Völlig blau!

Am 06. und 07. September fand in Frankfurt in den Räumen des Deutschen Fußball Bundes e.V. die erste Tagung zum neuen bmbf-Projekt „SALTO" statt. Alle Projektpartner sowie spezielle Gäste (gut 20 Personen) waren anwesend. Unter Leitung von Wiebke Fabinski (DOSB, Ressort Bildung) konzentrierten wir uns am ersten Tag auf die zentralen Aufgaben innerhalb der Teilprojekte: jeder Projektverantwortliche war aufgefordert, in einem 5-10 min Vortrag für ALLE Projektmitglieder die zentralen Ziele zu skizzieren. Das hatte den Vorteil, dass sich die Verantwortlichen nochmal intensiv mit den eigenen Zielen beschäftigen mussten und die Gruppe Verständnisfragen stellen konnte. Zwischen Workshop und Abendessen gab es dann „Sportspiele" - klar wir sind im DOSB. Leider hatte ich meine Turnschuhe vergessen und die Leihgabe von Herrn Reuss war gut gemeint (Danke!), aber eine dicke Nummer zu klein. Tiefblaue Zehennägel begleiten mich nun sicherlich bis Projektmitte (hier liegt der Bezug zum Titel ;-).

Am zweiten Tag durfte ich in der Früh einen Impulsvortrag zur „Vision SALTO" halten. Das sollte kein Kaffeesatzlesen zu einer fernen Cloud-Zukunft werden, sondern die Teilnehmer zum eigenen, möglichst konkreten und bedarfsorientierten Weiterdenken animieren, was wir dann in kleinen Arbeitsgruppen auch gut umgesetzt haben. Auf dieser Grundlage konnten wir uns dann dem Kern des zweiten Tages nähern und die Frage beantworten, was jeder Partner vom jeweils anderen Partner "haben" möchte und was er bereit ist zu "geben": Haben und Geben also, das war im Gegensatz zu nebelösen Kooperationswünschen erfrischend konkret und irgendwie auch verbindlich!

Aus der Ruckschau zwei gute Tage, denn einerseits WISSEN die Teilnehmer jetzt mehr darüber, was SALTO ist, was SALTO soll und andererseits hatte ich den festen Eindruck, dass die Teilnehmer nun auch SALTO WOLLEN.  Ja dann mal tau.

Wir üben Medien

Am Wochenanfang waren Johannes und ich auf den Hamburger Medienkompetenztagen. Professor Andreas Hebbel-Seeger hatte uns (Ghostthinker) in das Projekt mit ein wenig Beratung und durch die Nutzung des edubreakCAMPUS eingebunden.

Also, um was ging es? Es gibt sogenannte „Eliteschulen des Sports", indenen Leistungssportler/ innen zur Schule gehen (Klasse 5-12), nebenbei aber sehr gute Möglichkeiten erhalten, ihren Sport zu trainieren. An einer ebensolchen Schule fanden von Montag bis Mittwoch die Hamburger „Medienkompetenztage" statt. Das Ziel bestand darin, die Schüler aller Jahrgangsstufen (insgesamt 220) durch aktive Medienarbeit ein wenig kompetenter zu machen, was den Umgang mit digitalen Medien angeht. Andreas hatte hierzu mit seinen Studenten/innen ein wirklich tolles Konzept erarbeitet und einen differenzierten, logistischen Durchführungsplan (wer macht was, wo, wie, mit wem) erstellt - eine Meisterleistung. Die unteren Jahrgänge sollten z.B. Informationen zu „ihre Sportart" zusammentragen, die mittleren Jahrgänge Blogs zur Präsentation erstellen, die oberen Jahrgänge in Interviewsituationen den Umgang mit Sportreportern üben. Die jeweiligen Präsentationen wurden zu Videos verdichtet und in den edubreakCAMPUS gestellt. Hier können/sollen sie im Nachgang unter bestimmten Fragestellungen analysiert, kommentiert und damit reflektiert werden.

Alles super, oder? Wirklich alle hatten sich sehr ins Zeug gelegt: Andreas und die Studenten in der Vorbereitung und Durchführung, die Schüler/innen durch intensive Beteiligung, betreuende Lehrer durch Dauermotivation und das Technikteam der Schule hatte sogar am Sonntag davor „mallocht". Doch es gab einen Spielverderber: Leider ging das Netz nicht so, wie es sollte. Wie immer gibt es viele Ursachen: Auslastung, Router, Ports etc. Nun ja, egal, auch das gehört zur Medienkompetenz, zu wissen, dass die Medien nicht immer so funktionieren, wie man will, und was man dann ersatzweise macht ... spontan, flexibel, für alle befriedigend. Vielleicht lernt man auch mehr und tiefer, wenn man das, was man geplant hat, nicht umsetzen kann und dann auf der Grundlage des Planungswissen „umplanen" muss - wie gesagt: spontan, flexibel und für alle befriedigend.

Im Grunde hat mir genau das an den Hamburger Medienkompetenztagen gefallen, das DEN-KOPF-NICHT-IN-DEN-SAND-STECKEN. Ich weiß, vielleicht sieht druckreife Medienkompetenz anders aus, aber man sollte ja nicht die Mittel mit dem Zweck vertauschen.

Mein erstes Unpaar

49,- Euro, ein Schnäppchen, dachte ich und zog die Turnschuhe an. Sie passten, perfekt. Der Verkäufer sagte, es sei ein Unpaar. Unpaar? Links größer als rechts, also fasch? Schuhe in unterschiedlichen Größen, das kommt gleich hinter Socken in zwei Farben (die ich schon länger trage).

Mhm, Mhm ... lange Denkpause.

Was war so irritierend? Erste Info von den Füßen: Schuhe fühlen sich gut an. Zweite Info vom Kopf: Schuhe dürfen sich nicht gut anfühlen. Wir sind auf Symmetrie geeicht. Aber wenn ich mir meine Füße anschaue, dann sind die nicht gleich, sie sind tatsächlich unterschiedlich lang, logo.

Ich kaufe also die passenden Schuhe. Denke noch etwas über sich verselbständigende Standards und „unschöne" Maßanfertigung nach.

Fazit: Die Dinge sind ungleich, ein Hoch auf die Unpaare.  

Ghostthinker glasses

Vor einigen Tagen war ich zusammen mit Johannes im Olympia Park in München - wir haben auf einen Termin in der Innovations-Manufaktur gewartet und wollten sinnvoll die Zeit vertreiben. Was gibt es da besseres als in 2 Meter großen Kunststoffkugel zu krabbeln, um von innen herauszuschauen (Welt in der Welt), die eigene Stimme eigentümlich zentriert zu hören und sich krabbelnd im Wasser fort zu bewegen?  Wir haben den ganzen Spaß natürlich mit einer Kamera aufgenommen (deshalb Ghostthinker Glasses), mit einer Kopfkamera, die mein Geschrei und meine Blickrichtung dokumentiert. Um es gleich zu sagen: die Fotos hier von meiner Handykamera müssen reichen ;-).

Die Egoperspektive bei Videoaufnahmen interessiert mich schon länger, ich glaube da lässt sich noch Vieles rausholen, zumal wenn man die interaktiven Potenziale der Videoannotation hinzudenkt.  Erste Versuche haben wir dazu 1999 gemacht, damals noch als konzeptionelle Idee zum Bewegungslernen im Sport mit dicken Brillen, 2009 im Rahmen des EU-Projekts zur Fahrlehrerausbildung, mit einer Spezialbrille von Daniel Düsentrieb aus München, welche die Blickrichtung der Pupillen scannt und zwei Kameras via Servomotoren in genau diese Richtung blicken lässt und 2010 im Rahmen einer kleinen BA-Studie, indem die Egoperspektive mit der Totalen hinsichtlich des Reflexionspotenzials in der Lehrerausbildung verglichen wurde.  Folglich ist es für uns eine Pflichtübung, sich google glasses zu besorgen, denn hier hat man nicht mehr wie noch 1999 eine schwere Brille auf dem Kopf, sondern ein Fliegengewicht mit offenbar guter Kameraqualität. Das man mit diesen glasses nicht nur Videos aufnehmen, sondern über eine Internetverbindung eine erweiterte Realität einblenden kann ist natürlich extraspannend. Hier eröffnet sich meiner Meinung ein Feld von didaktisch interessanten Anwendungsmöglichkeiten, die man erst noch sichten und durchdringen muss.

Womit verdienst du dein Geld? Besuch an der Universität Hildesheim

Am Mittwoch bin ich auf Einladung von Peter Frei an die Universität Hildesheim gereist, um (wieder mal) über die Videoreflexion, e-Portfolios und didaktische Konzepte in der Trainer-ausbildung, kurz über „edubreak", zu sprechen. Peter kenne ich von der Deutschen Sporthochschule Köln, damals noch Doktorand, heute Professor, Leiter des Institut für Sportwissenschaft, des Forums Fachdidaktische Forschung und des Margot-Möller Promotionskollegs ... so geht das.

Ca. 25-30 Teilnehmer (Studenten, Dozenten) haben beim Vortrag interessiert zugehört und es bestätigt sich wieder einmal, dass die Darstellung eines (komplexen) Beispiels mit unterschiedlichen Beschreibungsebenen ein gutes Verfahren ist, um sowohl Praktiker als auch theoretisch interessierte Zuhörer abzuholen und in ein Gespräch zu bringen. Neu an diesem Vortrag war, dass ich neben der Darstellung von technischen, didaktischen und organisationalen Facetten auch über die spezifische Forschung (Entwicklungsforschung) gesprochen habe, die wir mit und um das Projekt herum betreiben. Grundlage war ein Text, den ich zusammen mit Gabi geschrieben habe. In diesem Text versuchen wir erstmals, die Aktivitäten rund um die Videoannotation der letzten fünf Jahre zu reformulieren, indem wir die Kategorien zur praxisentwickelnden Unterrichtsforschung von K.H. Flechsig. anwenden - im Übrigen ein sehr lesenswertes Büchlein für all diejenigen, die sich als Entwicklungsforscher verstehen (wollen).

Nach fast zwei Stunden Vortrag (mit Zwischenfragen) war ich erschöpft, aber es hat sich gelohnt, denn die Zuhörer haben nach eigenen Aussagen viele Impulse mitgenommen und der Leiter der Einrichtung denkt offen über eine Nutzung von edubreak in der Lehrerbildung nach: Videoreflexion, situationsgenaue Kommentare, Sammlung im e-Portfolio mit langfristiger Kompetenzentwicklung (BA/MA) passen gut zu einer innovativen Lehrerbildung, so wie es auch in Niedersachsen umgesetzt werden soll.

Ach ja, nicht zum ersten Mal wurde ich gefragt, was denn ein „Ghostthinker" so macht und vor allem, womit er sein Geld verdient. Meine Antwort: Natürlich mit dem, was ich (gerade) tue, also didaktisch-organisationale Beratung (NPO/Profit) und der „Vermietung" von innovativen Technologien, wobei ein ganzes Team als Dienstleister mitwirkt. Aber solange das Berufsbild „Ghostthinker" noch nicht etabliert ist - ich vermute, das dauert noch was - muss ich etwas länger sprechen und das Schmunzeln im Publikum als Akt der Sympathie werten ;-). Egal, ... wir sind einen Schritt weiter, darauf kommt es an.

Chinesische Expertenrunde vom Sportamt Shanghai in Hamburg

Ich kenne Thomas Beyer seit ca. zwei Jahren. Er führt in Hamburg eine Agentur für Sportentwicklung und in diesem Zusammenhang ist er seit 2009 im regen Austausch mit bildungspolitischen und sportwissenschaftlichen Vertretern aus Shanghai und Peking. Beim Projekt „Sportvereinsmanager" geht es darum, mit deutscher Hilfe ein mediengestütztes Ausbildungsprogramm für eben Chinesische Sportmanager zu entwickeln. Das ist herausfordernd, vor allem vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Lernkulturen.

Am Donnerstag durfte ich (auf Einladung von Thomas) unseren edubreak-CAMPUS, inklusiv der Didaktik einer chinesischen Delegation von Sportexperten vorstellen, die aus Shanghai (Sportamt, Aus- und Weiterbildung von Trainern) angereist waren. Obwohl der Redeanteil stark bei mir lag, hatte ich den Eindruck, dass die chinesischen Sportkollegen viele Anknüpfungspunkte mitnehmen konnten: Zum Videolernen, zur Verwendung von Blog, Maps und e-Portfolio, zum Thema Assessement generell und zur Gesamtphilosophie, bei dem der aktive Trainer mit seiner Sprache im Zentrum steht. Vieles von dem was ich gesagt habe (wurde von Yi Ren freundlicher Weise direkt übersetzt) stieß auf neugierige Ohren, ... aber Vieles muss wohl auch noch verdaut werden. Interessant fand ich, dass bei den Rückfragen eine Sorge dominant war, nämlich, dass „die Technologie" kopiert werden könne. Nicht das ich dem substanziell etwas entgegnen hätte können, aber mein Hinweis, dass die Technologie nur ein Teil der sozialen Innovation ist, stimmte zumindest nachdenklich. Ich bin also weiter neugierig, ob es neben den anlaufenden Veränderungen in Deutschland auch ausbaufähige Kontakte in Richtung China gibt. In jedem Falle sind diese Projekte allein schon deshalb interessant, weil der Sport mit seiner großen Begeisterung für die „Sache" ein günstiger Ressonanzboden für den Einsatz von Lern- und Bildungstechnologien ist.

Rezension der "Wahrnehmungswelten" online

So, nun ist sie doch schneller fertig geworden als gedacht: Die Rezension zum Buch von Karen Gloy "Wahrnehmungs-welten" ist komplett (download hier). Links im Bild "Data", der aus Star Treck, der Androide. Keine Angst, ich habe keine Filmkritik geschrieben, aber in der ausgewählten Szene geht es auch um Wahrnehmung, um das Gefühl der leibhaften Existenz. Dies war mir als rahmende Analogie gerade recht, zumal Karen Gloy in ihren Buch den Cyborgs & Androiden ein ganzes Kapitel widmet. Kurz: Wer Interesse an einen philosophischen Ausflug in die weite Welt der Wahrnehmung hat, der sollte die Rezension als Einstieg lesen. Wie immer bin ich über Rückmeldungen hier im Blog oder im Geheimen dankbar.

Philosophie ist keine Wissenschaft

Vorletzte Woche war ich seit langer Zeit mal wieder in einer Vorlesung. Professor Karen Gloy, emeritierte Philosophin der Universität Luzern, hat an der LMU München im Rahmen des Seniorenstudiums „gelesen", ... ja gelesen, so ging das früher (und heute), man darf gespannt zuhören! Inhaltlich ging es um historische, epistemische sowie grenz- und außerwissenschaftliche Aspekte zum Thema Wissen.

In der Mittagspause hatte ich Gelegenheit, Frau Gloy zu sprechen. Interessanterweise hatte sie mich vor ein paar Monaten nach Durchsicht meines Weblog-Beitrags (Analogiedenken) mit der Bitte angeschrieben, ob ich bereit wäre, ihr neues Buch „Wahrnehmungswelten" zu rezensieren. Mich hat diese Anfrage wirklich sehr gefreut! Nach einer ersten Durchsicht des Buches ging es mir im Gespräch nun darum herauszuhören, was sie bei (all) ihren Büchern umtreibt, ob es ein leitendes Grundmotiv gibt. Zentral ist die Beobachtung, dass wir es spätestens seit Descartes mit einem (gegenüber früheren Phasen) reduzierten Wissensbegriff sowie eindimensionalen Vorstellungen von Wahrnehmung zu tun haben. Gloy plädiert für einen weiten Wahrnehmungsbegriff der neben der naheliegenden sinnlichen Dimension auch ontologisch „tiefere" Dimensionen (emotionale, spirituelle, prärationale Aspekte) beinhaltet. Hier übersteigen wir die Grenze zum Mainstream, zu dem, was wir Anfang des 21. Jh. als „wissenschaftlich" bezeichnen.

Boundary Work ... Was ist Entwicklungsforschung?

Gestern war ich seit langer Zeit mal wieder Teilnehmer in Gabis Doktoranden-Kolloquium. Thematisch ging es um die „Entwicklungsorientierte Bildungsforschung", so wie Gabi Reinmann und Werner Sesink es in bewusster Ergänzung zur empirischen Bildungsforschung nennen. Nach Besprechung von drei aktuellen Texten der Entwicklungsforschung (Einsiedler, Euler, Reinmann) kam mir die Aufgabe zu, die Entwicklungsarbeiten zu edubreak (Videoannotation in unterschiedlichen Kontexten) in einem Impulsreferat vorzustellen. Ich hatte mich dazu entschieden, die edubreak-Ereignisse chronologisch zu ordnen und möglichst nah am Phänomen darzustellen. In der Konsequenz habe ich daher ganz offen davon gesprochen, dass z.B. die Idee zur Einführung der Videoannotation im Sport zum ersten Mal bei einem Bier mit Kollegen Markus Söhngen vom TTVN formuliert wurde. Im Fortgang ging es um konzeptionelle Aufbauarbeit, um erste technische Prototypen, die wieder verworfen und durch neue ersetzt wurden, um erste Praxisanwendungen mit „leichtgewichtigen" Evaluationen (s.u.), um x-fache Redesigns von Didaktik und Technologie, um Erweiterungen organisationaler Elemente, um die Ausweitung in neue Kontexte mit neuen Anforderungen, theoretischen Vorschlägen und entsprechenden technischen und didaktischen Anpassungen, um Ordnungsversuche dessen, welche Kategorien beim Einsatz von Video + Annotation relevant sind und wie die unterschiedlichen Entwicklungs- bzw. besser Evolutionspfade untereinander „kommunizieren" und einen reichen „Genpol" an didaktischem, technischem und organisationalem Know How (Erkenntnis?) zum Thema bilden.

Es ist immer schwer abzuschätzen, ob eine solche „rohe" Entwicklungsgeschichte die Erwartungen der Zuhörer trifft, ... aber darum geht es ja auch gar nicht. Am Ende habe ich die Frage gestellt, ob DAS Entwicklungsforschung sei, ob die Teilnehmer also in dieser edubreak-Geschichte diejenigen Kriterien wiedererkennen, die ihnen in den theoretischen Texten zur Entwicklungsforschung geläufig sind. Grob gesprochen waren die Rückmeldungen zweigeteilt: Die eine Seite erkannte durchaus einige Kriterien wieder: Problemorientierung, Zusammenarbeit mit Praxispartnern, mehrere Iterationen, begleitende „Forschung" (da komme ich noch drauf), Präsentation in der Fach-Community, letztlich Lösung eines Bildungsproblems. Die andere Seite erkannte diese Kriterien unscharf in der unsystematischen (da phänomenorientierten) Darstellung, tat sich zudem mit dem Merkmal „Forschung" schwer, womit wir beim Punkt sind :-).

Was ist also die „Forschung" innerhalb der Entwicklungsarbeit? Etwas Eigenes, Getrenntes? Also erst entwickeln und dann z.B. richtig (!) evaluieren? Explizierung aller Entscheidungen innerhalb der oft impliziten, rekursiven (chaotischen) Entwicklungsarbeit? Theoretische Fundierung und „saubere" Ableitung der Annahmen, Fragestellungen und Ziele? Hier springt der Frosch ins Wasser, würde Ulrich Fahrner sagen.

Mir selber geht und ging es gestern deswegen gar nicht um die Frage, wie man die Arbeiten um edubreak so darstellen kann, dass es in der Community als Entwicklungsforschung akzeptiert wird, also besser strukturieren, besser explizieren, ordentlicher evaluieren (Entschuldigung, da war meine Schlussfrage sicher irreführend). Sondern: Es ging mir darum gemeinsam zu explorieren, ob in den skizzierten Prozessen TYPISCHE Momente/Phasen zu identifizieren sind, die wir begründet als Entwicklungs-Forschung bezeichnen wollen! Dabei ist die Erarbeitung von Qualitäts- oder Gütekriterien für diesen Forschungstyp Neuland. Leicht erwischt man sich dabei, dass man analogisierend und hilfesuchend Gütekriterien aus der qualitativen Sozialforschung in diesen Bereich verlängert, deshalb die Forderung nach „richtiger" Evaluation, Explizierung der Entscheidungen etc.

Meine Grundthese (darin fließen Argumente der gemeinsamen Sitzung ein, vgl. Gabis Eintrag) ist, das wir im Rahmen einer entwicklungsorientierten Bildungsforschung mehr oder weniger AUCH chaotische, implizite und damit wenig bis gar nicht explizierbare Entscheidungen als typischen Forschungsakt akzeptieren bzw. einfordern müssen. Das stößt sich freilich mit dem Axiom einer letztlich mathematischen Wissenschaftsauffassung, die keine „dunklen Flecken" akzeptiert. Wenn uns aber Bildungsinnovationen (Sonderfall der sozialen Innovation) wichtiger sind als methodische Ideologien (also Vereinseitigungen), dann gilt es doch, die Methode sowie die Standards (der Entwicklungsforschung) den notwendigen Veränderungsprozessen anzupassen und nicht umgekehrt sich in die Irre führenden methodischen Imperativen unterzujochen.

Ja, mal wieder große Kaliber mit ansteckender Revolutionsrethorik. Wer sich hier anschließt, sollte mindestens einen langen Atem mitbringen, denn weder sind große Forschungsgelder, zeitnahe Akzeptanz in der wissenschaftlichen Community noch ein kalkulierbarer und „glatter" Forschungsalltag zu erwarten. Puhh, nix für Nachwuchswissenschaftler, ... oder gerade doch?

Wiener Luft

Letzten Freitag/Samstag war ich Wien, um an der 7. Forschungswerkstatt von Peter Baumgartner und Josef Hochgerner teilzunehmen. Inhaltlich drehten sich die beiden Tage um das Thema „soziale Innovation", also etwas, was für meine Ohren zunächst einmal sympathisch klingt (nur eine Konsenzformel?). Mit ca. 12 Teilnehmer (6m/6w) war die „Forschungs-baustelle", wie es einer der Tn. nannte, überschaubar groß (gerade richtig). Neugierig war ich auf den Leiter des ZSI (Hochgerner), der in Wien mit den ZSI einen Forschungsverein mit 60 Mitarbeitern/innen geschaffen hat und der mir - so die latente Erwartung - etwas mehr zu den Geheimnissen der (sozialen) Innovationen sagen konnte. Ich muss gestehen: das Thema ist vielschichtig-komplex, die definitorische Arbeit noch im Gange, deskriptive und präskriptive Modelle noch am Anfang. Konsens besteht darüber, dass in unserer (modernen) Gesellschaft vielfältige Problemlagen zu finden sind (Arbeit, Zusammenleben, Gesundheit, Überalterung, Bildung etc.), welche nach schrittweise oder auch radikalen Lösungen rufen. Nach den zwei Tagen weiß ich, wie schwer es ist, relevante Lösungsideen (mit systemischer Wirkung) zu formulieren, denn die Frage der Relevanz setzt eine Vorstellung vom Ist-„Zustand", den Soll-„Zustand" sowie zu Veränderungsstrategien voraus. Zwar gibt das etablierte 4i-Modell eine gewisse Grundorientierung (Idee, Intervention, Implementation, Impact), doch wurde im Verlauf der Tagung immer deutlicher, dass dieses Modell nur die Spitze des Eisbergs oder wie ich es formuliert habe, die sichtbaren Seiten eines „Wasserstrudels" (Analogie) beleuchtet. Bei der Wasserstrudel-Analogie waren mir zwei Dinge wichtig: (a) die Unterscheidung zwischen dem, was oberflächlich (für alle) sichtbar ist und der nicht sichtbaren (impliziten) Ordnung sowie (b) das besondere Teil-Ganzes-Verhältnis, denn der Wirbel ist keine fremde Struktur im Fluss, sondern eine abgrenzbare Ordnung IM Fluss, die sich durch die Energie des Fluss speist. Hier viel abends im Gespräch mit Herrn Hochgerner das Stichwort „dissipative Struktur" (vgl.   http://alloqui-hominem.net/Systeme_Dissipative_Strukturen.PDF), vielleicht eine Anregung, um vor diesem (analogen) Hintergrund tiefer über die Natur der sozialen Innovationen nachzudenken.

Veränderungskultur, Change Agents, Erneuerung im hier diskutierten „sozialen" Sinne sind keine Hobbythemen von Unruhestiftern oder Effizienzfanatikern. Soziale Innovationen kommen vielmehr nicht ohne Fragen nach dem guten Leben, gerechter Entlohnung, kreativer Arbeit oder allgemein humanen Umgang mit Mensch und Natur, aus. Hier sehe ich im Übrigen ein hartes Abgrenzungskriterium zur „normalen" (meist) technischen oder betriebswirtschaftlichen Innovation. Am Ende machen diese normativen und gemeinwohlorientierten Ziele die Sache nicht leichter, aber es rechtfertigt, warum die Staatengemeinschaft in diese Projekte in den kommenden Jahren mehrere Milliarden Euro investieren wird.

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