In Zeiten von Future Skills, Kompetenzorientierung und der Künstlichen Intelligenz ist der Begriff der „Stoffreduktion“ nicht mehr sooo geläufig. Ende März durfte ich mal wieder einen Vortragsimpuls im Rahmen des Ausbilderzertifikats beim Deutschen Fußball Bund halten. Auftrag: „Etwas zur Stoffreduktion beisteuern, um Vertiefung zu ermöglichen!“ 😊. Zum ersten muss man feststellen, dass das Thema ein Klassiker ist und bleiben wird, denn: Immer dann, wenn Lehrexperten (in einem Fach) auf Lehrnovizen treffen, ist ein Mindestmaß an Theorie, an Konzepten oder an begrifflichem Instrumentarium notwendig, um die Welt (um die es geht) unterscheidbar zu machen. Man muss also selektieren (was überhaupt relevant ist), verdichten (auf Elementares hin) und aufbereiten (damit es anschlussfähig wird), insgesamt also etwas tun, was beim modernen „Lernbegleiter“ gern hinten runterfällt. Rein inhaltlich hat dazu Prof. Martin Lehner schon alles gesagt. Was also hinzufügen?
Der erste Hinweis ging in Richtung ‚Kompetenzorientierung‘, denn die Stoffreduktion hängt ja nicht in der Luft. Damit ist die Forderung verbunden, sich die Anforderungssituationen genauer anzusehen, in denen man handelt. Die Trainerphilosophie Deutschland für Kinder / Jugendliche stellt z.B. die individuellen Qualitäten ins Zentrum (Selektion) und fokussiert sich dann auf Freude, Intensität und Wiederholung als den drei tragenden Säulen (Reduktion). Am Ende nennt man das „Bolzplatz“, was metaphorisch konzentriert, um was es geht. Frage in die Runde: Was heißt das jetzt für die Ausbilder-Trainer-Beziehung (vs. Trainer-Spieler-Beziehung), also, wie Ausbilder das so vermitteln, dass Trainer (K/J) das verstehen, anwenden und an ihre Spieler weitergeben können?
Zum zweiten Hinweis galt dem Zusammenspiel von Inhaltsauswahl, Vermittlung und Sicherung, weil der Stoff sich in der Vermittlung bewähren muss und die Frage legitim ist, wozu der Stoff einen Beitrag leisten soll: zum Verstehen, zum Lehrkönnen oder zum Transfer auf neue Problemstellungen. Das ist nicht neu, aber immer wieder erlebe ich Kollegen (auch an Hochschulen), die denken, nach der Stoffdarbietung ist das Ende aller Pflichten getan.
Und schließlich gab es da noch den dritten Hinweis zur Teilnehmerorientierung. Normalerweise denken wir ‚Teilnehmerorientierung‘ immer vom Teilnehmer, der Teilnehmerin aus. Aber man muss eben auch sehen, dass wir dem Teilnehmer potenziell schaden, wenn das Konzept „verwässert“ – einfach, aber nicht zu einfach, sagt Meister Einstein. Andersherum: Der Stoff darf aber auch nicht zu schwierig sein, sonst erzeugt er keine Resonanz. Und jetzt kommt meine Emmi ins Spiel, sie repräsentiert die Teilnehmenden: Emmi ist ein Kleinkind von 2 Jahren, hellwache Augen. Wenn ich ihr mein Expertenwissen erkläre (symbolisiert durch einen Ferrari, 480 PS, querliegender 8-Zylinder, Niederquerschnittsreifen, etc.) rollt sie die Augen. In den Köpfen der Emmi’s dieser Welt entstehen „gelbe“ Autos, Autos aus „Bauklötzen“, „schematisch 5 Quadrate“ und „4 Orangenscheiben“. Bei „4 Orangenscheiben“ ist in der Regel Schluss, da sagt jeder Experte: „Liebe Emmi, das hat nun wirklich nichts mit meinem Ferrari zu tun!“ ABER, jetzt beginnt die vornehme Aufgabe des Ausbilders, der Ausbilderin, z.B. so: „Du hast vier runde, rollende Elemente erkannt, genau das sind meine Ferrari-Reifen!“ (visuelle Ähnlichkeit, funktionale Analogie). Oder: „Du hast den Ferrari von oben gemalt, da sieht man die vier Reifen und das rote Dach sehr schön!“ (Perspektivenwechsel). „Du hast alle Elemente eines typischen Autos zusammengetragen, Reifen, Fahrerkabine etc.“ (Pars pro Toto) und du hast das Auto gemalt, mit dem dich dein Onkel letzte Woche zur Schule gebracht hat (Geschichten).
Was ich sagen will: Stoffreduktion klingt dröge, eröffnet aber interessante Gesprächsoptionen, die vor allem das Selbstverständnis der Lehrnovizen ans Licht holt und Verbindungslinien zieht von Kompetenz bis KI. Am Ende fragte jemand: Kann man Stoffreduktion jetzt nicht kinderleicht mit KI machen? Meine Antwort:
Nur wer mit seinem Stoff vertraut ist, kann Vertrauen bei den Teilnehmenden schaffen.
Ohne dieses Vertrauen ist die Beziehung in Gefahr. Beziehung, … weit weg vom ‚Stoff‘ und doch so nah.