtige Klima, um mit dem ganzen Projektteam von Prepare an unserem zweiten EU-Treffen zu arbeiten (längerer Bericht von Klaus Himpsl-Gutermann & Reinhard Bauer hier). Methodisch neu war, dass wir dieses Treffen als Flipped Meeting organisiert haben (vgl. auch den Beitrag von denkspuren). Aber der Reihe nach …

In der virtuellen Vorphase hatten wir uns mit Blick auf die knappe Zeit in Bozen darauf geeinigt, dass jeder Teilprojektleiter den aktuellen Projektstand in Form eines Videos zusammenfasst und auf edubreak zur Kommentierung aller Mitglieder bereitstellt. Der Effekt: Wir konnten schon im Vorfeld unser Wissen teilen und Probleme identifizieren, über die wir dann in Bozen vertieft diskutieren wollten. Kurz vor Bozen waren mehrere Videos online (Screenvideos und klassische Präsentationen vor dem Beamer) und viele Tn hatten sich mit knapp 100 Videokommentaren argumentativ eingestimmt. Klasse!

In Bozen hatte ich das Gefühl, dass wir schon „drin“ waren, so dass wir auch relativ schnell zur Sache kommen konnten. Das zeigte sich u.a. in der raschen Entwicklung eines der wichtigsten Bausteine im Projekt: Dem verallgemeinerten Ablaufplan für die reflexive Praxis. Unter Ablaufplan verstehen wir ein Vorgehensmodell, welche Aufgaben man bereitstellen muss, um eine Unterrichtsreflexion mit kollaborativem Feedback zu organisieren: (1) Zielsetzung nennen und Erwartungen der Tn zu einem Thema X in einem Blogbeitrag formulieren lassen. (2) Aufforderung, eine Unterrichtssequenz mit Bezug zu (1) zu filmen und online zu stellen. (3) Aufforderung, im Video im Sinne einer Selbstreflexion nach Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken zu suchen und dies mit einem Videokommentar explizit zu machen. (4) Einholen von Feedback seitens der Mitstudierenden durch Rekommentierung/Kommentierung entweder global von allen oder spezifisch von einem Tandempartner. (5) Optional und je nach Ressourcen: Expertenfeedback durch die Lehrenden via Videokommentar einbinden und (6) Formulierung der persönlichen Konsequenzen vor dem Hintergrund von 1-5 in einem Blogbeitrag. Bis hierher sind wir gekommen, weitere Arbeitsschritte in Richtung e-Portfolio-Arbeit (Prozessportfolio = in edubreak) und Inszenierung (Produkt- oder Show Case-Portfolio = in mahara) stehen noch aus.  

Natürlich sind mit diesem Modell noch nicht die konkreten Aufgaben formuliert. Aber ich denke, dass dies nun für jeden von uns machbar ist. Auf jeden Fall ist der Ablaufplan eine gute (allgemeine) Basis, mit der man nun Erfahrungen zur reflexiven Praxis sammeln, austauschen und verfeinern kann.

Wie geht es mit dem „flipped“ nun weiter? Wir haben in Bozen wieder Videos aufgenommen, nicht blind alles, sondern sehr gezielt nur die „verdichteten Gedanken“: Wir haben die Arbeitsergebnisse auf Flipchart von Teammitgliedern noch einmal verbalisieren bzw. rekonstruieren lassen. Genau diese Videos sind die Grundlage dafür, dass wir asynchron in der nächsten Woche online weiterdenken. Dabei soll der Kerngedanke aufgegriffen und verfeinert werden, denn jeder von uns hat bestimmt noch Ideen, sobald er/sie wieder in der jeweiligen Heimat ist.

Wie bewerte ich den Prozess? Die Idee und der hier skizzierte Ablauf haben funktioniert. Was wir in Zukunft besser machen können, sind die Disziplin und die Zeitplanung: Nicht jeder von uns hatte im Vorfeld die Zeit, die Videos zum Arbeitsstand frühzeitig hochzuladen, nicht jeder von uns hat seine Fragen oder Ideen im Videokommentar hinterlassen und sicherlich konnten auch nicht alle Tn die Videokommentare vorab lesen und hier ein kollaboratives Feedback geben. Weiter sehe ich Verbesserungsbedarf in der Zusammenfassung der ~ 100 Videokommentare zu einer Diskussionsagenda. Dies hatte ich relativ schnell zusammengeschustert, was mir aber vor Ort nachgesehen wurde. 

Kurz: Flipped Meeting mit Social Video Learning kann man als Tagungs-Management-Methode einordnen. Die Herausforderung für die Zukunft besteht darin, dass wir an der „flipped culture“ arbeiten, also an den neuen Arbeitsroutinen und Haltungen, die ein solcher Wechsel von Gewohnheiten mit sich bringt – ein Thema, dass aktuell über allen 4.0-Wortkombinationen schwebt. 

Hamburger Tagungen

Anfang/Mitte des Monats war ich gleich auf zwei Tagungen hier im sonnigen Hamburg: Zum Einem auf der Solution Hamburg, einer Fachtagung, die sich um das Thema (humane) Digitalisierung dreht, sowie auf der Talk Meet Innovation (16. HAMBURGER KONGRESS SPORT, ÖKONOMIE UND MEDIEN), einer Veranstaltung, die sich dem Thema „Sport und Stadtentwicklung“ aus einer Vielzahl von (wissenschaftlichen) Perspektiven nähert. Anlass für meinen Besuch auf der Solution war ein Beitrag von Andreas und Lena Siemers (beide Macromedia Hochschule Hamburg) zum Thema „360-Grad-Video/VR“, bei dem wir Ghostthinker im Vorfeld mitwirken konnten. Zwei Gedanken habe ich insbesondere von der Solution mitgenommen: 

Die Gründer und Mit-Initiatoren der Veranstaltung präzisierten zu Beginn (fast schon entschuldigend) den Titel der Veranstaltung: „Digitalisierung: Mannschaftssport für Unternehmen!“ Digitalisierung sei ein irreführender Begriff, weil er nur die technische Facette nahe legt. Dabei gehe es doch vielmehr um eine „gemeinsame Handlungspraxis“, wobei die digitalen Medien eine gute Unterstützung bieten. Ich dachte: „Richtig, wie können wir das noch mehr auf den Begriff bringen?“ 

Angestoßen durch den Tagungstitel gab es eine erste Keynote vom ehemaligen Handballtrainer Heiner Brand. Der Vortrag lebte von den Erfolgen und Erfolgsstrategien aus dem Sport. Nur, was macht man damit in der Wirtschaft? Sein lapidarer Kommentar an die Zuhörer: „Das müssen Sie wissen“. Hier ist es aus meiner Sicht falsch, wenn man die Erfolgsstrategien aus dem Sport einfach in die Wirtschaft trägt und analogisiert und damit die Besonderheiten des Entstehungs- und Anwendungskontextes verwischt. Sport ist NICHT Wirtschaft, … wir erinnern uns, Sven Güldenpfennig hatte gesagt: „Sport ist un-ehrlich, un-friedlich, un-gerecht, un-sozial, un-gesund, un-ökonomisch, un-demokratisch, un-politisch, un-nütz, ja un-sinnig.“ Also, da müssen wir nochmal genauer drüber nachdenken :).

Didaktisches Framing

Der immer noch aktuelle Claim von Ghostthinker lautet: „reframe learning“. Bei der Entwicklung des Claims hatten wir im Sinn, dass vor allem die didaktischen Vorerfahrungen, (epistemischen) Überzeugungen und Wahrnehmungsmuster (kurz: das Mindset) darüber bestimmen, was wir als didaktisch wertvoll oder weniger wertvoll einstufen, und dass eben dieses Mindset als Ausgangspunkt jeglicher Beratung (und Veränderungen) gelten muss. Entsprechend dreht sich ein wesentlicher Teil meiner Beratertätigkeit darum, mit Bildungsverantwortlichen aus Sportverbänden, aber auch außerhalb des Sports, darüber zu sprechen, welche verdeckten Vorstellungen von „guter Lehre“ existieren und wie man sie ggf. kritisch hinterfragen und verändern kann.

Um diese (impliziten) Vorstellungen sichtbar zu machen, nutze ich nicht selten eine Kinderzeichnung, auf der die „Nürnberger Trichter“ durch 180 Grad-Drehung zu kommunikativen „Sprachrohren“ umfunktioniert werden; reframing also auch hier innerhalb der Zeichnung.

In einem eher zufälligen Gespräch mit Dieter Euler letzte Woche in Hamburg bin ich auf diesen Punkt zurückgekommen: Er berichtete von seinen Erfahrungen in der Beratung ausländischer Hochschulen und den Herausforderungen, die gerade im didaktischen Framing liegen, denn: Nicht selten scheitern Implementationsversuche, z.B. weil erst im Prozess deutlich wird, dass die Akteure die didaktischen Überzeugungen nicht (in der Tiefe) teilen, oder weil die Akteure die pädagogisch aufgeladene Sprache nicht verstehen oder verstehen wollen. 

Was tun? Ich glaube, der Weg über die metaphorische (vs. analytische) Visualisierung ist eine Möglichkeit, um zu (impliziten) didaktischen Überzeugungen ins Gespräch zu kommen. Karin Moser, eine Schweizer Kognitions- und Metaphernforscherin,  hatte in den 1990er Jahren die Metaphernanalyse als Methode des Wissensmanagements gedeutet. Hier könnte man sicher nochmal ansetzen, um systematischer als bisher das Verstehen des (didaktischen) Verstehens in den Blick zu nehmen, was auch im Kontext eines „Double-Selfreflexive Scholarship of University Teaching“ (Reinmann/Schmohl) von Interesse sein könnte. 

Trainerbildung im Fußball: Sowohl-als-auch

Unsere Piloten zur Entwicklung von Blended Learning mit Social Video Learning im Deutschen Fußball Bund kommen zum Abschluss. Unter Projektleitung von Wolfgang Möbius hatten Markus Söhngen und ich uns in den letzten Monaten an die Seite der Praxiskollegen gestellt, um an der Neukonzeption mitzuwirken und die Umsetzung im Fußball- und Leichtathletik Verband Westfalen (Lead: Maik Halemeier) und im Fußballverband Sachsen-Anhalt (Lead: Dieter Hausdörfer und Dominik Bernecker) zu begleiten. 

Die bisherigen Erfahrungen sind wirklich positiv: Die Teilnehmer (Trainer!) haben  hunderte von Videokommentaren geschrieben, z.B. zu der Frage, an welchen Spielszenen sie ihre persönliche Fußballphilosophie festmachen oder was sie in einem Spiel sehen, wenn sie sagen, sie sehen etwas „Gutes“. Die Referenten haben erfahren, dass Social Video Learning eine mächtige Methode ist, um an die Gedankenwelt der Teilnehmer zu kommen, und um von ihnen zu erfahren, welche Interpretationen und Erklärungen sie bestimmten Videoszenen zuschreiben. Das sind ideale Einstiegspunkte für gezielte und personalisierte Coaching-Prozesse, so wie es eine kompetenzorientierte Trainerausbildung (→Prof. Sygusch) im Fußball einfordert. Das alles ist anstrengend, macht aber auch Lust auf eine Art fußballerische Intellektualität, die tief mit der Coaching-Praxis verbunden ist.

Auf der DFB Jahrestagung Bildung 2016 konnte ich diese Vorstellungen zum Zusammenhang von Kompetenzorientierung und Nutzung von „cognitive tools“ als Referent noch etwas mehr ausbuchstabieren. Vor allem gelingt mir das am Beispiel von Video-Live-Tagging „auf’n Platz“ und der zeitlich nachgelagerten Videoreflexion durch Social Video Learning. Hier verschmelzen Theorie und Praxis, Online und Präsenz sowie Wissen und Können zu einen neuen Bildungs-„Raum“, in dem man dann besser von „theoriebegleitender Praxis“, „onlinebasierter Präsenz“ oder „wissendem Können“ spricht. In diesem Zusammenhang hatte ich das strukturbildende Potenzial von digitalen Bildungsmedien angesprochen, nämlich die Überwindung von Dualismen: Fragwürdige Dualismen wie Präsenz vs. Online, die uns zu einem „entweder-oder“ verführen, sollten wir auflösen zu einem “Sowohl-als-auch“, wie es Bildungsprozesse (mindestens) im Sport einfordern.

Minitrainer ganz groß

Minitrainer sind Basketballtrainer und Basketballtrainerinnen, die bei Kindern die Freude am Basketball entfachen. Dazu nutzen sie in der Regel eine eigene Kindersprache mit Geschichten und Metaphern, geben kurze, klare Anweisungen, die in direkte Spiel- oder Übungsformen münden und manchmal wird auch gesungen. Spaß ist zentral und über Spaß vermittelt sich die Sache.

Man könnte denken, dass Minitrainer auf vielfältige Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung treffen. Weit gefehlt, denn es gibt praktisch keine wertigen Angebote. Diese Schieflage haben der Deutsche Basketball Ausbildungsfond/Beko BBL und die DBB erkannt und eine Qualifizierungsoffensive für eben diese Minitrainer gestartet. Und genau zum Abschluss des ersten Jahrgangs durfte ich gestern in Berlin ein kleines Ausbildungsmodul übernehmen (im Bild Christian Steinberg). 

Auf dem Programm stand das Thema „Wissensweitergabe unter ReferentenInnen“, das ich in Richtung Experten-Novizen-Kommunikation spezifiziert habe. Eingerahmt durch eine hinführende Online-Phase mit ersten Videos zu einer fiktiven Vermittlungssituation, haben wir uns während der Präsenzzeit von zwei Stunden ein paar wenige Theorie-Elemente angeschaut (z.B. Grounding, Narration), um dann in einem praktischen Teil das Gehörte auch gleich umzusetzen. In der nachfolgenden (zweiten) Online-Phase werden wir die erstellten Videos genauer analysieren, um daraus Folgerungen für die eigene Vermittlungspraxis zu ziehen.

Vielleicht habe ich dem einen oder der anderen ein paar Impulse geben können. Aber ich merke auch, wie begrenzt die Möglichkeit ist, als Nicht-Basketballer zu den Spezifika der Zielgruppe vorzudringen. Umso erfreuter war ich, dass wir gegen Ende des Workshops noch auf einer grundsätzlichen Ebene über den Charakter des neuen Ausbildungsprogramms für Minitrainer sprechen konnten: Soll man die Potenziale aus dem Umgang mit Kindern nicht auch für die Referentenschulung nutzen? Welchen Anteil haben dann Spiel, Narration und Handlungsorientierung? Welchen Typ von Ausbildern wollen wir: den Wissensvermittler oder denjenigen, der mit TrainerInnen Ausbildungsprobleme und -lösungen diskutiert? Welche Rolle spielen die digitalen Medien bei der Neukonzeption des Qualifizierungsprogramms, bei der Wissenserschließung, der Reflexion und Kollaboration und bei der Prüfung? 

Ein Gedanke hat mich auf der Rückreise schon fasziniert: Was wäre, wenn wir die Ausbildung von Erwachsenen radikaler als bisher an den Grundformen des Kindertrainings ausrichten, also eben Ernst machen mit Spiel, Narration und Handlungsorientierung (Trias)? Zusätzlich erforderlich wäre freilich ein Anteil an kritischer Reflexion und Theoriearbeit. Aber auch die könnte man im Sinne der Trias neu erfinden. Also … wie geht Trainingswissenschaft mit „Zwergen und Riesen“? 

Man fühlt das Potenzial für die Zukunft: 360-Grad-Videos, Drohne und VR-Brille in der Trainerbildung

Im Sommersemester 2016 bieten Andreas Hebbel-Seeger und ich erstmals ein Projektseminar zusammen an. Ort des Geschehens ist die Macromedia Hochschule Hamburg. Inhaltlich experimentieren die Studierenden mit den Lernpotenzialen von 360-Grad Videos, Drohnenperspektive und VR-Brille und natürlich nutzen wir für das Projektmanagement edubreak, um Social Video Learning auch auf dieser Ebene fruchtbar zu machen. Damit haben wir alle „Verdächtigen“ beisammen :-).

Um die technologischen Ansätze in einen Bildungszusammenhang zu bringen, haben Andreas und ich uns im Vorfeld um drei Partner aus dem Sport bemüht. Mit dabei sind die Segel-Bundesliga, der Deutsche Motorsport Bund und der Fußball- und Leichtathletik Verband Westfalen. In allen drei Kontexten geht es darum, die o.g. Videotechnologien für die Aus- und Weiterbildung nutzbar zu machen.

Und an dieser Stelle wird es didaktisch interessant: Wie setzt man 360-Grad- und Vogelperspektive SINNVOLL bei der Ausbildung von unterschiedlichen Zielgruppen, also Seglern, Streckenwarten und Fußballtrainern, ein? Wo positioniert man welche Kamera warum, wie, wann? Genau hier werden die Studierenden mit den Ansprechpartnern in den jeweiligen Kontexten in einen engen Dialog treten müssen, um Ziele zu klären und Lösungen Schritt für Schritt zu entwickeln: Forschendes Lernen ganz praktisch. 

Aktuell sehe ich zwei interessante Entwicklungspfade für den Bereich „Lernen mit Video“. Zum einen gibt es diesen Technologiepfad mit dem didaktischen Potenzial in der Klammer: Video (Situierung), Videoannotation (Noticing/Reflexion), Austausch von Videokommentaren (Negotiation), 360-Grad-Video (My View), Drohne (Vogelperspektive/Übersicht), VR-Brille (Eintauchen = Situierung 2.0) und Social VR (Zukunft). Zum anderen ist die INTEGRATION von Videoannotation / Social Video Learning mit 360-Grad Videos und die Einbindung in VR-Brille fast schon ein Pflichtspiel für uns Ghostthinker :-). Das wäre ein Aufbruch in eine neue Dimension der Reflexionsarbeit in Trainer- aber auch Lehrerbildung!

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