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Woher nimmt der Berater seinen Rat?

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Einmal in der Woche, meistens sonntags, telefoniere ich mit meiner Mutter, 83 Jahre. Sie ließt fast jeden Artikel in der ZEIT, schaut alle Nachrichten im Fernsehern, interessiert sich für fast alles (Kopf, Herz und Seele) und klagt fast nie. Ich freue mich also ehrlich auf diese knappe Stunde, in der wir uns „Neuigkeiten“ (große und kleine) erzählen.

Immer wieder kommt es vor, und das schon seit Jahren, dass sie fragt: „Was machst du eigentlich genau? Die Betonung liegt auf diesem kleinen Wort „genau“, denn sie weiß natürlich bei ihrem wachen Verstand, was wir im Allgemeinen machen. In der Regel, und so war es bis heute, erläutere ich ihr dann so gut es geht, was ich mache: „Ich helfe Sportorganisationen dabei, wie sie ihre Trainerausbildung mit digitalen Medien qualitativ verbessern können.“ Aber das kommt nicht an, sie versteht es nicht richtig, weder „Trainerausbildung“, noch „digitale Medien“ noch „qualitativ verbessern“. Sie weiß zwar, was die einzelnen Wörter bedeuten, aber sie kann sich eben nicht vorstellen, was sich hinter der Tätigkeit des Beraters verbirgt.

Sie fragt weiter: „Woher weißt du (!) etwas, was diese Menschen, die in den Organisationen leben (!), nicht wissen?“

Es ist also gar nicht die Oberfläche, die sie nicht versteht, sondern die Verständnisschwierigkeiten liegen tiefer, eben in der Frage, woher ich als Unbeteiligter prinzipiell das Wissen hernehme. Ja, da stehe ich nun mit dieser Frage und ich denke nach. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten:

  • Ich weiß mehr (qualitativ und quantitativ), weil ich in der Sache einen Erfahrungsvorsprung habe. So wie ein Tennislehrer dem Novizen einen Aufschlag erklärt, erkläre ich dem Kunden, wie man Blended Learning umsetzt. Ich weiß es halt, weil ich es schon 100mal umgesetzt habe.
  • Ich bringe den Kunden mit (methodische) Fragen dazu, eigenes, vorhandenes, Wissen auf den Tisch zu bringen, was ohne mich nicht passiert wäre – eine Art Hebammentechnik. Das kann man auch ganz systematisch zu einer wissenschaftliche Methode machen: Was für Ziele haben wir? Was für Konzepte gibt es? Wie wollen wir diese für uns modifizieren? Wie wollen wir das umsetzen? Wie wollen wir den Erfolg messen? Wie können wir den Prozess besser machen?
  • Ich weiß es nicht! Dann bringe ich mich zusammen mit dem Kunden in eine Position, in der wir das Neue gemeinsam erfinden. Im engen Dialog und in einer entspannten, vertrauensvollen Atmosphäre führt dann eine Idee zur anderen. Entweder entwickelt sich das schrittweise oder erdrutschartig (reframe). Am Ende sieht man mit anderen Augen.

Während ich also im ersten Fall (Alt)Wissen vermittle, im zweiten Fall neues Wissen methodisch entdecke, zeichnet sich der dritte Fall durch eine sehr ungewisse (Neu)Erfindung aus und ich habe den Eindruck, dass dabei unbedingt der Körper beteiligt sein muss, es geht also nicht rein online. Erkenntnismäßig interessant ist genau dieser dritte Fall, weil man fragen kann, wo das Wissen denn herkommt (ohne Wissensquelle und ohne Methode)?

Beim nächsten Telefonat mit meiner Mutter und der erneuten Frage nach dem „genau“ werde ich ganz anders antworten, ich werde sagen: „Mutter, du hast 40 Jahre im eigenen Restaurant gearbeitet und du hast mit nicht wenig Aufwand die Gäste glücklich gemacht. Wenn ich vor 30 Jahren dein Berater gewesen wäre, dann hätte ich dir geraten, die Speisekarte zu verkleinern (Produktpalette konzentrieren), eine Kegelbahn zu bauen (um Kunden auch im Winter zu binden) oder etwas ganz anderes zu machen, z.B. anstatt eines Restaurants ein Pflegeheim zu betreiben (um langfristig zu überleben).“

Sie würde dann sagen: „Das wusste ich damals bereits alles, du würdest von mir keine „Mark“ bekommen!“

Und dann würde sie mich anlächeln und sagen: „Ich habe dich schon verstanden.“ 😊

Man(n) hat‘s nicht leicht.

3 Kommentare

  1. Lieber Frank,
    das „…ich habe den Eindruck, dass dabei unbedingt der Körper beteiligt sein muss, es geht also nicht rein online.“ ist interessant. Es ist Kern der von Herrn Breskewiz erfundenen TrainingsSchule.
    Deshalb fühle ich mich berufen, hier zwei weitere Fragen in den Raum zu stellen. Erstens die Frage danach, was durch die Präsenz des Körpers während eines solchen (Neu)Erfindungs- (=Erkenntnis-)Prozesses ermöglicht wird; zweitens ob die Körperpräsenz wirklich absolut notwendige Voraussetzung ist, um prinzipiell zu solchen (Neu)Erfindungen(=Erkenntnissen) zu gelangen, oder ob Du damit nicht eine bestimmte Qualität von Erkenntnissen meinst?
    Mit den besten Wünschen für
    allzeit freie Erkenntnisse

  2. Lieber Bernhard,

    eine gute Frage, da man ja Erkenntnis(gewinnung) in der Regel nicht mit dem Körper in Verbindung bringt. Praktisch antworte ich dir so: Ich vermute, dass die Kopräsenz von Menschen im Raum durch die Koordination von Körper(sprache) (= Nähe, Gestik, Mimik) ein gegenseitiges Verstehen fördert, Missverstehen sichtbar und „fühlbar“ macht und damit letztlich Vertrauen und Sicherheit entstehen lässt, was sich wiederum positiv auf ein sich-tief-einlassen auf den Anderen und die Ideen im Raum auszahlt. Die Grenzen von „Ich“ verschwimmt zu einer WIR-Grenze. Und dieses WIR repräsentiert sich eben nicht nur in der kognitiven Idee sondern auch in einem gemeinsame Gefühl! So ist echter Dialog möglich.

    Theoretisch haben sich aktuell vor allem die Arbeitsgruppe um Fritz Böhle mit diesem Thema beschäftigt https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-92719-0_3 , interessant dabei vielleicht für sich als Sportwissenschaftler der Beitrag von Alkemeier, der sich schon sehr lange mit „sowas“ (emboddied knowledge) beschäftigt. In einem früheren Blogbeitrag bin ich auch schon mal auf diesen interessanten Aspekt der Körperlichkeit eingegangen https://frank-vohle.de/?p=8956.

    In diesem Zusammenhang auch interessant das was die U-Theorie sagt: https://www.youtube.com/watch?v=MLuxqBJ6WVc

    Grüße dich! Frank

  3. Lieber Frank,
    mhmhmh, ja, ja, ja, das ist eine typische Frank-Antwort, für die ich Dir sehr dankbar bin – allerdings nur, weil ich Dich „kenne“. „Kenne“ meint, dass ich weiß, wie Du als ganzer Mensch aussieht, wie Du läufst, und wie Du sprichst.
    Denn wenn ich das nicht wüßte, also diesen Aspekt Deiner Körperlichkeit nicht kennte, dann könnte ich Dir bloß „kognitiv dankbar“ sein, was schon eher abstrus klingt.

    Beim genauen Hinspüren kommt in mir die Frage auf, ob das nun wirklich eine rein körperliche Angelegenheit ist, oder doch eher die Einfügung des aktuellen Geschehens in eine/unsere Geschichte, gemeinsame Erlebnisse, etc.?

    Zurück zu meiner Frage. Meine TrainingsSchule habe ich auf Eis gelegt, weil ich die angedachte Seminarstufe IV, die einen Titel wie „Integration in das soziale Umfeld“ oder „Stabilisierung der gewonnenen Erkenntnisse zu einem freudvollen Lebensstil“ nicht umsetzen konnte – zumindest habe ich das geglaubt. Denn es war während meiner Arbeit spürbar, dass die Erkenntnisse im Kopf meiner SchülerInnen blieben, so dass sie in der gelebten Realität Ihres zu Hause keine Wirkung entfalten konnten, wenn dort Widerstände auftraten. Der Erfolg meiner Arbeit war also am Ende vom Zufall abhängig und systematisch nicht zu erreichen. Denn in dem Fall, dass die lebenspraktische Umsetzung nicht gelang, brach meist alles wieder zusammen.

    Meine Konsequenz hieß an diesem Punkt: Stopp, die Quote ist zu schlecht, ich möchte das systematisch erreichen können!

    Das neu anvisierte Ziel: Neugründung, wenn ich über ein entsprechendes Gesamtkonzept verfüge, dessen grobes Bild mich zu der Vermutung führte, dass es größerer finanzieller Investitionen bedarf.

    Nun bin ich in Deinem Blog gelandet…

    Könnte es denn (zumindest theoretisch) denkbar sein, dass sich durch eine (starke) körperliche Präsenz eines Trainers Erkenntnisse bei SchülerInnen so setzen, dass Sie zu dergestalt verinnerlichten Erkenntnissen werden, die eine stabile Grundlage für einen neuen Lebensstil bilden?

    Besonderheit dieser Fragestellung ist, dass sie sich nicht mehr auf Deine oben beschriebene Erkenntnis-Situation bezieht. Das soziale Umfeld liegt nicht mehr in der Organisation, sondern außerhalb des Raumes, in dem die Erkenntnis fällt. Das soziale Umfeld Deines Ansatzes ist gleich die Organisation, bei deren Weiterentwicklung Du helfen willst. Das soziale Umfeld meines Ansatzes besteht im Prinzip aus allen erdenklichen sozialen Räumen, in denen sich Mensch nach der Schule bewegt.

    Es grüßt Dich herzlich
    Bernhard

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