Die Stärke schwacher Bindungen

Auf einer der letzten GMW-Tagungen hatte Herr Bolz etwas von schwachen Bindungen erzählt. Das sind Beziehungen zu Menschen, die man noch gar nicht persönlich kennt, in denen aber laut Theorie viel Information „steckt". Die Beziehung zum eigenen Lebenspartnern - das "steckt" mir noch im Ohr - sei vor diesem Hintergrund als informationsarm einzustufen. Alle haben damals gelacht.

Nun, ich habe auch so eine schwache Bindung kennengelernt und es stimmt, was die Theorie sagt. Die Geschichte dazu geht so: Ich liege 2005 auf dem Sofa und lese ein Buch über Analogiedenken (Autorin: Karin Gloy) und verfasse im Anschluss eine kleine Notiz in meinem Blog. Im Winter 2012 - also sieben Jahre später - meldet sich eben jene Karen Gloy per Mail mit Dank zur Blognotiz und Bitte, doch eine Rezension über ihr neuen Buches „Wahrnehmungswelten" zu schreiben. Ich treffe mich mit ihr zum persönlichen Austausch in München, interessante Dame, interessantes Thema! In der Folge verfasse ich eine kleine Rezension, die ich dem Wiener Jahrbuch für Philosophie zur Veröffentlichung antrage. Im Dezember dieses Jahres wird die Rezension von „Frank Vohle aus München" dort erscheinen. Frau Gloy hat mir bereits ihr Folgebuch geschickt: Kulturüberschreitende Philosophie.

Was ist nun so besonders daran? Ich freue mich darüber, dass das Unwahrscheinliche wirklich passiert, dass eine neue Beziehung gelingt. Fazit: Lege deine Denkspur ins Netz (Christian würde sagen, einen „Schnipsel") und du kannst auf Menschen treffen, die dich inspirieren, die du niemals sonst im Leben hättest kennen lernen können. Schwache Bindungen und das Internet, ja das ist ein Paar!

Innovationsprojekte: Eine Frage des Glaubens?

Am Donnerstag/Freitag haben wir den dritten und letzten Workshop im Projekt „Videoeinsatz in der Fahrlehrerausbilung: Aufbau einer Professional Community zum bundesweiten Austausch von Erfahrungswissen" hinter uns gebracht: Ghostthinker ist als technischer (mediendidaktischer) Partner an diesem bmbf-Projekt beteiligt, dass von der UniBwM (Tamara Ranner Projektkoordination) geleitet und vom Verkehrsinstitut München (unserem Auftraggeber) und der Bundesvereinigung der Fahrlehrerausbildungsstätten (BAGFA) getragen wird. Neben den genannten Partner sind noch weitere Ausbildungsstätten aus Deutschland dabei, bundesweit, das macht es interessant.

Es war ein intensiver, auch kritischer Austausch, u.a. war der Präsident der Bundesvereinigung der Fahrlehrer, Herr v. Bressensdorf, sowie Herr Dr. Reiter (siehe Bild) von MOVING Internatioanl Road Safety Association e.V., dabei. Die Frage bei diesen zeitlich kurzen Innovationsprojekten ist ja immer: Zeigt sich eine Wirkung, zeigt sich ein Nutzen? Was steht im Zentrum: Return on Investment oder Return on Value oder beides? Was muss man weiter verändern/entwickeln, damit der Nutzen sichtbarer wird? Ist der Ansatz überhaupt der Richtige? Sind wir nicht vielleicht zu früh oder viel zu spät dran? Tja und weil man das alles nicht so genau sagen kann, ist es am Ende des Tages eine Frage des Glaubens: JA, ich glaube an positiven Entwicklungen, wenn wir noch x, y, z tun, NEIN, ich wette nicht darauf, dass es einen „Sprung" (vielleicht Quantensprung, der ist unendlich klein) gibt. Am Freitag gab es Gott sei Dank ein paar "Jasager", die hinter dem Projekt stehen und es weitertreiben wollen. Wie das genau aussehen wird, ist noch offen, aber mit diesem Bekenntnis hat das Nachhaltigkeitskonzept (BMBF-Endbericht) eine Archillesferse!

Wir Ghostthinker haben in diesem Projekt auch (wieder) viel gelernt, einerseits bei der technischen Entwicklung einer virtuellen Professional Community, aber andererseits auch bei der Parallelfrage, was man an didaktischen Überlegungen alles berücksichtigen muss (Kultur der Wissensteilung in quasi- Wettbewerbssituationen; Gestaltung von Beschreibungsformate etc.). Dieses Wissen ist sicher auch wertvoll für neue Kontexte und Zielgruppen, ... mal sehen was das neue Jahr für Perspektiven bringt.

Didaktische Vielfalt: entwickeln-ordnen-vermitteln

Im SALTO-Teilprojekt des Deutschen Tischtennis Bundes e.V. geht es weiter zügig voran; am Donnerstag haben wir uns im erweiterten Kreis in Frankfurt zum Austausch getroffen. Zunächst ging es darum, den Vertretern (die Frauenbesetzung ist noch dünne) aus Bayern, Hessen, Rheinland, Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg die Struktur der bisherigen Praxis zum Blended Learning im DTTB (A-Kurs) zu vermitteln, tiefere Eindrücke zu den Lernwerkzeugen zu geben. Ebenso haben wir neue Einsatzszenarien identifiziert, die bisher noch nicht gesehen wurden.

Für mich überraschend war, dass wirklich viele neue (!) Szenarien, z.B. auch mit Auflösung der Kursstruktur, auf den Tisch kamen. Auf der Grundlage dieser Fallsammlung konnten wir dann ein erstes kleines „Ordnungsraster" mit wenigen Dimensionen entwickeln, dass aber die Idee in Richtung einer Taxonomie aufgezeigt hat. Das ist wichtig, denn am Ende müssen wir „so was" abliefern. Am Horizont erscheinen also erstmals Formen des Endprodukts: eine Ordnungskarte mit relevanten Dimensionen, knapp beschriebenen Szenarien im symbolischen Kurzformat, ABER AUCH Videostatements von Praktikern mit narrativen Erläuterung von Rahmenbedingung und konkreter Umsetzung des jeweiligen Formats sowie Informationen zur empirisch ermittelten Bearbeitungsdauer pro Werkzeug bzw. aktiven online-Zeiten. So kann man als Interessierter schnell sehen, was es an Blended Learning-Formaten gibt, was zum eigenen Verband und persönlichen Vorlieben passt, mit welchem Aufwand man rechnen muss und was es für Fallstricke gibt (... das geht in Richtung „Design Patterns", Beispiele bei Peter, vgl. auch Vortragsankündigung (vgl. kurze Buchbesprechung Beitrag hier) wichtig erscheint mir aber, dass wir die Szenarien mit vielfältigen und komplementären Beschreibungsformen Text, Symbole, Video kennzeichnen. Hier stecken wir noch in den Kinderschuhen, aber die Sitzung hat deutlich gemacht, wo die Reise in diesem Teilprojekt hingehen wird. Es hat sich auch bewährt, dass wir dieses Treffen mit einer Onlinephasen vorbereitet haben und sicherlich  auc mit einer Onlinephase nachbereiten, Blended Learning geht auch beim Projektmanagement. Also, weiter grünes Licht ...

Bildungsmanager/in der Sozialwirtschaft, Berliner Fachtagung des DRK e.V.

Mario Heller vom Deutschen Roten Kreuz e.V. (Leiter Bildung, DRK) hatte mich vor ein paar Wochen zu einer Fachtagung (s.o) eingeladen, um einen Beitrag zum Einsatz digitaler Medien in der Bildungsarbeit zu leisten. Die Arbeit mit Rettungs-assistenten, Rettungs-sanitätern und Ärzten ist uns nicht unbekannt, denn schon 2010 haben wir im Kreisverband Augsburg erste Gehversuche mit der online-Videokommentierung in diesem wichtigen gesellschaftlichen Bereich sammeln können.  Zudem haben wir Ghostthinker in einem dreijährigen Projekt 2009-12) des DRK gute Erfahrungen mit einem Führungskräftecoaching gemacht, indem der edubreakCAMPUS (hier nur die Blogs) bundesweit zum Einsatz kam. Da geht noch mehr.  

Wir hatten uns im Vorfeld Gedanken gemacht, wo der edubreak-Ansatz - vor allem die Videokommentierung - einen idealen Beitrag bieten könnte und waren bei sog. „SAN-Arenen" hängen geblieben. SAN-Arenen sind hochtechnisierten Ausbildungsstätten des DRK (nicht nur dort) und diese bieten alles, was man sich an Equipment rund um das Thema Video wünscht. Jedenfalls eine gute Grundlage, um klassische Präsenzszenarien in Richtung Blended Learning zu erweitern.

Auf der Tagung selber habe ich zunächst einen Impulsvortrag auf der Grundlage der Sportrainerausbildung gehalten und am Ende auch einen Wink zum aktuell laufenden SALTO gemacht, ... kann ja nicht schaden.  Auf dieser Grundlage konnte ich dann zusammen mit Robert Hauptenbuchner vom Bayrischen Roten Kreuz - ein voll im Saft stehender Ausbilder, Berufspädagoge und „Fuchs" - einen Transfer der edubreak-Ideen in den Rettungskontext mit den Teilnehmern erarbeiten. In zwei Arbeitsgruppen (workshop) haben wir das Potenzial der Videokommentierung nicht nur für SAN-Arenen diskutiert, sondern auch gute Ideen für eine Blended Learning-Ausbildung von ehrenamtlichen Rettungssanitätern zusammen getragen. Toll, was da auf die Schnell entstanden ist. Der Workshop hat auf jeden Fall gezeigt, dass einige Verbandsvertreter und Verantwortliche von Ausbildungsschulen mehr wollen. Nun gilt es das zusammen mit dem Bundesverband zu koordinieren um aus den Ideen ein Feuer zu entfachen :-).

Wichtig ist auf’m Platz

Am Mittwoch war ich zusammen mit Markus Söhngen (im Bild) auf der Tagung „Weiterbildung 2.0", zu der uns Herr Siepmann von Siepmann Media freundlicher Weise eingeladen hatte. Nachdem uns schon auf der Zukunft Personal die Möglichkeit eröffnet wurde, edubreak in der Trainerausbildung vorzustellen (Interview hier), ging es dieses Mal in einer kleinen und feinen „Lokalkonferenz" darum, tiefere Einblicke in unser Didaktikkonzept zu ermöglichen.

Das Team rund um Herrn Siepmann - bekannt u.a. durch das eLearning Journal - hatte sich sehr ins Zeug gelegt: Die Präsenz in Münchens Künstlerhaus hatte etwas ehrwürdiges, Martin Lindner sorgte beim Morgenvortrag mit seinen user experience für Neu-Gier und der ganze Tag war voller Formatvariationen, sodass einem nicht langweilig wurde, ganz im Gegenteil, vielfältige Impulse gegeben und Gespräche ermöglicht wurden.

Geistig hängen geblieben bin ich in einem kleinen bar camp(chen) mit 10 Personen, da ging es intensiv zur Sache: u.a. drehten sich die 15 min Slots um die Themen Individualisierung und Enterprise 2.0. Toll, davon könnte man mehr machen. Erst im Nachgang kam mir der Gedanke, dass man die Gespräche mit Video einfangen und natürlich auch annotieren hätte könnte, WE STOP VIDEOS, klar. Martin Lindner sprach von Einfangen der „Aha-Erlebnisse", vielleicht kann man das bei einer der nächsten Konferenzen mal ausprobieren.

Erst spät am Nachmittag konnte dann Markus an einem world cafe-Tisch das laufende Projekt beim Deutschen Tischtennis Bund e.V. vorstellen: die edubreak-Umgebung mit zentralem Videowerkzeug, aber auch begleitende Werkzeuge wie Blogs, C-Maps und das e-Portfolio für die Prüfungsvorbereitung. Stichwörter wie „Reflexion durch Produktion", „prozessbegleitendes und kompetenzorientiertes Prüfen", „klassische Prüfungen (Tests) werden überflüssig" bleiben im Kopf hängen und regen auch hartgesottene WBTler (die gibt's noch, aber hallo!) zum Nachdenken an. Da er solche Präsentationen immer in der laufenden Umgebung macht und selber den Kurs leitet, ist es schön authentisch und alle hören andächtig zu, wie das „da im Sport geht". Obwohl alle Zuhörer NICHT aus dem Sport kamen (Versicherung, Elektronik, Medizin etc.) waren die Beispiel zur Bewegungsanalyse oder Krafttraining anschaulich und bot Potenzial für Transferfragen - gut so!

Eines muss ich noch loswerden: Ich stelle immer wieder auf Konferenzen fest, dass wenige Beispiele gebracht werden oder man sich scheut, richtig in die Tiefe (der Beispiele) zu gehen. Ein Beispiel ist für mich, wenn ich erfahre, WIE Nutzer in einer Umgebung agieren, d.h., mit welchen Inhalten und Werkzeugen sie Aufgaben bearbeiten, mit und ohne Moderator kommunizieren, sich kritisieren oder unterstützen etc. Ist das so schwer? Stattdessen werden einem oft Metageschichten erzählt, also Geschichten ÜBER und UM das Lernen herum (Die Geschichte von der Kompetenzorientierung, dem 3.0, der Individualisierung). Ich bin aber auf Lerntagungen mehr an den „Texten" weniger an den „Kontexten" interessiert ... oder plakativ: Wichtig ist auf'm Platz!

Interdisziplinarität funktioniert

Gestern war ich auf einer Tagung des Deutschen Hochschulverbandes (dhv) in Bonn. Gabi konnte dort einen schönen Vortrag zur Frage des „Digitalen Denkens" aus bildungswissenschaftlicher Sicht halten und ich nutze solche Gelegenheiten als Mitreisender immer zur „Beobachtung der Energieströme" im Raum, wie es einst Herr Hofer-Alfeis nannte. Neben vielen interessanten Aspekten wurde eben auch die Frage behandelt, WIE, also mit welchen Mitteln, die Wissenschaft Phänomene rund um das digitale Denken beforschen könne. Schon die Zusammensetzung der Diskutanten ließ erkennen, dass Analyse und Intervention erfolgreich nur im Schulterschluss mit mehreren Disziplinen zu erwarten sind. Wie immer bei solchen „Großkopfthemen" fallen dann gern Begriffe wie „Interdisziplinarität" oder der kleine Bruder "multidisziplinär" ... in jedem Fall wird die Hoffnung artikuliert, dass viele Perspektiven notwendig sind, um das Phänomen in seiner Ganzheit zu verstehen.

Zumindest ein Forscher (Gigerenzer) sagte klar, dass Interdisziplinarität „funktioniere", man „betreibe" das schon seit 15 Jahren am Max-Planck-Institut. Ich teile diese Hoffnung nicht oder besser, nicht so bedingungslos. Schauen wir beispielhaft in die Sportwissenschaft: An der Deutschen Sporthochschule Köln sind ca. 20 unterschiedliche Lehrstühle vertreten, von Sportphilosophie, Sportökologie, Sportökonomie, Sportinformatik bis Sportpädagogik, Sportmedizin, Biochemie - dazwischen eine Reihe von Bewegungs- und Spielwissenschaften. „Herrlich" könnte man denken, ein Paradies für alle disziplinären Vielfalter. Doch in der Realität ist es nun nicht so, dass alle zusammen und gemeinsam das Phänomen Sport erkunden, sondern sich hier bestenfalls Teilgruppen mit geringer paradigmatischer Spreizung zusammentun, also z.B. Bewegungswissenschaft mit Robotik. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn man will die Zeit nicht mit zeitraubendem Aushandeln des Erkenntnisparadigmas vertun, sondern idealerweise innerhalb eines Paradigmas die Ressourcen bündeln, ohne dass epistemische Irritationen einen aus der Bahn werfen.

Man sollte also Projekte, die tatsächlich um ein neues, gemeinsames Paradigma ringen, nicht mit solchen zusammenwerfen, die zwar mehrere Disziplinen kombinieren, deren Vertreter aber doch alle dieselben Glaubenssätze befolgen. Der Wille oder Unwille zur Zusammenarbeit macht sich an den Glaubenssätzen fest. So ist zu verstehen, warum zwischen Pädagogen und Psychologen manchmal die Gräben tiefer liegen als zwischen Pädagogen und Informatikern. Was also kann man tun? Tja, auch hier keine Rezepte, klar, aber vielleicht mehr darüber sprechen, wann, wie, warum unter welchen Zusatzbedingungen inter- oder transdisziplinäres Arbeiten und Forschen klappt. Natürlich sollte jeder dann auch sagen können, was er/sie meint wenn gesagt wird: „Es klappt!".

P.S. Oben im Bild "aufgebockte" Hochtechnologie (der Transrapid im Technikmuseum, in unmittelbare Nähe vom Tagungsort).  Schon irre ... man fragt sich unweigerlich: Wohin wollen wir eigentlich?

PPS: Hier ein älterer (und reichlich leidenschaftlicher) Beitrag zur interdisziplinären Lehre. 

SALTO ... es dreht sich!

Am Mittwoch habe ich erstmals als Berater im SALTO-Projekt meine Arbeit aufgenommen. Nach den Wochen des Finanz- und Formalmanagements gehen nun die Aktivitäten in die operative Phase, d.h. es wird inhaltlich gearbeitet. Im Teilprojekt des Deutschen Tischtennis Bundes e.V. (DTTB) geht es um didaktische Innovationen zum Blended Learning im Sport. Vor diesem Hintergrund haben wir uns am Mittwoch in Frankfurt beim DTTB mit der „Steuergruppe" getroffen, um das Vorgehen der nächsten Monate genauer zu planen. Über den bestehenden Nucleus hinaus gilt es neue „Aktivisten" einzubinden und Maßnahmen zu entwickeln, wie man Neulinge in bestehende Konzepte einführt und in die Lage versetzt, selber kreativ zu sein. Wir werden gleich Nägel mit Köpfen machen und nicht über Blended Learning reden, sondern die „Schulung" der Neulinge gleich als Blended Learning organisieren. So lassen wir alle Projektmitarbeiter im Selbstversuch erleben, wie „das mit dem e-Learning" funktionieren kann. Ich bin recht optimistisch, dass wir mit solch motivierten und erfahrenen Menschen - die am Mittwoch anwesend waren - viel hinbekommen! Nach SALTO wird der organisierte Sport anders aussehen, I‘m sure. 

Was ist ein Postfolio?

Seit 2007/8 begleiten wir den Deutschen Tischtennis Bund e.V. bei der Umsetzung, Verstetigung und institutionellen Verankerung von Blended Learning-Kursen. Dabei kommt der edubreakCAMPUS zum Einsatz, dessen Schwerpunkt ja bekanntlich im Bereich Videolernen liegt. Im Jahrjahrgang 2010/2011 des einjährigen A-Lizenzkurses haben wir erstmals e-Portfolios eingesetzt, um die unterschiedlichen Lernorte- und -Phasen zusammenzuhalten und um die Prüflinge auf die Endprüfung vorzubereiten. Der Einsatz hat in diesem ersten Zyklus mäßig fuktioniert: die Teilnehmer waren unzureichend auf die e-Portfolioarbeit vorbereitet und offenbar war auch die Idee nicht so attraktiv, dass sie sich dafür intensiv Zeit genommen hätten.

Man ist geneigt, diese Evaluationsergebnisse u.a. mit einer schlechten Usabillity zu verbinden: hier noch ein paar mehr Knöppe, da noch ein einfacherer Workflow. Wir haben uns dieses Mal aber nicht auf die Technik gestürzt, sondern sind noch mal in die Didaktik gegangen. Ein zentraler Bestandteil der Ausbildung war das Verfassen einer wissenschaftlichen Hausarbeit, also die Beantwortung einer Forschungsfrage mit wissenschaftlichen Mitteln. Das war nie so recht befriedigend, u.a. weil der Zeitrahmen für Berufstätige eng ist und man sich fragen musste, ob die Professionalität eines Trainers mit richtigen Zitieren (böse gesagt) besser wird. Der DTTB hat beschlossen, die Hausarbeit als Prüfelement fallen zu lassen. Stattdessen gibt es jetzt die Aufgabe, einen Spieler elf Monate (also fast die ganze Ausbildungszeit) zu coachen: Analysephase, Zielfindung, Coachingprozess und Ergebnisaufbereitung. Genau das finden die Teilnehmer attraktiv und herausfordernd, weil das Coachen genau den Kern ihres Selbstverständnisses ausmacht und sich von hier aus viele Fragen ergeben.

Nachdem wir das neue Coachingkonzept erstellt hatten, haben wir es mit der e-Portfolioarbeit verbunden. Mit dieser neuen Binnenstrukturierung (Analyse, Ziel, Prozess, Ergebnis) ist nun wesentlich klarer, warum man das „mit dem e-Portfolio macht". Die große Anzahl an Artefakten (z.B. Videokommentare und Blogbeiträge) die innerhalb der ersten drei Phasen entstehen lässt sich nun reduzieren, man kann wichtige Artefakte von unwichtigen trennen, man kann Verbindungen zwischen Artefakten festhalten. Wir haben uns wieder dafür entscheiden, dass die Ergebnisse aus der e-Portfolioarbeit der Jury bei der Endprüfung vorgestellt werden sollen - das motiviert - alle! Aber wir werden das nicht mehr in der Lernumgebung machen, weil sich die Komplexität eines Entwicklungsportfolios niemals so „schön" darstellen lässt, dass man es in 10 min der Jury vermittelt. Stattdessen machen wir einen bewussten Medienbruch und lassen die Teilnehmer „wissenschaftliche Poster" zum Coachingprojekt erstellen (ein klein wenig Wissenschaft durch die Hintertür, sozusagen). Das zwingt die Teilnehmer dazu, nur Wesentliches zu nennen, in einer Form, die Dritte anspricht und in einer 5-min-Prüfung machbar ist, auch ohne Beamer und Strom. Neu ist, dass die Inhalte des Posters mit Artefakten aus dem e-Portfolio referenziert werden müssen, der Prüfer also fragen können muss, ob es zu dieser Aussage (auf dem Poster) eine Videoszene mit Kommentierung gibt - online mit dem smartphone ist man ja immer ;-). Diese neue Form des wissenschaftlichen Posters könnte man „Postfolio" nennen, also ein Kunstwort aus Poster und Portfolio. Wir werden sehen, ob das Coachingkonzept, die e-Portfolioarbeit im letzten Viertel des Kurses, die Erstellung der Postfolios und die Diskussion in der Prüfung befriedigende Ergebnisse liefern. Toll ist jedenfalls - und da bin ich dem DTTB (besonders aber Markus Söhngen) dankbar - dass sie unglaublichen Mut bei der Umsetzung von neuen Konzepten beweisen. Aber wir wissen ja: nur die Harten kommen in' Garten.

Ist das ein deutsches Unternehmen?

Nun ist sie vorbei, die Zukunft Personal 2012, Europas größte Personalmesse. Wir Ghostthinker (im Bild: Johannes, Hanna und ich) waren erstmals mit einem eigenen Stand vertreten, ganze 3x3 Meter standen uns für Präsentation und Kundenkontakt zur Verfügung. Die zentrale Frage im Vorfeld lautete: „Wie schaffen wir es, unser edubreak-Produkt angemessen zu kommunizieren?" Videoannotation, Videoreflexion, Videokollaboration sind ja keine Begriffe, die runter gehen wie Butter, Blended Learning 2 oder 3 oder 4.0 zu unspezifisch. Wir haben uns nach vielen (kreativen) Überlegungen auf WE STOP VIDEOS geeinigt (siehe Bild), haben diesen Ansatz mit einem Großbild vom edubreakPLAYER spezifiziert (unser Feuerwehrmann) und per Beamer konkrete Einsichten in den edubreakCAMPUS gegeben. Mit diesem kommunikativen „Dreischritt" sind wir gut zurechtgekommen, konnten viele Interessierte abholen und in ein Gespräch bringen.

Für mich neu war der Messemodus: Neun Stunden Dauerakquise, also Gesprächsbereitschaft und tatsächliche Gespräche mit Menschen aus dem Trainingsumfeld (Innovation, Personal, Kommunikation, Persönlichkeit, Therapie, Rettung, Sicherheit). Erst im Gespräch ergaben sich die konkreteren Einsatzszenarien, die man mehr oder weniger aus dem Stegreif auf die edubreak-Potenziale anpassen musste. Das klappte überwiegend gut, denn die aktive Bearbeitung von Videos durch Kommentare im Rahmen von Blended Learning-Szenarien ist anschlussfähig und wir sehen, dass die Erfahrungen rund um die Sporttrainerausbildung seit 2007 viele Transferideen bieten.

Besonders interessant fand ich ein Brainstorming mit Kollegen (Briten die deutsch konnten :-) aus dem „Innovationstraining". Neben den allgemeinen Erfahrungen zum Blended Learning und zur Videokommentierung finde ich diesen Bereich wegen des Gegenstands hochspannend: Wie kann man Kreativität und unternehmerisches Denken fördern, wie kann man Menschen dazu animieren, Innovationen in ihren Organisationen voranzutreiben? Da kommen zurückliegende Erfahrungen aus meiner Siemenszeit und zum Analogietraining wieder hoch und verbinden sich mit den aktuellen Potenzialen der Videokommentierung - toll.

Apropos „Briten": Mit Peter Jones von Change Evolution hatte ich genau diese interessante Denkbewegung. In einem Mix aus Englisch und Deutsch hantierten wir etwas lauter zu Begriffen wie „Knowledge in Action", „Reflection in Action" und „Reflection on Action" - D. Schön lässt grüßen. Mit einem Ohr bekam ich mit, wie einer der Standbesucher fragte: „Ist dies ein deutsches Unternehmen?" Ghostthinker, We stop Videos, Denglish ... ja wir waren sehr
international ... für ganze drei Tage ;-).

GMW 2012: Seitengespräch

Der scheidende Vorsitzende der GMW - Prof. Ulf Ehlers - hat uns in seinem Tagungskommentar zur GMW 2012 eine Aufgabe mit auf den Weg gegeben: Jeder der Teilnehmer solle sich im Nachgang fragen, ob es ein Highlight auf der Tagung gegeben hat, ein persönliches Gespräch, ein inspirierender Vortrag, ein guter Netzwerkkontakt. Ja, ich hatte ein Highlight und zwar ein Gespräch mit Christian Kohls in einer der Seitengänge auf der diesjährigen GMW-Tagung in Wien. Christian hat - wie schon öfter - über Entwurfsmuster (beim smartboard-Einsatz) gesprochen. In diesem Zusammenhang gibt es viele interessante Aspekte, die sich im Kern um Didaktik drehen, aber auch den Zusammenhang zwischen Didaktik und Bildungsökonomie betreffen. Was mich besonders interessiert, sind diese Entwurfsmuster, also Beschreibungen zu „gutem Unterricht", die weder zu konkret noch zu abstrakt sind, also in einem mittleren Abstraktionsbereich liegen, einer bestimmten Codierung folgen und neben dem Lösungsprinzip reichhaltige Informationen zum (jeweiligen) Kontext und den wirkenden „Kräften" enthalten (siehe auch den GMW-Beitrag von Peter Baumgartner). Ehrlich gesagt, bin ich mit den bisherigen Vorschlägen nicht richtig zufrieden, da der Anspruch, pädagogischen Novizen einen besseren Einstieg in ein komplexes Handlungsfeld zu ermöglichen aus meiner Sicht unzureichend erfüllt wird. Zwar erkenne ich den heuristischen Wert bisheriger Entwurfsmuster, aber die Abgrenzung zu bloßen „Leitfäden" übergeht meiner Meinung nach das instruktive Potenzial von (dicht beschriebenen) Beispielen! Vielleicht liegt gerade im ZUSAMMENSPIEL von Beispiel und Entwurfsmuster (als generische Einheit oder Ganzheit) ein wichtiger Lerneffekt, nämlich den der angemessenen Abstraktion. DAS abstrahiert wird ist ok, aber die Frage ist doch, WAS abstrahiert und WIE verallgemeinert wird. Beispiele, dicht beschrieben, geben uns eine Hilfe, WIE Komplexität in der Situation organisiert ist, dass ist elementar, für jeden, der didaktische Szenarien „orchestrieren" muss.

Insgesamt fand ich die drei Tage (nach mehrjähriger GMW-Abstinenz) interessant: neue Themen, neue Gesichter im Vorstand (Beat, Sandra, Hr. Köhler) und eine Diskussion in Richtung „neue Vortragsformate". Letzteres stand im Zusammenhang mit der Diskussion mit dem GMW-Band: Wenn dieser schon vorab zur Verfügung steht, dann sollte auf der Tagung selber nicht der Text 1:1 vorgestellt werden, das wäre langweilig. Wenn man aber schon über neue Formate nachdenkt, dann könnte man neben gemäßigten Innovationen (Rollenspiele etc.) ggf. auch mal in Richtung Science Slam denken. Aber dann müsste es neben dem Best Paper auch einen Best Performance Award geben. Eine Trennung scheint mir sinnvoll, denn ein Best Paper folgt gänzlich anderen Kriterien als eine Best Performance, oder?

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